Details zum staatl. Tierwohllabel besprochen

Im nächsten Jahr sollen erste Produkte mit dem staatlichen Tierwohllabel im Handel sein. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) hat vergangenen Donnerstag mit Verbänden und Vertretern der Lebensmittelbranche einen ersten Entwurf besprochen. Vorbild des staatlichen Programms soll die Initiative Tierwohl sein.

Schwein mit Ringelschwanz (Bildquelle: Archiv)

Im nächsten Jahr sollen erste Produkte mit dem staatlichen Tierwohllabel im Handel sein. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) am vergangenen Donnerstag mit Verbänden und Vertretern der Lebensmittelbranche einen ersten Entwurf besprochen. Vorbild des staatlichen Programms soll die Initiative Tierwohl sein. Die Initiative soll nun Vorgaben für das staatliche Label vorschlagen, die über den eigenen liegen.

Umwelt- und Tierschützer halten den vierseitigen Entwurf, den die Initiative im Ministerium präsentierte, dagegen für zu lax. Das Label biete kaum Verbesserungen. Nur an zwei Stellen geht er über das eigene Label hinaus, heißt es etwa bei Greenpeace. Kleine Verbesserungen seien nur beim Platzangebot und beim Futter geplant. So sollen etwa Schweine im Stall zehn bis 15 Prozent mehr Platz bekommen, als im Gesetz festgeschrieben. Nötig seien 40 Prozent, erklärt ein Bündnis von Umweltverbänden um Greenpeace.

Zwar soll Raufutter wie Heu oder Stroh zur Pflicht werden. Umstrittene Praktiken wie das Kürzen von Ringelschwänzen seien demnach aber weiter möglich. Ein ausgewachsenes Schwein bekäme einen DIN A4-Blatt großen zusätzlichen Platz. So schaffe das staatliche Siegel keine nennenswerte Verbesserung. Nicht einmal das Tierschutzgesetz würde eingehalten, zitiert die Süddeutsche Zeitung die Tierschützer.

Das Landwirtschaftsministerin wollte die Vorschläge laut der Zeitung nicht bewerten. Ministerin Julia Klöckner teilte mit, sie wolle "das Kennzeichen so attraktiv machen, dass viele Landwirte mitmachen und sich dadurch die Haltungsbedingungen der Nutztiere spürbar verbessern."

Die Branche hält nach Informationen der SZ dagegen, dass die Forderungen der Tierschutzorganisationen nur wenige Betriebe umsetzen und nur wenige Verbraucher die teuren Produkte kaufen würden. Man habe für Schweine einen Vorschlag für bessere Haltungsbedingungen gemacht, der von einer größeren Zahl von Betrieben umgesetzt werden könne.

Finanzierung nicht allein über den Markt

Stallbau (Bildquelle: Stallbau)

Die Verbände wollen laut ihrem Papier neben einem wesentlich höheren Platzangebot in der Einstiegsstufe intakte Ringelschwänze vorschreiben und den sogenannten „vierten Weg“ in der Ferkelkastration ausschließen. Vorgeschrieben werden soll eine „bequeme, leichte Liegefläche“; Vollspaltenböden sollen nicht mehr neu zugelassen werden. Die Fixierung von Sauen im Deckbereich soll als Voraussetzung für die Einstiegsstufe auf maximal vier Tage begrenzt werden, ebenso die Fixierung nach dem Abferkeln.

Die Finanzierung des notwendigen Umbaus in verbesserte Haltungsverfahren kann nach Auffassung der Verbände nicht allein über den Markt erfolgen. Über die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) sowie Bundesmittel stünden bereits Milliarden Euro an öffentlichen Fördergeldern zur Verfügung. Die seien „weit umfänglicher und zielgerichteter“ als bisher für den Umbau zur Verfügung zu stellen. Die Organisationen sehen das freiwillige Tierwohllabel lediglich als Übergangslösung für eine anzustrebende verpflichtende Haltungskennzeichnung. Für die Überführung müsse bereits jetzt der gesetzliche Rahmen geschaffen werden.

