Agrarpaket

Hilfeschrei: Guter Kommentar zum Bauernprotest im Bonner General-Anzeiger

Helge Matthiesen, Chefredakteur vom Bonner General-Anzeiger, erklärt in einem lesenswerten Kommentar zu den Bauernprotesten, dass da keine Spinner auf der Straße gewesen seien. Er sieht eine Wende...

Der Chefredakteur des General-Anzeigers aus Bonn, Helge Matthiesen, hat am 22. Oktober einen guten Kommentar verfasst. Hier ist er im Originalwortlaut:

"Die große Demonstration der Landwirte aus der Region macht nachdenklich, denn hier artikuliert sich eine ganz neue Stimme, die für die Landwirtschaft spricht. Es waren viele junge Menschen auf der Straße. Sie leben auf dem Land und verdienen ihr Geld mit Landwirtschaft. Handfeste Menschen mit einer soliden fachlichen Ausbildung und Verantwortung für einen Familienbesitz.

Wenn solche Menschen sich zu Tausenden mobilisieren lassen und immer wieder die Forderung erheben, man möge ihnen doch einfach mal zuhören, dann muss das die Politik alarmieren. Hier sind keine Spinner unterwegs oder Menschen mit durchschaubaren wirtschaftlichen Interessen. Hier koppelt sich gerade der ländliche Raum von den Parteien – allen voran der CDU – ab. Hier öffnet sich eine tiefe Kluft zwischen einem städtischen Publikum, das sich daran gewöhnt hat, Bauern mit Tierquälerei, Gülleproblemen und Lebensmittelskandalen gleichzusetzen. Laute NGOs, ideologisierte Tierschützer oder weltanschaulich verbohrte Veganer geben den Ton an und haben eine sehr starke mediale Unterstützung. Die Menschen auf dem Land fühlen sich an den Rand gedrängt.

Das ist eine Gefahr für die Gesellschaft. Denn ganz gleich wie kritisch man die moderne Landwirtschaft sieht: Wenn auf dem Land der Nachwuchs auf den Höfen fehlt, gehen auch westdeutsche Regionen den Weg vieler ostdeutscher Landstriche. Sie werden veröden und zum schwer bewohnbaren Standort von Windenergieanlagen verkommen. Will die CDU-geführte Bundesregierung das? Oder wäre es nicht klüger, miteinander ins Gespräch zu kommen und nach einer Zukunft für die Landwirte und den ländlichen Raum zu suchen? Die Menschen dort wollen sich nicht von städtischen Interessen und Debatten dominieren lassen. Die Partei, die diese Forderung aufnimmt, gibt es schon. Es ist die AfD.

Auf dem Land ist sicherlich nicht alles gut. Die Lobbyverbände der Landwirte haben viel zu lange auf traditionelle Politik gesetzt. Die neue Bewegung markiert eine Wende. Ihr Protest wirkt fast wie ein Hilfeschrei, das Land und die Landwirtschaft nicht zu vergessen. Das Gesprächsangebot gilt es anzunehmen. Das sollten auch Tierfreunde, Umweltverbände und Naturschützer tun. Alle müssen raus aus ihren ideologischen Schützengräben. Ohne die Bauern hat das Land keine Zukunft."

Hinweis der Redaktion: Gastkommentare geben nicht in allen Bereichen die Meinung der Redaktion wieder. Wir veröffentlichen sie dann, wenn wir sie für einen interessanten Diskussionsbeitrag zur Weiterentwicklung der Landwirtschaft halten.

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Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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Diskussionen zum Artikel

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von Wolfgang Schuchard

Mit gutem Beispiel voran?

Zitat: "Laute NGOs, ideologisierte Tierschützer oder weltanschaulich verbohrte Veganer geben den Ton an und haben eine sehr starke mediale Unterstützung." Es würde mich nicht wundern, wenn das beim General-Anzeiger bisher nicht anders ist, und er auch nur den Mainstream wiedergegeben hat. Ich hoffe, der Chefredakteur nimmt seinen eigenen Kommentar zu Herzen und lässt diese Erkenntnisse auch in seine weitere Arbeit einfließen. Nicht dass das Theman nächste Woche schon wieder vergessen ist.

von Paul Lieb

Agrardebatte im Bundestag

Wer die Agrardebatte und die darauf folgende Abstimmung verfolgt hat, muss zur Kenntniss nehmen: die regierende Parteien können, oder wollen uns nicht verstehen. Die haben nicht einmal im Ansatz verstanden, warum so viele Landwirte auf der Straße waren, warum es in kürzester Zeit gelungen ist die größte Bauerndemonstartion seit Bestehen der BRD zu organisieren!!!

von Ernst Storm

Helge mathiesen

wieso sind Landschaften mit Windenergie schwer bewohnbar?blick nach schleswig Holstein:viele Windanlagen und der Tourismus boomt wie noch nie! ernst Storm

von Michael Wittmann

Leider gibt es aber auch Medien-Experten die nichts verstanden haben. Und das noch im öffentlich-rechtlichen Bayrischen Rundfunk: https://www.br.de/mediathek/video/bauern-proteste-interview-mit-br-expertin-christine-schneider-av:5daf38e0db2176001ae54933 nur noch wenige Tage online

von Gerhard Steffek

Gefahr für die Gesellschaft!!!

