Agrarpaket im Stresstest

Agrarministerin Klöckner und Umweltministerin Schulze rücken zum Agrarpaket zusammen. Ein gemeinsamer Besuch in der Praxis zeigt, ihnen stehen kleinteilige Diskussionen bevor.

Der Termin war von langer Hand geplant und wurde von der Aktualität des erst letzte Woche vom Bundeskabinett beschlossenen Agrarpakets eingeholt. Am Montag besuchten Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und Umweltministerin Svenja Schulze gemeinsam mit Bauernpräsident Joachim Rukwied einen FRANZ Demonstrationsbetrieb im Brandenburger Havelland. Dort werden biodiversitätsfördernde Maßnahmen wissenschaftlich begleitet in die Praxis gebracht. Schon am Eingangstor zum Betrieb von Peter Kaim wurden die drei von einer kleinen Bauerndemo begrüßt. „1.500 €/ha und wir sind gern Lohnunternehmer für Deutschland“, hatte eine Hand voll Landwirte auf ein Plakat geschrieben.

Rukwied will Änderungen am Agrarpaket

Bauernpräsident Joachim Rukwied mahnte bei dem Betriebsbesuch „erheblichen Gesprächsbedarf“ zum Agrarpaket an. Das Insektenschutzprogramm der Bundesregierung sei ein Affront gegen das Engagement von Landwirten im Umweltschutz. „Hier wird Ordnungsrecht über kooperativen Naturschutz gesetzt“, schimpfte Rukwied. Viele Bauern seien verzweifelt und verstünden diese Politik nicht mehr. „Daher lade ich die beiden Ministerinnen zu einem Gespräch über eine kooperative Zukunft von Landwirtschaft und Naturschutz am Standort Deutschland ein“, sagte Rukwied. Die im Franz-Projekt entwickelten Lösungen bezeichnete Rukwied hingegen als Vorbild.

Klöckner und Schulze fordern Sachlichkeit ein

Die beiden Ministerinnen Klöckner und Schulze gingen der Debatte nicht aus dem Weg und verteidigten ihre Einigung. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner warnte den Bauernverband „den Untergang des Abendlandes“ und einen „Abgesang auf die Landwirtschaft“ im Zusammenhang mit dem Agrarpaket herbei zu reden. Sie riet dazu „verbal abzurüsten“. „Das sofort als toxisch zurückzuweisen hilft keinem und vergiftet die Debatte“, sagte Umweltministerin Schulze in Richtung Rukwied. Dieser hatte in seiner ersten Reaktion das Agrarpaket am Tag der Veröffentlichung als „für die Landwirte toxisch“ bezeichnet. Klöckner betonte, dass ihr und ihrem Haus die Praxistauglichkeit der Maßnahmen zum Insektenschutz wichtig sei. „Ich kämpfe für Praxistauglichkeit und da haben BMEL und BMU auch noch etwas miteinander zu kämpfen“, sagte sie. Teil des Beschlusses seien schon jetzt Ausnahmen von den geplanten Pflanzenschutzverboten etwa in Schutzgebieten oder beim Glyphosat Ausstieg für Erosionsstandorte, erläuterte sie. Klöckner verwahrte sich gegen Pauschalaussagen, die Bundesregierung verbiete den Pflanzenschutz. „Das stimmt so nicht“, sagte sie. Erneut kündigte Klöckner finanzielle Unterstützung für Umweltleistungen der Landwirtschaft an. „Wir werden Geld in die Hand nehmen“, sagte sie. Umweltministerin Schulze argumentierte, dass sie sowohl von den Kommunen und Städten als auch von der Landwirtschaft erwarte, dass diese „etwas tun, um das Insektensterben zu stoppen“. „Ich bitte sie anzuerkennen, dass wir handeln müssen“, sagte sie.

Bei Glyphosat wird es emotional

Bei der gemeinsamen Besichtigung von Maßnahmen im Feld geraten Rukwied und Schulze dann zum Reizthema Glyphosat aneinander. Rukwied verteidigt den Einsatz von Glyphosat als Mittel für die Direktsaat, für den Erosionsschutz und für Ausnahmejahre. „Wenn ich das Mittel nicht in der Hinterhand habe, muss ich Zwischenfrüchte reduzieren“, sagte Rukwied. „Nur dass sie dann keine Insekten mehr haben“, antwortet Schulze und fragt ihn weiter, wie er es denn gemacht habe, bevor Glyphosat zur Verfügung stand?

Biodiversitätsmaßnahmen kommen an

Betriebsleiter Peter Kaim empfindet sich als „Bindeglied zwischen Naturschutz und Ökonomie“. Mit wissenschaftlicher Begleitung setzt er auf seinem Betrieb bis zu 10 Biodiversiätsmaßnahmen um und integriert sie in seine Produktion. Kaim bewirtschaftet einen Milchviehbetrieb mit 130 Kühen, 720 ha Acker und 240 ha Grünland und hat eine 380 kW Biogasanlage mit Fernwärmenetz angeschlossen. Im Franz-Projekt testet er mehrjährige Blühstreifen, Feldlerchenfenster, Extensiv-Getreide, Untersaaten, Altgrasstreifen und Feldvogelinseln sowie mehrjährige Wildblumenmischungen für die Biogasanlage. Mit letzterer erreicht er 60% der Gasausbeute, die er sonst aus dem Mais holt. Kaim berichtet, dass er viel Rückhalt und Interesse aus der Bevölkerung bekommt, seit die Maßnahmen auf seinen Feldern stehen. Die Ansprüche an ihn und seine Mitarbeiter sind dadurch gestiegen. Wichtig sei vor allem eine umfassende Beratung zu den Maßnahmen und ihrer Pflege.