„Tierwohllabel darf keine Eintagsfliege sein“

Franz-Josef Holzenkamp (Bildquelle: DRV)

Der Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV), Franz-Josef Holzenkamp, betonte unterdessen, dass er den geplanten freiwilligen Einstieg in die staatliche Tierwohlkennzeichnung ausdrücklich begrüßt. Zusammen mit der Einstiegsstufe auf Basis der Kriterien ,Initiative Tierwohl Plus‘ sei dies Voraussetzung für eine notwendige breite Wirkung im Markt.

Das so ausgezeichnete Fleisch dürfe kein Nischenprodukt sein, sondern das Label müsse eine Breitenwirksamkeit entfalten. Deshalb dürften die Kriterien in der Einstiegsstufe nicht zu anspruchsvoll sein. Nicht zuletzt müssten unterschiedliche Verkaufsstufen – vom Lebensmitteleinzelhandel über den Großverbrauch bis hin zu Restaurants – eingebunden werden. 

Holzenkamp betont, dass die Genossenschaften die Diskussion um die geplante staatliche Tierwohl-Kennzeichnung gerne mitgestalten. Allerdings: „Das Tierwohllabel darf keine Eintagsfliege sein, es muss langfristig wirtschaftliche Verlässlichkeit für die gesamte Wertschöpfungskette bieten.“ Denn Investitionen in der dafür nötigen Größenordnung seien häufig Generationenentscheidungen.

Breite Marktdurchdringung ermöglichen

Initiative Tierwohl (Bildquelle: Logo)

Auch der Vorschlag der Initiative Tierwohl (ITW) sieht vor, dass die Kriterien in der Einstiegsstufe über dem gesetzlichen Standard liegen, diese gleichzeitig aber eine breite Marktdurchdringung ermöglichen sollen. Bei Mastschweinen schlägt die Initiative beispielsweise für Tiere mit 50 kg bis 110 kg eine Mindestfläche von 0,85 m2 vor. Im Vergleich zum gesetzlichen Wert von 0,75 m2 entspricht das einem Zuschlag von rund 13 %.

Zudem spricht sich die Initiative für ein zeitlich differenziertes Vorgehen aus. So sollte nach ihrer Ansicht zunächst mit der Produktionsstufe Mast begonnen werden, bevor dann nach einer Übergangszeit von drei Jahren auch die Sauenhaltung und die Ferkelaufzucht einbezogen werden. Weitere Vorgaben für die Einstiegsstufe beziehen sich unter anderem auf den Zugang von Raufutter und die Bereitstellung von Beschäftigungsmaterial, auf regelmäßig durchzuführende Stallklima- und Tränkewasserchecks und wiederkehrende Tierschutzfortbildungen für die Tierhalter.

Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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Diskussionen zum Artikel

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von Paul Siewecke

Wenn die Politik was will...

dann soll sie es gesetzlich festschreiben, z.B. in den entsprechenden Haltungsverordnungen! So einfach ginge das! Die Preise im Handel passen sich dann schon an. Die ganze Tierwohldebatte nutzt weder den Tieren wirklich, noch den Erzeugern, noch dem LEH, noch den Endverbrauchern. Die einzigen, die sich noch zusätzlich in die Wertschöpfungskette einklinken sind die zusätzlich nötigen Zertifizierungsunternehmen. (und natürlich auch entsprechend Werte abschöpfen...)

von Christian Bothe

Aber wer soll das tun,H.Rössle? Der LEH hat doch daran keinerlei Interesse trotz aller Bekundungen mit diversen eigenen Labelaktionen.Umsätze sind für ihn das wichtigste und ständig dem Wettbewerber über die Schulter schauen und dessen Sonderangebote im Food-oder non-Food Regal nicht zu verpassen! Und der Kunde freut sich und denkt sicher kaum an den Bauern,wenn er nicht zufällig selber einer ist...

von Rudolf Rößle

Geld

dem, Verbraucher klar machen, dass er das Doppelte für seine Lebensmittel in Zukunft ausgeben muss wäre der vernünftige erste Schritt. Somit hat die Landwirtschaft finanziellen Spielraum.

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