Agrarminister der Welt beschließen Umbau der Tierhaltung bis 2030

Über Lösungen, wie die Tierhaltung produktiver, gleichzeitig aber umweltschonender und mit mehr Tierwohl werden kann, diskutierten vergangene Woche über 2.000 Vertreter aus Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft in zehn Fachpodien, zwei Ministertreffen und einem Wirtschaftspodium in Berlin.

Über Lösungen, wie die Tierhaltung produktiver, gleichzeitig aber umweltschonender und mit mehr Tierwohl werden kann, diskutierten vergangene Woche über 2.000 Vertreter aus Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft in zehn Fachpodien, zwei Ministertreffen und einem Wirtschaftspodium auf dem 10. Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) in Berlin.
 
In der Auftaktveranstaltung erinnerte der Generaldirektor des International Livestock Research Institute (ILRI), Jimmy Smith, daran, dass die Tierhaltung weltweit die wirtschaftliche Existenz von 1,3 Milliarden Menschen sichert. Doch Produktionssysteme und Verbrauch unterscheiden sich erheblich: Während jeder Europäer im Durchschnitt jährlich mehr als 70 Kilogramm Fleisch verzehrt, sind es in Afrika gerade einmal acht Kilogramm.
 
Smith warnt davor, den Verzehr tierischer Produkte und die Tierhaltung generell zu verteufeln, wie es immer öfter im globalen Norden passiere: „Eine stärkere Nachfrage nach Fleisch kann in den Ländern des Südens für Einkommen und Arbeitsplätze sorgen“, sagte Smith.
 
Im High Level Panel der Europäischen Kommission wies der Generaldirektor der UN-Landwirtschafts-und Ernährungsorganisation, José Graziano da Silva, auf die Bedeutung tierischer Proteine für die menschliche Ernährung hin. Viele Menschen in den armen Ländern nehmen zu wenig Eiweiß zu sich; gerade für Kinder und Jugendliche sowie ältere Menschen sei das hochwertige tierische Protein essenziell und nur schwer zu ersetzen. Zudem seien Nutztiere gerade für die Ärmsten der Welt das wichtigste Kapital.
 
Tierhaltung bewirkt 14 Prozent der Treibhausgas-Emissionen
 

10. Berliner Agrarministerkonferenz (Bildquelle: Grüne Woche)

Unbestritten ist, dass die Tierhaltung mit erheblichen Umweltauswirkungen verbunden ist: Sie ist für rund 14 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. „Unser nationales Forschungsinstitut hat gezeigt, dass wir Fleisch auch klimaneutral produzieren können“, versicherte der brasilianische Agrarminister Blairo Maggi. Entscheidend dafür sei der Einsatz moderner Technologien bei Tierzucht, Fütterung und Weidemanagement sowie eine kluge Kombination von Ackerbau, Forst und Tierhaltung.
 
Einig waren sich alle Podiumsteilnehmer, dass es keine Pauschallösung für eine effizientere und verantwortungsbewusstere Tierhaltung gibt. So hätten beispielsweise Haltungssysteme, die großen Wert auf das Tierwohl legen, nicht unbedingt automatisch eine bessere Emissionsbilanz, sagte EU-Agrarkommissar Phil Hogan. „Wir müssen die richtigen Anreize für die Landwirte setzen. Wenn die Zahlungen sich an bestimmten Umwelt- und Klimazielen orientieren, bekommen wir auch die Aufmerksamkeit der Bauern“, ist Hogan überzeugt.
 
Nachhaltigkeit als Geschäftsmodell
 
„Die Agrarbranche muss sich darauf einstellen, dass sich die Dinge ändern: Sie müssen all Ihre Geschäftspläne auf Nachhaltigkeit ausrichten, sonst werden Sie vom Markt gefegt“, so die klaren Worte, die Bundesagrarminister Christian Schmidt an die Gäste des Internationalen Wirtschaftspodiums richtete. Der Minister prangerte Produktionsmethoden an, die nur auf schnelles Geld abzielen, aber gesamtgesellschaftlichen Schaden anrichten können, etwa der unverantwortliche Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung, der zur Entwicklung von Multiresistenzen führt. Zudem würden sich Produktionsauslagerungen, die nur auf eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit abzielen, verbieten, so der Minister weiter. Er rief alle Anwesenden und ihre Berufskollegen dazu auf, Verantwortung zu übernehmen, „dann können wir die Welt auch ernähren.“
 
Das Internationale Wirtschaftspodium, das im Rahmen des GFFA traditionell von der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft ausgerichtet wird, sollte klären, welche Rolle dabei der Handel spielen kann und wie die Nahrungsmittel-Lieferketten verbessert werden können.
 