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Artikel geschrieben von

Stefanie Awater-Esper

Korrespondentin Berlin

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Diskussionen zum Artikel

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von Hans Wolf

Gesellschaft auf dem Roß

Wenn der Bettelmann aufs Roß kommt , dann reitet er es zu Tode.

von Edgar Ebrecht

Kompetenz???

Die Fachleute sitzen ja laut Aussage von Frau Schulze im BUM. Wenn Glyphosat verbieten will, dann muss ich den Plfug auch mit verbieten. Der vernichtet auch jegliche Biodiversität auf dem Acker.

von Renke Renken

Dumme Frage Frau Schultze,

wie haben wir es denn vorher gemacht, bevor das Auto kam ging der Mensch zu Fuß oder nahm die Kutsche - also bitte satteln sie um und gehen mit gutem Beispiel voran, aber sich an anderen austoben und ihnen das Leben schwermachen ist leicht

von Wilhelm Eggert

Was haben wir ohne Glyphsat gemacht?

Diese Herrschaften sind zu jung um zu Wissen das bei genügend Arbeitsgängen die Beikräuter (Unkräuter) auch bekämpft werden können. Dabei werden natürlich sehr viel Abgase in die Luft geblasen.

von John Nissen

Wie soll das enden?

Sind wirklich wir Bauern alle zu doof die Politiker zu verstehen? Oder sind die Politiker zu feige die wahren Ursachen (Verkehr, Industrie) zu bearbeiten? Ich weiß nicht mal mehr ob ich über das Agrarpaket lachen oder weinen soll. Fest steht, dass damit das Höfesterben extrem beschleunigt wird. Wir brauchen jetzt eine Berufsvertretung, die für uns und mit uns kämpft, aber richtig. Es wird dringend Zeit auf die Straße zu gehen!

von Martin Forster

Sachlichkeit einfordern?

Denk an Stan Laurel und Oliver Hardy. Glyphosat wird überall nachgewiesen weil immer auf AMPA untersucht wird, und jedes Probefläschen das vorher mit Spüli gereinigt wurde reagiert wohl auf AMPA. Wenn Weizen mit 150 kgN/ha gedüngt wird verursacht die N-Produktuion 3 dt CO², die 40 dt/ha Weizen die dann mehr gedroschen werden sollten binden 56dt CO². Aber die Deutschen lassen lieber den Regenwald abholzen statt sich auf effektive Produktion zu verlassen.

von Gerhard Steffek

"Nur dass sie dann keine Insekten mehr haben“

Allein schon diese Antwort zeigt ihre Inkompetenz in Sachen Landwirtschaft auf. Nur viel von Ideologie geprägte Meinung. Kann man mit so einem Menschen eigentlich sachlich diskutieren?

von Albert Maier

Frei erfunden!!!

Und dann als Totschagargument missbraucht:„Nur dass sie dann keine Insekten mehr haben“,. Auch wenn es nicht opportun ist, was dringend erforderlich ist, sind endlich klare Worte:: Es gibt kein Insektensterben.

von Willy Toft

Politik trifft Wirklichkeit!

Ob unsere beiden Ministerinen etwas gelernt und mitgenommen haben, erschließt mir noch nicht. Auf der einen Seite die Landwirte mit ihren Frust, weil das Agrar- Paket so nicht umsetzbar ist, und auf der anderen Seite sollen wir doch bitte Verständnis für die Situation der Politikerinnen entgegen bringen. Das können wir ein Stück weit auch, nur alles auf die Landwirtschaft abzuschieben, was an Defiziten in der Natur auffällt, ist mir echt zu billig! In den Medien wird bei allen Themen die uns alle angehen, der Landwirt mit einer Schuldzuweisung belegt. Das muss aufhören, denn der Landwirt kann nicht zum Prügelknaben der Nation verkommen! Die Politik sollte dringend noch mal in sich gehen, und über das angedachte Agrar- Paket nachdenken. Jeder Landwirt den wir jetzt verlieren, fängt nie wieder an, die Politik hat es in der Hand welche Strukturen sie erhalten wollen!!

von Gerd Uken

Ausnahmen werden ja jetzt schon zugelassen

https://m.lwk-niedersachsen.de/index.cfm?m=news&article=9967 Wieder Papierkram und zusätzliche Kosten- kein bisschen Bürokratieabbau!! Im Alten Land wird das angewendet Benachteiligt sind dann ha wiederum diejenigen die inSchutzgebieten Wirtschaften wo sie sowieso durch Auflagen schon eingeschränkt sind.

von Wilhelm Grimm

Diskussionen mit Frau Schulze sind Zeitverschwendung,

wie die Antwort zum Glyphosat beweist: "Wie haben sie es denn vorher gemacht" Geht es noch blöder? Und Frau Klöckner will mit der zusammen arbeiten. Viel besser kann die auch nicht sein. Und Herr Rukwied hat nur "erheblichen Gesprächsbedarf"? Der DBV ist tief gesunken.

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