4 % Brache

Getreideknappheit: Sachverständige streiten über Stilllegung

Die Diskussion um die Zukunft der Landwirtschaft nimmt angesichts des Krieges Fahrt auf. Während die Bauernverbände für ein Aussetzen der EU-Agrarreform sind, erinnern andere an den Naturschutz.

Für nicht verantwortbar hält der Deutsche Bauernverband (DBV) ein unverändertes Festhalten an der Stilllegung von 4 % der Ackerflächen, wie sie im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ab 2023 vorgesehen ist.

Zwar räumte der stellvertretende DBV-Generalsekretär Udo Hemmerling in einer öffentlichen Anhörung des Bundestagsernährungsausschusses im Bundestag ein, dass der Mengeneffekt einer Aussetzung begrenzt sein werde. Gleichwohl sei es angebracht, die Einführung dieser Maßnahme zumindest zeitlich aufzuschieben, ohne jedoch gänzlich darauf zu verzichten.

Weltweite Getreideversorgung knapp

Hemmerling veranschlagte den Umfang der zusätzlichen Ackerflächen für die Getreideproduktion durch einen Verzicht auf Stilllegung auf rund 200.000 ha. Ausgehend von einem Ertrag in Höhe von etwa 50 dt/ha auf diesen eher unterdurchschnittlich ertragreichen Flächen resultiere daraus eine Gesamtmenge von etwa 1 Mio. t Getreide in Deutschland. Europaweit vervielfache sich dieser Mengeneffekt allerdings.

Nach Einschätzung des stellvertretenden DBV-Generalsekretärs wird die weltweite Versorgung bei Getreide in den kommenden Jahren weiter knapp bleiben. Deutschland habe in den letzten Jahren jeweils etwa 8 Mio t Brotweizen exportiert. Um diesen globalen Beitrag zu erhalten, brauchten die Landwirten eine sichere Düngemittelversorgung. Im Falle eines Versorgungsnotfalles bei Gas müsse die Ernährungs- und Landwirtschaft vorrangig berücksichtigt werden.

Zustimmung signalisierte Hemmerling zur Initiative des Bundeslandwirtschaftsministeriums für eine spätere Einführung des Fruchtwechselgebotes. Dabei gehe es um geschätzt 500.000 ha Stoppelweizen, die sonst fehlen würden.

Ausbleibende Produktivitätsfortschritte als Kernproblem

Prof. Matin Qaim

Prof. Matin Qaim (Bildquelle: Uni Bonn)

Der Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn, Prof. Matin Qaim, verwies auf die wichtige Funktion von Brachflächen für die Biodiversität und sprach sich gegen einen Verzicht aus. Sinnvoll könnte aber eine temporäre Aussetzung bei gleichzeitiger Reduzierung des vorgesehenen 4 %-Satzes sein, so der Bonner Agrarökonom.

Qaim kritisierte einseitige Betrachtungen der zunehmenden globalen Ernährungsunsicherheit. „Hunger ist ein Verteilungs- und ein Mengenproblem“, sagte der Agrarökonom. Er bezeichnete ausbleibende Produktivitätsfortschritte in der Agrarproduktion als eine wesentliche Ursache des seit Jahren wachsenden Hungerproblems. Umso dringender sei der Einsatz von Innovationen unter Einschluss gentechnischer Methoden, die zu Unrecht in Verruf gekommen seien.

Keine Lösung sieht der Wissenschaftler angesichts weltweit zurückgehender Landwirtschaftsflächen in einem Vorgehen nach dem Prinzip „Chemie raus, Ökolandbau hoch“. Stattdessen müsse es darum gehen, auf kleiner werdender Produktionsflächen mehr zu produzieren, ohne ökologische Anforderungen abzusenken.

Mähdrescher

Kann es sich die EU leisten, produktive Flächen stillzulegen? (Bildquelle: pixabay.de / Stan Petersen)

Kooperativen Naturschutz fördern

Kritisch zur Aussetzung der Stilllegung äußerten sich Dr. Norbert Röder vom Thünen-Institut für Ländliche Räume und Prof. Sebastian Lakner vom Institut für Agrarökonomie der Universität Rostock.

Lakner betonte den Wert der Brachflächen für die Biodiversität. Um deren positiven Effekte zu stärken, sei allerdings eine koordinierte Ausweisung in der Region notwendig. Der Wissenschaftler verwies auf Möglichkeiten, die in diesem Zusammenhang ein kooperativer Naturschutz bieten könne. Das zeige das Beispiel der Niederlande.

Thünen-Wissenschaftler Röder stellte klar, dass ein Aussetzen oder der komplette Verzicht auf die Pflicht zur Stilllegung ab 2023 der Artenvielfalt schaden und nicht den ökonomisch gewünschten Erfolg bringen würde, den manche von einer solchen Maßnahme erwarteten. Keinesfalls dürften die negativen Effekte unterschätzt werden.

Einerseits seien Verbesserungen in der Biodiversität oder bei der Speicherung von Bodenkohlenstoff auf Brachflächen nur über mehrere Jahre hinweg zu erreichen. Andererseits würden Fortschritte durch die mit einer Nutzung verbundenen Eingriffe schnell zunichte gemacht. Daher sollte Röder zufolge der Sicherung bestehender Brachflächen eine hohe Priorität eingeräumt werden.

Blühwiese

Den Hungernden auf der Welt ist schwer zu erklären, warum Insekten in Europa Blühflächen bekommen, anstatt dass hier Getreide wächst. (Bildquelle: pixabay.de / Wheattree)

Internationalen Handel sichern

Der Direktor beim World Food Programm der Vereinten Nationen (WFP), Dr. Martin Frick, betonte die Notwendigkeit, den weltweiten Handel mit Nahrungsmitteln, Kraftstoffen und Düngemitteln aufrechtzuerhalten. Eine Voraussetzung dafür sei die sofortige Wiedereröffnung der Schwarzmeerhäfen, damit dringend benötigte Nahrungsmittel aus der Ukraine hungernde Menschen in Ländern wie Afghanistan, Äthiopien, Südsudan, Syrien und Jemen erreichen könnten. Daneben seien betreffende Länder aufgefordert, eingelagertes Getreide zur Verfügung zu stellen.

Unbedingt vermieden werden müssten Ausfuhrbeschränkungen für wichtige Güter, um globale Nahrungsmittelpreise nicht noch weiter in die Höhe zu treiben. Schließlich gelte es, Agrarspekulationen durch mehr Transparenz entgegenzuwirken. Dazu gelte es, Initiativen wie das Agrarmarktinformationssystem (AMIS) zu stärken, um den reibungslosen Ablauf des Agrarhandels zu gewährleisten.

Mittel- und langfristig sieht Frick eine wichtige Aufgabe darin, Menschen in Entwicklungsländern dabei zu unterstützen, wieder eigenständig Nahrungsmittel anzubauen und so langfristig ihre Abhängigkeit von Importen und von Hilfslieferungen zu verringern.

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