Tagesschau

Änderungsbedarf der Landwirtschaft lange ausgesessen

Für Prof. Dr. Hubert Wiggering von der Uni Potsdam sind die drastischen Verschärfungen durch das Agrarpaket bei Düngung, Insektenschutz und Tierwohl keine Überraschung. Das Thema wurde lange ignoriert

Die Politik hat es verpasst, bei der Düngung rechtzeitig die richtigen Weichen zu stellen und mit den Landwirten Schritt für Schritt in die richtige Richtung zu gehen. Das sagte Prof. Dr. Hubert Wiggering von der Universität Potsdam gegenüber der Tagesschau. Wiggering ist Sprecher und Vorstand der Deutschen Agrarforschungsallianz (DAFA).

Beispiel Düngung

Als Beispiel nannte er die Nitratwerte. Hier wisse die Politik schon sehr lange, dass Deutschland die europäische Wasserrahmenrichtlinie nicht einhält. „Eine solche Welle gab es vor vielen Jahren schon einmal. Dennoch werden immer wieder reflexartig undifferenzierte Neuregelungen aus dem Boden gestampft“, sagt Wiggering. Jeder Landwirt wird seiner Meinung nach einsehen, dass man hier tätig werden und ökologischer denken muss.

„Aber wenn wir uns jetzt die Vorschläge für neue, undifferenziert schärfere Düngeregeln anschauen - die längeren Sperrzeiten für das Düngen und das Verbot des Düngens mit Gülle beispielsweise in Gewässernähe - muss man sagen, dass es seitens der Wissenschaft und auch der Landwirtschaft durchaus differenzierte Ansätze gäbe, bei denen man auf die unterschiedlichen Böden in verschiedenen Regionen eingeht. Man kann sehr differenziert sagen, wo weniger und wo stärker gedüngt werden sollte. Das Wissen und die Technik sind da“, so der Professor im Tagesschau-Interview.

Beispiel Glyphosat

Auch das Thema Glyphosat schiebe Deutschland schon seit Jahren vor sich her. Für Wiggering ist es völlig klar, dass Ökosysteme und Biodiversität darunter leiden und hier nach neuen Lösungsansätzen für Schädlingsbekämpfung gesucht werden muss. „Dennoch tun alle - auch die Landwirte - so, als ob das jetzt völlig überraschend kommt und die Genehmigung von Glyphosat deshalb doch wieder verlängert werden muss.“ Der Geoökologe nennt als Lösungen alternative Stoffe, mechanische Anbaumethoden und geschickte Fruchtfolgen. Zwar sei etwas dran, dass die Landwirte hier nicht genügend vorbereitet sind. Es sei aber auch nicht haltbar, das immer wieder als Argument vor sich herzutragen, anstatt nach alternativen Lösungen zu suchen.

Beispiel Tierwohl

Als drittes Beispiel für das Aussitzen notwendiger Anpassungsprozesse nennt Wiggering das Thema Tierwohllabel. Auch hier hätten frühzeitig andere Rahmenbedingungen gesetzt werden müssen, ist er überzeugt. „Es gibt zwar Landwirte, die vormachen, dass die entsprechenden Auflagen eingehalten werden können, indem man mehr Platz in den Ställen, tierfreundliche Ausstattung und ähnliches hat. Die Politik muss dafür aber auch andere Genehmigungsverfahren beispielsweise bei Stallneubauten auf den Weg bringen oder beim Thema Immissionsschutz.“

Man könne beim Tierwohl Verbesserungen einführen und die auch verpflichtend machen. Aber dann müsse man dem Landwirt auch die Möglichkeit geben, die Haltungssysteme in diese Richtung zu entwickeln. „Momentan gibt es kaum Stallneubauten, weil die Landwirte keine Planungssicherheit haben. Wir brauchen konkrete Zielvorgaben, wo es hingehen soll und dafür müssen dann die Voraussetzungen geschaffen werden. Und das muss dann auch Bestand haben und darf nicht alle paar Jahre geändert werden“, sagt der Wissenschaftler.

