Tierwohl-Fleisch

Interview mit Aldi-Management: „Das Ding drehen wir nicht mehr zurück“

Aldi verteidigt im Interview mit top agrar seinen Vorstoß bis 2030 nur noch Frischfleisch aus Außenklima- und Biohaltung verkaufen zu wollen. Den Bauern soll der höhere Aufwand bezahlt werden.

Seit einer Woche beschäftigt die Agrarbranche der überraschende Vorstoß von Aldi, ab 2030 nur noch Frischfleisch der Haltungsstufen 3 und 4 zu verkaufen. Etliche Fragen sind offen, wie soll das gelingen und meint es Aldi ernst? Das haben wir Florian Scholbeck, Managing Director Communications ALDI Nord Communications - Public Affairs, und Lars Klein, Geschäftsführer der ALDI SÜD Dienstleistungs-GmbH & Co. oHG und Managing Director Customer Interaction, gefragt und exklusiv Antworten erhalten.

Aldi hat den Discount, also das günstige Einkaufen, erfunden und salonfähig gemacht. Künftig setzen Sie auf Tierwohl-Fleisch. Was macht Sie so sicher, dass Ihre Kunden künftig das deutlich teurere Fleisch bei Ihnen kaufen und nicht zur Konkurrenz wechseln?

Klein: Eine Garantie dafür, dass alle Kunden auf Frischfleisch der Haltungsform 3 und 4 wechseln werden, haben wir natürlich nicht. Unser Vorstoß ist ein Stück weit eine Reise ins Ungewisse. Denn wir wissen nicht, inwieweit der Verbraucher unserer Tierwohl-Initiative folgt. Wir wollen auch bei qualitativ höherwertigem Fleisch die Preisführerschaft behalten und unseren Kunden beste Qualität zu besten Preisen anbieten.

Scholbeck: Wir sind diesen Schritt gegangen, weil sich die Ernährungsgewohnheiten immer weiter verändern. So setzen etwa junge Leute unter 30 Jahren mehr und mehr auf Qualität und Tierwohl. Nehmen sie den Schweinefleischverbrauch, dieser sinkt seit 15 Jahren kontinuierlich in Deutschland. Das ist keine Frage des Preises.

Ihr Tierwohl-Vorstoß ist eingeschlagen wie eine Bombe. Warum gerade jetzt und was sagen Ihre Lieferanten?

Scholbeck: Solch einen Kurswechsel vollzieht man nicht von heute auf morgen. Wir haben das Thema Tierwohl in den letzten Monaten mit unseren Partnern aus der Lieferkette gemeinsam diskutiert und jetzt durch unsere Fachabteilungen bei ALDI Süd und ALDI Nord auf Basis von Berechnungen und verschiedenen Annahmen letztendlich einen konkreten Fahrplan entwickelt. Unsere Lieferanten unterstützen uns bei diesem Vorgehen voll und ganz und wissen, dass „Tierwohl made in Germany“ der richtige Weg zur Zukunftssicherung für die gesamten Branche sein kann.

Signalwirkung hat das Ganze aber schon.

Scholbeck: Wenn unser Weg Signalwirkung für mehr Tierwohl in Deutschland hat, dann freuen wir uns darüber.

Die Borchert-Kommission erarbeitet ein Konzept zum Umbau der Tierhaltung, dass von allen Parteien mitgetragen wird. Gefährden Sie diese Pläne?

Scholbeck: Das tun wir nicht. Die Borchert-Kommission soll der gesamten Branche einen neuen ordnungspolitischen Rahmen geben sowie Wege und Finanzierungsmöglichkeiten für den nötigen Umbau der Ställe erarbeiten. Wir als Lebensmittelhändler stellen uns unserer Verantwortung und wollen dem Tierwohl-Gedanken neuen Schub geben, indem wir die entsprechenden Produkte in unseren Filialen listen. Es reicht nicht, immer nur über Tierwohl zu reden, das Sortiment und somit das...

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