Bauer Willi ernüchtert: "Warum mache ich das eigentlich alles?"

"Als ich von der Kampagne des BMUB mit den Bauernregeln erfuhr, stieg zuerst Wut in mir auf. Doch dann folgte kurz darauf ein Gefühl von Resignation und Traurigkeit. Und ich fühle mich verletzt, weil in diesen Aussagen alle über eine Kamm geschoren werden. Und dann habe ich mich gefragt: wozu machst Du das alles?"

Bauer Willi

Bauer Willi (Bildquelle: bauerwilli.com)

Ein neuer Eintrag von Bauer Willi auf www.bauerwilli.com:

"Als ich von der Kampagne des BMUB mit den Bauernregeln erfuhr, stieg zuerst Wut in mir auf. Doch dann folgte kurz darauf ein Gefühl von Resignation und Traurigkeit. Und ich fühle mich verletzt, weil in diesen Aussagen alle über eine Kamm geschoren werden. (...)

Und dann habe ich mich gefragt: wozu machst Du das alles? Wozu sollen wir Landwirte uns dem Dialog öffnen, wenn uns Vertreter der eigenen Regierung so ins Kreuz treten? Von Seiten der „Schützer“ von Tier und Natur, von NICHT-Regierungsorganisationen (NGO’s)  kennt man das ja. Aber von einer Ministerin im Amt? Das ist dann doch eine andere Qualität…

Jeder gegen jeden

Aber was lernen wir aus diesem erneuten verbalen Ausrutscher: Wenn staatliche Institutionen sich gegenseitig bekämpfen,  kommen wir Bürger unter die Räder. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) kämpft schon seit längerem gegen das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Das BMUB sieht eklatante Missstände in der gegenwärtigen Agrarwirtschaft in Deutschland, hält sie für nicht zukunftsfähig und will diese grundlegend umbauen. Doch anstatt in der eigenen Regierung  vorstellig zu werden, um einen politischen Konsens zu erreichen wie die Landwirtschaft der Zukunft aussehen soll, geht das BMUB, allen voran die zuständige Ministerin Hendricks, öffentlich gegen die Berufsgruppe der Landwirte vor. Und ein wirklicher Widerstand aus anderen Teilen der Regierung ist kaum hörbar. Aber Mutti kann sich ja auch nicht um alles kümmern…

Bauern sind an allem schuld

Landwirte werden nicht nur als Schuldige z.B. für Hochwasserkatastrophen, miese Klimabilanzen, Wasserverschmutzungen etc. verantwortlich gemacht, sondern es wird ihre gesamte derzeitige Wirtschaftsweise in Zweifel gezogen. Mit den angeblichen „Bauernregeln“ (die ich eher zynisch als humorvoll oder „witzig“ finde) fühlen sich alle Landwirte persönlich gekränkt.

Und am Samstag legte Staatsekretär Flasbarth noch nach: Statt sich zu entschuldigen oder die Aussagen zumindest zu relativieren, fordert er die – vorher gebashten – Landwirte auch noch zum Dialog auf. Der gefoulte Mitspieler hätte ja aus dem Weg gehen können…

Wir Bauern sind selber „schuld“?!

Doch was ist das Problem von uns Essensmachern? Wir Landwirte haben in den vergangenen Jahrzehnten genau diejenige Effizienzsteigerung erbracht, welche die wohlstands- und leistungsorientierte Politik mit der Liberalisierung der Agrarmärkte von der Agrarbranche gefordert hat. Unser eigener Erfolg wird uns nun zum Vorwurf gemacht. Weichenstellungen wie die Bio-Energie, die vor einem Jahrzehnt die „Bauern zu den Scheichs von morgen“ machen sollten, werden heute von genau denjenigen kritisiert, die diese vorher lauthals gefordert und in die Tat umgesetzt haben. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern…

Unsere Demokratie verändert sich

Doch die jetzige politische Agitation eines einzelnen Ministeriums gegen eine Berufsgruppe zeigt uns erneut, dass die politischen Eliten unseres Landes nicht mehr in der Lage sind, Probleme in einem demokratischen Prozess zu lösen. Sie verlagern die Diskussion bewusst auf die Straße. Damit spielen sie mit dem Feuer, weil  so die Politikverdrossenheit weiter geschürt wird und die Wähler in die Arme von solchen Parteien getrieben werden, die vordergründig einfache Lösungen anbieten. Trump lässt grüßen…

Veränderung tut not

Zu tun gäbe es genug. Auch im Falle der Veränderung der Agrarbranche. Die Signale der Branche zur Veränderungsbereitschaft – nicht nur auf der grünen Woche – sind unübersehbar. Verantwortungsvolle Politik muss diese Signale aufgreifen, sie moderieren und dann auch handeln, anstatt das Volk zu spalten.

Ich hoffe, dass sich unsere gewählten Volksvertreter wieder ihrer Verantwortung bewusst werden und mit uns Bauern in den Dialog eintreten. Dass sie mit uns nach Ansätzen und Lösungen suchen, wie wir der Bevölkerung weiterhin gute und bezahlbare Lebensmittel zur Verfügung stellen können. Und dabei auch noch überleben und nicht weichen! Denn dann setzt sich der Trend von Bauernhöfen zu Agrarfabriken nur noch weiter fort.

Doch wie geht es weiter?

Einseitige Vorwürfe sind denkbar schlechte Voraussetzungen für einen konstruktiven Dialog. Von daher wäre es wünschenswert, wenn dieser Dialog nicht abstrakt auf Plakaten und Postkarten in den Städten geführt würde, sondern real, mit uns auf dem Land. Wir Bauern sind dazu bereit. Zumindest die meisten, so meine Wahrnehmung.

Und an meine Berufskollegen: Wut ist kein guter Ratgeber, Resignation ist keine Option! Wer aufgibt hat schon verloren.  Deshalb: jetzt erst recht, Visier hoch, sich der (manchmal auch berechtigten) Kritik stellen und nicht verkriechen. Es gibt so viele Menschen, die unsere Arbeit schätzen, und bei denen es lohnt, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Es gibt so viele, die zuhören, mit denen man diskutieren kann. Um die sollten wir uns bemühen! Denn auch die Tage einer Frau Hendricks sind gezählt…

Euer Bauer Willi"

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