Arbeiten bis zum Umfallen?

Es ist erschreckend, was mir Bäuerinnen über ihren Alltag berichten. Eine erzählt, dass sie jahrelang keinen Ausgleich zu der Arbeit im Betrieb hatte. Morgens hat sie im Stall geholfen, sich danach um die Kinder gekümmert, für alle zu Mittag gekocht, am Nachmittag im Hofladen geholfen und abends wieder in den Stall...

Anja Rose (Bildquelle: top agrar)

Ein Kommentar von Anja Rose, top agrar Österreich:
 
Es ist teilweise erschreckend, was mir Bäuerinnen über ihren Alltag berichten. Eine erzählt, dass sie jahrelang keinen Ausgleich zu der täglichen Arbeit im Betrieb hatte. Morgens hat sie im Stall geholfen, sich danach um die Kinder gekümmert, für alle zu Mittag gekocht, am Nachmittag im Hofladen ausgeholfen und abends wieder in den Stall...

Erst als sie die ersten Anzeichen eines Burn-outs verspürte und ihr Arzt ein solches diagnostizierte, nahm sie sich mal wieder Zeit für sich selbst. Seitdem sind Jahre vergangen. Was blieb, ist ihr Bewusstsein dafür, dass sie kleine Auszeiten vom Alltag einfach braucht, um wieder leistungsfähig zu sein. Sie geht nun ein- bis zweimal pro Woche zum Yoga. Aber das stößt ihrer Familie bitter auf. Auszeiten braucht man nicht, sagte ihre Schwiegermutter. Nur die Leistung zählt, sagte ihr Schwiegervater. Skeptische Blicke folgen ihr, wenn sie zur Yoga-Stunde vom Hof fährt.

Aber kann das wirklich sein? Dass Bäuerinnen und Bauern von der eigenen Familie nur über ihre Leistung im Betrieb definiert werden? Und dass manch einer den Anspruch an sich selbst hat, bis zum Umfallen zu „ackern“? In der Praxis kann man tatsächlich oft beobachten, dass auf den Höfen nicht nur die Arbeitsbelastung hoch ist, sondern auch das Pflichtbewusstsein und der Anspruch an die eigene Arbeit. Doch bei all dem Willen und der anfallenden Arbeit darf auch die pflichtbewussteste Bäuerin eines nicht verlieren: Sich selbst.

Was wirklich zählt, das ist doch die eigene Gesundheit und die zwischenmenschlichen Beziehungen, sagte eine Bäuerin zu mir. Der Betrieb ist natürlich wichtig, aber noch wichtiger sind wir selbst, unsere Familie und unsere Ehe.

Und sie hat recht. Wir sind selbst in der Pflicht, auf uns und unseren Körper achtzugeben, auf uns aufzupassen und im Zweifelsfall auch einfach mal „Nein“ zu sagen. Die Melkzeiten nach hinten zu schieben, damit man vorher noch einen Spaziergang machen kann. Oder einen Babysitter zu engagieren, damit man als Paar einmal pro Woche zum Tanzkurs gehen kann. Kleine Ruheinseln im Alltag, die dann wieder Kraft für die tägliche Arbeit geben.

Das ist es auch, was ich für mich selbst aus den Gesprächen mit Bäuerinnen mitnehme: Nimm Dir ab und zu mal wieder Zeit für Dich selbst. Vielleicht nicht heute, wenn das Heu nach Feierabend noch nach Hause gebracht, die Beregnungsrohre gelegt und der Hofladen betreut werden muss. Aber morgen stehe ich früher auf und gehe eine Runde joggen oder radeln. Das hilft mir, den Kopf frei zu bekommen. Es gibt so viele Möglichkeiten für Auszeiten vom Alltagstrott (siehe S. 48 bis 50 in der neuen top agrar Österreich 8/2018).

Es liegt an Ihnen, herauszufinden, was zu Ihnen passt. Und fordern Sie die Zeit dafür auch ein – ganz egal, was andere davon halten. Es bringt niemandem etwas, wenn Sie sich kaputt arbeiten. Am allerwenigsten dem Betrieb.

Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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Diskussionen zum Artikel

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von Rudolf Rößle

Leute

man muss immer Glück haben die richtigen Leute zur richtigen Zeit zu finden. Z.B. einen Siliertrupp, geschickte Baggerfahrer oder gute Kinderbetreuung. So ist man in Stresszeiten nicht im Stress und kann Freizeit aktiv planen.

von Karlheinz Gruber

Ein Gedicht (irgendwo gefunden)

Du weißt nicht mehr wie die Blumen duften, kennst nur die Arbeit und das Schuften, so gehen sie hin die schönen Jahre, dann liegst Du auf der Bahre. Und hinter Dir da grinst der Tod, kaputtgerackert, Vollidiot. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht mehr zu sagen. Außer: Die Frauen auf den Betrieben, daß muß man sagen, arbeiten z. T. noch um einiges mehr als die Männer. Der gesamte Haushalt usw.... Mein größter Respekt an die Damenwelt

von Matthias Zahn

Prioritäten setzen!

Das heutige Problem liegt auch darin, dass man einen Betrieb nahezu perfekt führen muss, um überhaupt Geld verdienen zu können. Das erfordert ein hohes Maß am Disziplin und Fleiß! Dabei kann es allzu leicht passieren, das der Fokus zu sehr auf dem Betrieb liegt. Deshalb muss man sich immer wieder Zeit für Familie und Freunde bewusst freimachen. Dann kann es dazu auch nötig sein, Arbeiten auszugliedern. Nicht alles selber machen. Dazu müssen aber die Gewinne passen! Manchmal kein leichter Spagat. Bitte merken: "Wenn Sie etwas in ihrem Leben bisher nicht getan haben, war es ihnen einfach nicht wichtig genug! Das ist die nackte und grausame Wahrheit!" Deshalb müssen wir gut überlegen, was wichtig ist in unserem Leben.....

von Frank Groenewold

Und nicht zu vergessen der enorme Papierkram

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