Während der Vizegeneraldirektor der Welthandelsorganisation, Alan Wolff, die Vorteile offener Märkte betonte und Bernd Naaf, Kommunikationsleiter bei der Bayer AG, den zunehmenden Protektionismus in bestimmten Märkten als „potenziell verheerend für Länder mit niedrigem Einkommen“ bezeichnete, warnte der Generalsekretär der Deutschen Welthungerhilfe, Till Wahnbaeck davor, Freihandel als Allheilmittel zu propagieren. „Wir dürfen unsere Freihandelsregelungen nicht Märkten auferlegen, die sich gerade entwickeln und noch nicht konkurrenzfähig sind; hier kann ein Schutz für eine gewisse Zeit durchaus angebracht sein“, betonte Wahnbaeck.
 
Der Vorsitzende der Task Force „Agrarmärkte“ der EU-Kommission, Cees Veermann, setzte sich für mehr Markttransparenz und eine Stärkung der Position der Erzeuger ein, indem sie die Möglichkeit erhalten, ihre Produkte gemeinsam zu vermarkten. „Wir müssen die Vorschriften für Kooperationen und das Wettbewerbsrecht klar fassen, damit die Landwirte sich rechtlich abgesichert zusammenschließen können“, so der Hochschulprofessor und ehemalige Agrarminister der Niederlande.
 
Landwirtschaftliche Wertschöpfungsketten bieten gerade mit Blick auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit im globalen Süden großes Potenzial, doch die jungen Menschen kehren der Branche den Rücken – zu risikobehaftet, zu regelbelastet, zu wenig lukrativ, so die Direktorin des Internationalen Handelszentrums (ITC), Arancha González. „Wir müssen dafür sorgen, dass Landwirtschaft wieder cool ist“, lautete ihr Aufruf an ihre Mitstreiter.
 
„Nichts ist so cool wie Rentabilität“, lieferte der Präsident des Weltbauernverbands (WFO), Theo de Jager, gleich das passende Rezept. Die Realität der kleinbäuerlichen Landwirtschaft sei davon jedoch zumindest in Afrika weit entfernt – mit durchschnittlichen Betriebsgrößen von unter einem Hektar, Maiserträgen von weniger als einer Tonne pro Hektar und einem Erlös von 0,50 US-Dollar am Tag. Was der Sektor brauche: Mechanisierung, Modernisierung, Kommerzialisierung.

Minister fordern nachhaltige und leistungsfähige Tierhaltung

Phil Hogan und Christian Schmidt (Bildquelle: Grüne Woche)

Den politischen Höhepunkt der dreitägigen Veranstaltung bildete die 10. Berliner Agrarministerkonferenz – die weltweit größte ihrer Art. Landwirtschaftsminister aus 69 Staaten sowie Vertreter der EU-Kommission und zahlreicher internationaler Organisationen waren nach Berlin gekommen, um auf der Basis der vorangegangenen Diskussionen Eckpunkte für eine nachhaltige und leistungsfähige Tierhaltung festzuklopfen.
 
Sie identifizierten vier zentrale Herausforderungen, die miteinander in Ausgleich zu bringen sind: Ernährungssicherung, Verbesserung der Existenzgrundlagen, Schutz von Ressourcen, Klima und Umwelt sowie Verbesserung von Tiergesundheit und Tierwohl. Mit dem Beschluss des Abschlusskommuniqués verpflichten sich die teilnehmenden Landwirtschaftsminister, die Umsetzung der Agenda 2030 aktiv zu unterstützen.
 
„Der nachhaltige Umgang mit den Tieren bei der Produktion tierischer Nahrungsmittel ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Nutztierhaltung ist unter verschiedenen Gesichtspunkten für die weitere Entwicklung der Bevölkerung bedeutsam“, erklärte Agrarminister Schmidt. Der Ernährungsstatus der Menschen, der wirtschaftliche Wohlstand ländlicher Regionen und die Auswirkungen von Klima und Umwelt seien nur einige Faktoren, die in einen gerechten Interessenausgleich zu bringen sind.
 
Ein weiterer wesentlicher Punkt ist laut dem CSU-Politiker die Tiergesundheit und ihre wechselseitige Abhängigkeit mit der menschlichen Gesundheit. Dies werde insbesondere bei Zoonosen und bei der Problematik der Antibiotikaresistenzen deutlich. „In unserem Abschlusskommuniqué haben wir daher beschlossen, uns weltweit verstärkt gegen den unnötigen Einsatz von Antibiotika zur Wachstumsförderung in der Tierhaltung einzusetzen. Auch wollen wir die Tierhaltung ressourcenschonender ausgestalten. Es müssen standortgerechte, regional angepasste Lösungen gefunden werden. Schlüssel zum Erfolg für die Weiterentwicklung der Tierhaltung zu einem nachhaltigen und effizienten Wirtschaftszweig sind insbesondere moderne Produktionstechnik, neue Technologien und Know-How-Transfer“, so der Minister.
 
Der Tierhaltung kommt auch bei der Erreichung der Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 der Vereinten Nationen eine besondere Bedeutung zu, erklärt Schmidt weiter. Das gelte insbesondere für das sog. SDG 2, das zum Ziel hat den Hunger zu beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung zu erreichen und nachhaltige Landwirtschaft zu fördern.
 

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Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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