Grundsätzliche Abwehrhaltung

Bei den jüngsten Protesten sei ihm immer wieder aufgefallen, dass es eine Abwehrhaltung an sich gibt. Bei manchen Bauern sei die Bereitschaft, sich zu öffnen verloren gegangen. „Es ist zu einfach zu sagen: 'Wir wollen den Status Quo einfrieren'. Das lässt außer Acht, dass unsere natürlichen Systeme durch Nitrat- oder andere stoffliche Belastungen an Grenzen kommen. Und auch, dass die Gesellschaft beim Ernährungsverhalten andere Wege geht. Da sollten die Landwirte aktiv an der Transformation mitarbeiten und in die Offensive gehen.“

Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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Diskussionen zum Artikel

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von Andreas Gerner

Meint der das Ernst?

Als ob "alternative Stoffe" und "mechanische Anbaumethoden" nicht auch zu lasten der Biodiversität gingen. Lieber Herr Professor, kleine aber wertvolle Info für Sie: Der Sinn von Unkrautbekämpfung ist Unkraut bekämpfen. Also IMMER ein Eingriff in die Biodiversität. Wenn das stattdessen mit einem anderen Mittel oder dem Grubber/Striegel erledigt wird, steht die Katze auf den alten Füßen. Schlimmer noch: wenn aufgrund von Wirkungslücken alternativer Mittel wieder mehr selektive Pflanzenschutzmittel als Ergänzung gebraucht werden, leidet die Vielfalt mehr. Und wenn hartnäckige Wurzelunkräuter/-gräser wie Quecke viele mechanische Eingriffe erfordern, leidet das Bodenleben, wird Humus abgebaut und entsteht Erosion. Striegeln bekämpft neben Unkraut auch Wachteln, Rebhühner, Hasen uvm. Dazu ist auf vielen Böden der mechanische Bekämpfungserfolg und die Bearbeitbarkeit stark von der Bodenfeuchte abhängig und somit riskant. Die Mechanik und die von ihm genannten "geschickten Fruchtfolgen" sind ja seit jeher unsere schärfsten Waffen gegen Unkräuter, werden auch rege genutzt. Und wir kommen ja mit sehr wenig Glyphosat aus(im Gegensatz zu Ländern wie USA und Brasilien, die in Kombination mit GVO Pflanzen wirklich den Bogen überspannt haben und Glyphosat standardmäßig in rauen Mengen in die volle Vegetation der Kultur "gießen"). Aber in manchen Situationen ist ergänzend der angepasste Einsatz von Glyphosat die beste Alternative. Und das meine ich nicht bloß ökonomisch, sondern besonders für Erosionsschutz, Klimaschutz, Humuserhalt, Schonung des Bodenwassers, Vermeidung von Verdichtungen usw. Warum soll man das für unbegründete Ideologie opfern? Und was hat man am Ende davon? In seiner Position hat der Prof leicht reden. Er muss ja nichts auf dem Acker erwirtschaften. Niemanden ernähren. Kein Klima schützen. Kein Grundwasser schonen. Keinen Humus erhalten. Nur ein wenig die Werbetrommel für üppig finanzierte Forschungsaufträge rühren....

von Rudolf Rößle

Aber Hallo

wir gehen doch mit jeder neuen Verordnung mit oder gibt es große Verstöße bei Cross Compliance. Wer aber soll ständig hunderttausende oder Millionen aus dem Ärmel schütteln. Wir sind keine Programmierer und Chemische Industrie.

von Frank Groenewold

Das wissen ist doch da : Die Kläranlagen,das hat der Doktorchen mal wieder vergessen

von Ludwig Hemker

Professor wer?

Was befähigt eigentlich diesen Geologen seine geistigen Ergüsse zu einem Thema von sich zu geben, von dem er offensichtlich nichts versteht. Glyphosat wird mit Schädlingsbekämpfung in Verbindung gebracht usw. Schwachsinn! Das Gequatsche von dem Dr. ist genauso sinnentlerrt wie das von Frau Schulze. Vielleicht kann er sich beim Umweltministerium bewerben. Dort hat er beste Chancen anzufangen.

von Gerhard Steffek

Grundsätzliche Abwehrhaltung!!!!?????