Gut erkannt, gut geschrieben. Diese Gefahr erkannte schon Bismark zu seiner Zeit. Denn schon dieser faßte es mit entsprechenden Worten zusammen: "Im Verfall der Landwirtschaft sehe ich eine der größten Gefahren für unseren staatlichen Verband". Er Erkannte anscheinend schon zu seiner Zeit, zu der ja erheblich mehr Menschen in der Landwirtschaft tätig waren, wie wichtig diese ist. Sie ist nämlich die Erdung und der Kitt der Gesellschaft. Wenn das alles den Bach runtergeht, dann ist es nicht nur die Landwirtschaft die da zu Grabe getragen wird. Die Anflüge an Auswüchsen sehen wir ja mittlerweile schon zu Hauf in unseren Städten. Hier gibt es ja schon den "Glagow-Effekt" aber ja auch schon die Erkenntnis das gerade in den Städten die Gefahr an Schizophrenie zu erkranken doppelt so hoch ist wie auf dem Land. Vor diesem Hintergrund erklärt sich dann vielleicht so manch unverständliches Verhalten unserer städtischen Mitbewohner und insbesondere der Regierungsmitglieder. Vielleicht war da diese Demonstrationswelle tatsächlich mal ein bißchen aufrüttelnd, frei nach dem Motto "auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil", denn auf die leisen Töne wollte ja niemand mehr hören. Sollten sich die Herrschaften in der Führungsriege des Bauernverbandes auch mal durch den Kopf gehen lassen. Zumal sich ja hier mittlerweile auch die Frage stellt, wem sie sich verpflichtet fühlen.

von Andreas Stroh

Der muss zu allen Zeitungen Deutschland gesendet werden,sehr gut geschrieben und verstanden worden.

von Klaus Fiederling

Was nutzt die Einsicht, wenn sich nichts bewegt?

Unsere Bundesagrarministerin Julia Klöckner analysierte heute Morgen im Deutschlandfunk, dass die deutschen Verbraucher aktuell allenfalls noch die Bereitschaft zeigen, im Maximum um die 9% für ihre Nahrungsmittel auszugeben. Offensichtlich ist genau das aber noch viel zuviel. Welcher quotale Anteil von diesen 9% landet heute tatsächlich bei den Urproduzenten, damit diese Ihre Familien ernähren können!? - Wenig bis gar nichts; und genau deshalb waren die Bauern am gestrigen Tage auf der Straße. Es zeichnet sich schon über einen längeren Zeitraum eine brandgefährliche Entwicklung ab, wenn wir Bauern nicht mehr von dem leben können, was unsere Hände erarbeiten. // Wer und was heute alles realiter hinter jedem bäuerlichen Arbeitsplatz als „Rattenschwanz“ dranhängt, will keiner unserer bislang vornehmlich auf Krawall gebürsteten medialen Schuldzuweiser wahrhaben - allen voran unser investigativer Provokateur Jost Maurin (TAZ). Es werden von selbigen Leuten regelrecht die direkten, im Besonderen aber die direkten Arbeitsplätze, geradezu verleugnet, die in einer nachweislichen Abhängigkeit von der Landwirtschaft stehen. // In der Sahara begehen die Bauern keine „Umweltsünden“, verpesten dort nicht die Luft, auch in den Zonen nördlich der Baumgrenzen wird man uns solche Vergehen nur schwerlich anlasten können. Stellt man sich künftig so ein lebenswertes Morgen, Landwirtschaft im positiven Sinne vor!? Dort herrscht wahrhaftig alleinig die Allmacht der Natur. // Randnotiz: Die Plattformen der Nullen und Einsen haben wie „positiv“ auf die gestrigen Bauernproteste reagiert!? - Die aktuellen Vorvertragspreise liegen derzeit weit mehr als 10% sogar noch unter dem vorjährigen Niveau, nach unbestreitbaren drei Missernten auf den allermeisten deutschen Äckern in Folge. Ich möchte kein Prophet sein, nach der Trockenheit und den darauf aktuell folgenden Niederschlägen im Verlauf, werden sich welche Voraussetzungen für die kommende Vegetation abzeichnen? Viele Rapsbestände präsentieren sich erbärmlichst auf dem Feld, das Saatgut der Wintergerste steht zur Aussaat bereit noch auf vielen Höfen, die Zeit dafür scheint aber wohl abgelaufen zu sein, die anderen Wintergetreidesaaten bringt man derzeit ebenfalls nur unter widrigsten Umständen in den Boden. - Sämtliche Erzeugerpreise reagieren darauf wie!? - Nun, keiner will augenscheinlich das, was wir Bauern produzieren, haben!

von Paul Lieb

Helge Matthießen

hat uns verstanden!!! Genau so sieht es aus! Jetzt müssen uns nur noch diejenigen verstehen, die letzt Endes die Entscheidungen treffen. Hoffentlich sind bei denen die Aussagen vom "Brandenburgischen Bauernbund" auch angekommen und hoffentlich nehmen sich die maßgebenden Parteien das dann auch zu Herzen, wenn mal wieder über neue Rahmenbedingungen entschieden wird.

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