Ukrainekrieg

BMEL plant keine Tierzahlreduktion, um Futtergetreide in Nahrungsmittelschiene umzuleiten

Das Agrarministerium hat nicht die Absicht, aufgrund der aktuellen Lage Tierbestände rasch zu reduzieren, um mehr Getreide für die menschliche Ernährung zu sichern.

Für viele Länder im Nahen Osten und in Afrika bedeuten die nun weitgehend ausbleibenden Nahrungsmittelexporte aus der Ukraine eine massive Gefahr für die Versorgungssicherheit. Laut Agrar-Staatssekretärin Dr. Ophelia Nick müssen daher deutlich mehr als 40 % der Weizenlieferungen an Länder wie Ägypten, Jemen oder Algerien zeitnah ersetzt werden.

Die Versorgung in Europa sei allerdings nicht in Gefahr, sagte sie am Mittwoch bei einer Dikussionsveranstaltung. Deutlich machte die Staatssekretärin, dass ihr Haus nicht die Absicht habe, aufgrund der aktuellen Lage Tierbestände rasch zu reduzieren, um mehr Getreide für die menschliche Ernährung zu sichern. Richtig sei, dass man Tiere in der Kreislaufwirtschaft brauche. Klar sei allerdings auch, dass die Menge des konsumierten Fleisches reduziert werden müsse. Gemeinsam mit den Bauern müssten Wege gesucht werden, um die Erzeugung flächengebundener zu gestalten, so Nick. Dies sei aber eher ein mittelfristiger Lösungsansatz.

Lebensmittelverschwendung reduzieren

Der Agrarsprecher der Grünen/EFA im Europaparlament, Martin Häusling, hob hervor, dass 57 % des in Deutschland erzeugten Getreides in der Fütterung zum Einsatz kämen. Fast 18 % der Ackerfrüchte würden der Energiegewinnung dienen. Darüber hinaus sei die Lebensmittelverschwendung mit der wirksamste Hebel um der Versorgungssicherheit zu dienen, sagte Häusling.

Als „akut wirksam“ bezeichnete der Agrarökonom Prof. Sebastian Lakner von der Universität Rostock die Möglichkeit, einen Teil der Biokraftstofferzeugung kurzfristig auf die Nahrungsmittelerzeugung umzulenken. Derzeit würden 9 % der weltweiten Pflanzenerzeugung in die Produktion von Agrosprit und Biogas wandern. Das sei die wirksamste Stellschraube. Laut Lakner würde die Umsteuerung im Tiersektor hingegen „Jahre“ benötigen, um spürbare Effekte zu erzielen.

Diskussion führt in die falsche Richtung

Die durch den Ukraine-Krieg verursachte Versorgungsunsicherheit darf laut den Teilnehmern der Diskussionsrunde aber nicht gegen die Klimakrise ausgespielt werden. Verwiesen wurde insbesondere auf die negativen Folgen des Klimawandels auf die Ernährungssouveränität vieler Länder.

Dr. Christine Chemnitz, Agrarreferentin der Böll-Stiftung, zeigte sich überrascht, wie schnell in der Debatte um fehlendes Getreide am Weltmarkt ein Umsteuern in der Landwirtschaft auf die Erfordernisse des Klimawandels als „Luxusdebatte“ bezeichnet werde. Dies unterschlage, dass der Umbau der Landwirtschaft auch mit und nach dem Ukraine-Krieg zwingend nötig sei, denn „die Klimakrise bleibt bestehen“.

Der Hunger der Welt könne auch nicht dadurch bekämpft werden, wenn in der Europäischen Union im Zuge der Agrarreform verankerte Flächenstilllegung von Agrarflächen um 2 % niedriger ausfalle. Diese Diskussion führe in die falsche Richtung. Für die Tatsache, dass 10 % der Weltbevölkerung hungerten seien strukturelle Probleme wie Armut, kein Zugang zu Land, fehlende Beratung und eine fehlende Resilienz der Ernährungssysteme verantwortlich.

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