Hartelt/Schwarz

„Ideologische Verbotspolitik und Schuldzuweisungen schwer zu ertragen“

Die Bauernpräsidenten Eberhard Hartelt und Werner Schwarz zeigen sich verärgert über die neuen Umweltverschärfungen aus Berlin und Brüssel. Die Landwirtschaft werde wieder als Sündenbock gebrandmarkt

Der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd e.V. (BWV), Eberhard Hartelt, kritisiert die aktuelle Umweltpolitik in Deutschland und der Europäischen Union. Es sei nur schwer zu ertragen, dass eine ideologisch motivierte Verbotspolitik und einseitige Schuldzuweisungen seine Berufskollegen dazu treibe, ihre Höfe aufzugeben. Es dürfe nicht sein, dass die Arbeit der hiesigen Landwirte, die den weltweit höchsten Standards unterliegt, diffamiert werde.

Als Folge der geplanten Gesetzesvorhaben auf EU- und Bundesebene sieht Hartelt landwirtschaftliche Produktionskapazitäten ins Ausland beziehungsweise in Drittstaaten abwandern und Lebensmittelimporte steigen. Dies könne aber nicht im Sinne der Bevölkerung sein.

Am Freitag hatte bereits Schwabens Bauernpräsident Alfred Enderle den Rücktritt von Schulze gefordert. Mehr...

Gerade die Auswirkungen der Corona-Pandemie würden zeigen, dass die Schwerpunkte in der Agrar- und Umweltpolitik neu gesetzt werden müssen. „Wir haben gesehen, dass wir auf Vieles verzichten können, aber sicherlich nicht auf Nahrungsmittel. Die Versorgungssicherheit muss daher wieder höchste Priorität genießen.“ Diese Erkenntnis sei wohl bei Manchem noch nicht angekommen oder schon wieder in Vergessenheit geraten.

Nie wurden Pflanzenschutzmittel präziser, Düngemittel effizienter und Medikamente in der Tierhaltung zielgerichteter eingesetzt. Darüber hinaus hat das Engagement der Landwirtschaft für die Artenvielfalt in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich zugenommen: Blühstreifen werden verstärkt angelegt, freiwillige Agrarumwelt- und Klimaschutzmaßnahmen wurden ausgeweitet, der Ökolandbau ausgebaut und zahlreiche Kooperationsprojekte in den Bereichen Wasser- und Biodiversitätsschutz initiiert. „Mit Blick auf diese Entwicklungen, müssen sich die umweltpolitisch Verantwortlichen doch fragen, ob die Gründe für den fortschreitenden Artenrückgang nicht verstärkt außerhalb der Landwirtschaft zu suchen sind“, so Eberhard Hartelt.

Der BWV-Präsident lehnt eine Extensivierung der landwirtschaftlichen Produktion in Deutschland und Europa aber nicht nur aus Gründen der Versorgungssicherheit ab. „Die Reduzierung der Lebensmittelerzeugung auf unseren Gunststandorten führt automatisch zu einer Intensivierung im Rest der Welt unter wesentlich schlechteren Bedingungen und Standards.“ Dabei sehe er auch die Gefahr, dass zur Ausweitung der Anbauflächen wertvoller Regenwald als Hotspot der Artenvielfalt und CO2-Speicher unwiederbringlich verloren geht.

Bei einem sinkenden Selbstversorgungsgrad könne Deutschland als reiches Land zwar seinen Lebensmittelbedarf durch eine Ausweitung der Importe decken, dies käme aber indirekt einem Landraub in ärmeren Staaten gleich. Dies könne nicht das Ziel einer modernen, global denkenden Umweltpolitik sein.

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Werner Schwarz: „Schulze und Jessel machen es sich zu einfach“

Werner Schwarz

Werner Schwarz

Mit ungewöhnlich scharfer Kritik hat auch der Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Werner Schwarz, reagiert. Der fortschreitende Artenrückgang werde in dem Bericht kurzschlüssig auf den Rückgang blütenreicher Wiesen und Weiden und eine intensivere Landwirtschaft zurückgeführt.