Kann ja sein, daß diese Haltung so mancher Landwirt mittlerweile hat. Genauso kann man aber auch in den Raum werfen, daß so mancher "Experte" an Ignoranz und Fehlpeilung nur so strotzt. Man braucht sich somit nicht wundern, woher die Öffentlichen ihre Meinung haben. Allerdings ist es auch schon mal die Sache, wen man fragt. Stellt sich leider oftmals erst im Nachhinein heraus. Wenn Herr Wiggert schon mal die Nitratrichtlinie bemüht, hat er sich damit auseinandergesetzt wie diese Zustande kam. Sind wirklich die Landwirte schuld? Wer trägt die Verantwortung für die Auswahl der Meßstellen, für die Anzahl. Deutschland hat ja nicht einmal den EU-Durchschnitt an Meßstellen gemeldet, dabei wollen wir doch immer die Nase vornedran haben. Wäre ansonsten das "schlechte" Ergebnis verwässert worden, weil zuwenig hochbelastete Meßergebnisse vorlagen. Wenn ich schon höre, wir haben die Ergebnisse des "Belastungsmeßstellennetzes" gemeldet, während die anderen Länder durchschnittliche Werte angaben, dann stinkt das doch bei uns zum Himmel. Warum spricht Herr Wiggert das nicht an? Hier wurde aus politischer und ideologischer Willkür Deutschland geschadet, nicht geholfen. Da braucht sich Herr Wiggert nicht wundern, wenn so mancher Landwirt dann sagt l.m.a.A., ihr könnt mich gerne haben. Das gleiche Spiel bei Glyphosat. Hier weiß doch jeder Landwirt die Vorzüge zu schätzen, aber auch die Risiken zu beachten. Nur wieviel Risiken haben wir hier tatsächlich und welche sind nur eingebildet. Aus meiner eigenen Arbeit damit, kann ich hier eigentlich nur Vorzüge sehen. Da setze ich lieber auf dieses Mittel, als daß ich Pflug oder Grubber einmal zu oft anwende. Denn da habe ich durch die mechanische Einwirkung erheblich mehr Schaden als durch die Chemie. Alles Ding ist Gift, allein die Menge macht's! Mit dieser Argumentation hat sich doch Herr Wiggert nur ins nichtwissende Abseits manövriert, Hauptsache viel Meinung! Thema Tierwohl! Ja, da mag er Recht haben, hier wurde viel zu lange gewartet und gezögert. Vielleicht weil keiner der Verantwortlichen wußte wie man diese Kuh vom Eis bringen kann, weil es bei jedem Schritt auf dem Eis krachte, aufgrund der konträren Bedingungen von allen Seiten. Ich denke es liegt hier weniger bei den Bauern, als bei der Regierung. Abgesehen davon, mögen die Bedingungen, die gestellt werden, noch so wohlfeil sein, sie müssen auch bezahlt werden. Ohne Moos nichts los! Doch wenn dann unsere Regierung hier nicht die entsprechenden Rahmenbedingungen stellt, dann ist alles für die Katz. Denn was hilft der schönste und beste Tierwohlstall, wenn das Produkt daraus nicht bezahlt wird. Beim Geld hört sich die Freundschaft auf. Wenn dann statt des teureren Tierwohlproduktes lieber der Billigkram aus dem Ausland gekauft wird, ist schnell Schluß mit Lustig. Da hilft auch der beste Tierwohlstall nichts. Hier sollte Herr Wiggert vielleicht mal ein paar Stunden Nachhilfe in Sachen Ökonomie nehmen bevor er sich auf zu glattes Eis wagt. Er mag Geoökologe sein, aber von Ökonomie versteht er anscheinend nichts.

von Ferdinand Kapsreiter

Und wieder in die selbe Kerbe

Auch dieser Artikel greift wieder auf die Nitratbelastung, als Hauptursache zurück. Diese Thematik stimmt aber so nicht 100%ig, würde auch schon von Berufskollegen aufgezeigt! Wir wären uns gar nicht gegen einen Wandel, Landwirtschaft ist immer mit Wandel verbunden, keiner von uns wirtschaftet noch so wie zu den Zeiten seiner Kindheit. Unser Problem ist die falsche Darstellung in diesen Zusammenhang! Die Werte der meisten Gewässer haben sich gebessert die letzten Jahre. Zumal ein solcher Prozess im Grundwasser sowieso Jahre dauert! Und dann sollen, wir innerhalb von zwei Jahren, wieder neue Regelungen akzeptieren, wenn die alten noch nicht Mal Wirkung gezeigt haben, ungeachtet der Tatsache, dass diese schon besser wurden! Wenn die Politik seit 2002 falsche Zahlen meldet, warum sollen wir das ausbaden?

von Wilhelm Grimm

Ich kann auf diese Weissagungen verzichten.

Aber Herr Deter hat mich gestrichen. Dann lasse ich es !

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