Wir haben uns umgehört

Burn-out-Erkrankungen in der Landwirtschaft rücken in den Fokus

Der eigentlich erfüllende und sinnstiftende Beruf „Landwirt“ ist für viele zum Krafträuber geworden. Wir haben bei Betroffenen, Beratern und einer Psychologin nachgefragt.

Unbeirrbar und beharrlich; daran gewöhnt, Krisen zu wuppen – ob sie nun das Wetter, die kaputte Maschine oder andere Notfälle betreffen. Das ist nicht nur das Selbstbild ­vieler Landwirte, sondern auch die Wahrnehmung anderer. Studien zeigen zudem: Die Gefahr, im Beruf auszubrennen, ist geringer, wenn die Arbeit als selbstbestimmt und sinnstiftend erlebt wird. Also – eigentlich müsste es den Landwirten und Landwirtinnen gut gehen, bietet ihr Beruf doch viele Aspekte, die vor Burn-out schützen.

Die Zahlen sagen etwas anderes. Psychische Erkrankungen liegen in der Branche auf Platz zwei der Ursachenstatistik zu Krankheitsausfällen. Auch Berater der ländlichen Familienberatungen bestätigen: Bei vielen Konflikten, die sie betreuen, ist mindestens eines der Familienmitglieder an Burn-out ­erkrankt.

Schnell gelesen

  • Burn-out-Erkrankungen in der Landwirtschaft rücken derzeit in den Fokus.
  • Neue Ursachen sind die fehlende ­Anerkennung in der Gesellschaft und die als zunehmend willkürlich empfundene Agrarpolitik.
  • Wer Symptome zeigt, ist oft schon lange im roten Bereich. Der Mensch kann Erschöpfung über mehrere Jahre ­kompensieren.
  • Unterschiedlich anfällig: Menschen mit hoher Leistungsbereitschaft und ­großem Verantwortungsbewusstsein ­erkranken häufiger an Burn-out.
  • Die Bereitschaft, sich bei einer ­psychischen Erkrankung Hilfe zu suchen, ist deutlich gestiegen. Vielen geht es nach einer Therapie bald besser.

Es ist alles zu viel

Gründe für chronischen Stress gibt es in der Landwirtschaft reichlich: Darunter die angespannte finanzielle Situation auf vielen Höfen, verursacht durch schlechte Preise und hohe Verbindlichkeiten. Ein großes Arbeitspensum ist oftmals Standard. Auch die enge Verflechtung von Familie und Betrieb kann in Konfliktsituationen zur Doppelbelastung werden. So weit, so bekannt.

Neu hinzugekommen sind in den letzten Jahren steigende gesellschaft­liche Anforderungen. Eine Beraterin, die anonym bleiben möchte, hat beobachtet, dass die fehlende Wertschätzung ­für ihre Arbeit gerade konven­tionelle Landwirte sehr belastet. „Es grenzt an Feindseligkeit, was ihnen vielfach entgegenschlägt“, meint die Beraterin.

Psychologin Birgitta Thiel, die mit der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) zusammenarbeitet, sieht dieses Phänomen ebenfalls als zentralen Punkt. „Hinter fast jedem Burn-out steckt eine tiefe ‚Gratifikationskrise‘“, sagt die Expertin. Das heißt: Die Sinnfrage, „Was mache ich hier eigentlich – und für wen?“, können sich viele Landwirte und Landwirtinnen nicht mehr zufriedenstellend beantworten. Das Gefühl, sich abzu­rackern und dafür keine Anerkennung zu bekommen, ist für sie ein großer Erschöpfungstreiber. Dabei könne die Missbilligung der Familie ebenso sehr zehren wie die Kritik des weiteren ­Umfeldes.

Willkür statt ­Selbst­bestimmung

Auch die Selbstbestimmung auf der eigenen Scholle, die für die Landwirtschaft immer prägend war, hat abgenommen. Politische Maßnahmen und Regelungen nehmen viele Landwirte zunehmend als „willkürlich“ und als „fern der guten fach­lichen Praxis“ wahr. Dennoch sind die Bauern ihnen ausgeliefert. Das löst bei vielen ein...


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„Einem Burn-out geht oft jahrelange Überbelastung voraus“, sagt Psychologin Birgitta Thiel (51). Sie berät Landwirte und Landwirtinnen bei der Krisenhotline der Sozialversicherung SVLFG.