Schulze und Jessel blieben die Antwort schuldig, warum die zahlreichen mit enormen Mittelaufwand von Bund und Ländern betriebenen Naturschutzprogramme, die genau diesem Verlust entgegenwirken sollen, offenbar wirkungslos bleiben. Auch die umfangreichen freiwilligen Blühstreifenprojekte der Landwirte blieben ebenso unerwähnt wie eine mögliche Begründung, warum auch diese keinen Effekt haben sollen. „Es gibt sonst wohl keinen Ressortverantwortlichen, der solch eine Misserfolgsbilanz vorlegen dürfe, ohne sich selbst und das Versagen seiner Politik rechtfertigen zu müssen“, so Schwarz. Da sei es natürlich einfacher einer angeblich immer intensiveren Landwirtschaft einseitig die Schuld zuzuweisen, ergänzt der Landwirt aus Rethwisch bei Bad Oldesloe.

Dies sei auch von den Tatsachen her fragwürdig. „Die Viehbestände sinken seit Jahren, die Düngermengen ebenfalls und der Aufwand an Pflanzenschutzmitteln sei ebenfalls rückläufig“, begründet der Verbandsvorsitzende. Ein Verursachungsbeitrag der Landwirtschaft werde nicht generell bestritten. Es gebe aber inzwischen hinreichende Hinweise auf andere maßgebliche Ursachen des Artenrückgangs. Wiesen und Weiden seien wie die Blühstreifenkalte Standorte.

Trockenheit und Beutegreifer nicht erwähnt

Der anerkannte Zoologe Prof. Dr. Werner Kunz, Düsseldorf weise darauf hin, dass außerhalb der landwirtschaftlichen Flächen die für viele Insekten notwendigen trocken-warmen Standorte verschwunden seien und plädiere für die künstliche Schaffung von Offenlandbiotopen. Beim Rückgang der Vogelwelt ignoriere Schultze die wiederholten Hinweise von Landwirten und Jägern auf die Rolle der Beutegreifer. Nicht nur der heimische Fuchs sondern auch zugewanderte Arten wie Marderhund und Waschbär sowie verwilderte Katzen bereiten vielen Wildvogelgelegen ein Ende.

Hinzu kämen der nicht regulierte Überbestand an Krähenvögeln und die Überpopulation an Gänsen, die im Frühjahr auf vielen Grünlandstandorten Wiesenvögeln keine Lebenschancen mehr ließen.

„Wichtigstes Anliegen“, so Schwarz, sei es, eine umfassende und ehrliche Ursachenanalyse gemeinsam mit der Landwirtschaft auf den Weg zu bringen, die auch die Gründe für das Versagen der Naturschutzpolitik liefern müsse. „Die Bauern sind die einseitigen Schuldzuweisungen leid“, so der Bauernpräsident, vor allem weil sie immer wieder feststellten, dass auf vielen ihrer intensiv bewirtschafteten und kurz gehaltenen Flächen die bedrohten Arten vorkommen, während dies auf den zugewachsenen Naturschutzflächen nicht der Fall sei.

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Hintergrund

Hintergrund der Kritik ist zum einen die Vorstellung des Berichtes zur Lage der Natur durch Bundesumweltministerin Svenja Schulze und der Präsidentin des Bundesamtes für Umwelt, Beate Jessel. Dabei wurde die intensive Landwirtschaft als alleinige Verantwortliche für den Rückgang der Artenvielfalt zu Unrecht an den Pranger gestellt. Als Konsequenz soll noch in diesem Jahr ein Insektenschutzgesetz verabschiedet werden, in dessen Fokus umfangreiche Einschränkungen für die Landwirtschaft stehen.

Zum anderen präsentierte EU-Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans die Farm-to-Fork-Strategie als einen der Hauptbausteine des Europäischen Green Deal. Demnach sollen bis 2030 der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Antibiotika um 50 Prozent und von Düngemitteln um 20 Prozent reduziert werden.

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Die EU-Landwirtschaft steht vor einem Gezeitenwechsel. Eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion soll bis 2030 erreicht werden. 27 Ziele nennen die "Farm to Fork"- und die Biodiversitätsstrategie.


Diskussionen zum Artikel

von Wilfried Maser

wir werden umdenken müssen

Leider kommt zunehmend Ideologie vor Sachverstand in der deutschen Landwirtschafts- und Umweltpolitik. Daran wird sich in der nächsten Zeit vermutlich nichts ändern. Die Landwirtschaft wird zur Zeit als Sündenbock/Prügelknabe benutzt. Etliche Gruppierungen ziehen Nutzen daraus. ... mehr anzeigen

von Wilhelm Grimm

Die Stellungnahmen von Hartelt und Schwarz sind fachlich wirklich überzeugend.

Wie geht es aber jetzt weiter? Da müssen doch täglich Angriffe gegen Schulze und Jessel folgen. Fakten hat der DBV genug oder kehrt der DBV zu den üblichen Nettigkeiten zurück. Und Herr Steffek zu ihren Anmerkungen kann ich nur sagen, dass die Hälfte unserer Finger bereits beim ... mehr anzeigen

von Fritz Gruber

weg mit der Schulze u konsorten

welchen Spruch hat ein großer Fußballtorwart einmal losgelassen Eier wir brauchen Eier genau diese fehlen dem dbv seit jahren um diesem unsäglichen spuck ein ende zu bereiten dabei müßten die verantwortlichen doch genau wissen das ihnen die Mitglieder in scharen davonlaufen und ... mehr anzeigen

von Wilhelm Grimm

Kaputt deppern geht einfach,

verbessern ist nötig.

von Wilhelm Grimm

Die Politik hat uns weniger Bürokratie versprochen,

daher weg damit auf den Scheiterhaufen der Geschichte.

von Wilhelm Grimm

Poltern muss nicht sein, aber die Wahrheit schon !

Die Juristensprache des DBV ist ein Fehler. Da müssen auch die Präsidenten mal Hand anlegen Die Formulierungen wie "Ideologische Verbotspolitik und Schuldzuweisungen schwer zu ertragen" und "Schulze und Jessel machen es sich zu einfach" entsprechen nicht der Wahrheit. Schulze und Jessel ... mehr anzeigen

von Thomas Bröcker

Asymmetrie medialer Bewertung

Das eigentliche Problem der Außenwirkung des DBV liegt in der medialen Vorfestlegung als "Böse Lobbyisten". Während jede noch so abwegige These des Geschäftsmodells "Umweltlobbyismus" medial BEKLATSCHT und transportiert wird, kriegt jeder Versuch einer sachlichen Antwort der ... mehr anzeigen

von Klaus Fiederling

Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Windmühlen und die anderen Mauern

Wir Bauern tanzen aktuell auf zwei Hochzeiten herum: Zunächst ackern wir auf unseren Feldern, malochen in den Ställen, um hernach verloren u. verzweifelt auf dem Weltmarkt umherirren zu müssen. Das dritte Dürrejahr, in einigen Regionen sogar das vierte in Folge, ist da und ALDI sagt ... mehr anzeigen

von Wilhelm Grimm

Auch der Bauernverband macht es sich zu einfach.

Er sagt zwar das Richtige, ABER ER SAGT ES NICHT RICHTIG : "Schulze und Jessel machen es sich zu einfach". Warum nicht : Schulze und Jessel sagen nicht die Wahrheit und ruhig noch drastischer. Wenn ihr euch für zu gut erzogen haltet, auch mal auf den Putz zu hauen, lasst das Profis ... mehr anzeigen

von Albert Maier

Viel zu weichgespült!

Damit sprechen Sie ein Kernproblem des BV an: weichgespült udn ängstlich sind keine guten Vorraussetzungen für eine erfolgreiche interessenvertretung.

von Gerd Uken

Das konnte man alles schon in der EU

Drucksache vom 11.12. lesen welche Schlüsselrolle der Fischerei und der Landwirtschaft zugedacht werden. Außerdem sollen ja 40% der Agrarförderung in genau dieses Gebiet fallen ob das ökologisch sinnvoll ist?? Hier war man aber ja so sehr mit der DüVo beschäftigt ...... die ... mehr anzeigen

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