Kalk-Stroh-Matratze für den Anbindestall

Tiefboxen im Anbindestall erhöhen den Liegekomfort für die Kühe. Zwei Schweizer stellen ihre Erfahrungen vor. Die Kühe von Heini und Heidrun Alder lagen früher auf einer eingestreuten Gummimatte im Anbindestall. Fast alle hatten Schürfungen oder haarlose Stellen an Sprunggelenken, Knien oder an den Karpalgelenken.

Tiefboxen im Anbindestall erhöhen den Liegekomfort für die Kühe. Zwei Schweizer stellen ihre Erfahrungen vor.

Die Kühe von Heini und Heidrun Alder lagen früher auf einer eingestreuten Gummimatte im Anbindestall. Fast alle hatten Schürfungen oder haarlose Stellen an Sprunggelenken, Knien oder vorne an den Karpalgelenken. Das kam daher, dass die Beine vor allem beim Aufstehen auf dem Gummi gerieben hatten. „Mit der Zeit rieben sich die Haare ab, es kam zu Infektionen und Entzündungen“, so der Landwirt aus der Nähe von Hemberg.
 
Heini Alder wusste von der Milchviehhaltung in Laufställen, dass es bessere Liegeflächen gibt als die relativ harten Gummimatten. „Ist so etwas auch im Anbindestall möglich?“, fragte er sich. Sowohl sein Bauberater Christian Manser als auch sein Bestandstierarzt empfahlen ihm, es doch mit einer Kalk-Stroh-Matratze zu probieren. In Anbindeställen in Kanada habe man damit gute Erfahrungen gemacht. Kalk wirke desinfizierend, und das Stroh sauge den Harn auf, erklärten die Berater.
 
„Wir haben zuerst mit drei Liegeplätzen angefangen“, berichtet Alder. Er montierte hinten und an den Seiten der Standplätze 25 cm hohe, massive Bretter an und füllte die Mulde mit einem Gemisch aus Kalk, Stroh und Wasser. Zuerst entwickelte sich das Gemisch nicht zu einer festen Matratze, sondern wurde immer mehr zu einer matschigen Masse. „Die Kühe standen zu weit nach vorne und harnten auf das Strohbett“, beobachtete Heini Alder. Der erfinderische Landwirt konstruierte in der Folge einen individuell einstellbaren Nackenbügel, damit die Kühe zum Koten und Harnen zurücktreten müssen.
 
Da immer etwas Harn in das Stroh gelangt und mit der Zeit verdunstet, ist eine gute Stalllüftung wichtig. Der Landwirt hatte schon vor dem Einbau der Matratze die Fenster im niedrigen Anbindestall ausgehängt, so dass dank viel frischer Luft die Kalk-Stroh-Matratze gut abtrocknen kann. Zeitgleich mit der Einrichtung der Kalk-Stroh-Matratze band der Landwirt die Kühe am Nackenriegel statt wie früher an einer Spreizkette an. Auch die Abtrennbügel zwischen jeweils zwei Boxen entfernte er.
 
„Liegen die Kühe dann nicht kreuz und quer über den Boxen?“, fragten ihn viele Berufskollegen verwundert. „Sie liegen immer gerade“, bekräftigt der Landwirt. Keine müsse stehen, weil eine Nachbarin schräg in der Box liege. Der Landwirt führt das darauf zurück, dass die Kühe erstens einen festen Stand auf dem Strohbett und zweitens genügend Platz für den Kopfschwung haben. Die Boxen sind 1,95 m lang und zwischen 1,10 und 1,30 m breit. Gegenüber früher könne er die Kühe jetzt viel leichter am Nackenriegel an- und losbinden, erklärt der Landwirt. Außerdem kann er diese Arbeit jetzt von vorne erledigen und muss sich dazu nicht mehr zwischen die Kühe zwängen.
 
Im Stall gibt es keinen Kuhtrainer. Auf dem Biobetrieb wäre zwar ein pneumatischer Bügel, der die Kuh beim Koten und Harnen am Widerrist nach hinten drückt, zugelassen. Doch auch diese Steuerung wollte der Betriebsleiter nicht, da sie die Tiere einenge und teuer sei. Ihm genüge der Nackenbügel. Damit lässt sich zwar nicht erreichen, dass die Box ganz sauber und trocken bleibt, aber mit angemessener Handarbeit ist dies machbar.
 
Den Kot schiebt der Landwirt über das Stroh in den dahinter liegenden Schwemmkanal. Den Harn saugt das Strohbett auf. Es gebe etwas mehr Arbeit als früher, gesteht der Landwirt zu, da er nicht nur Stroh und Kalk einstreuen, sondern auch manchmal das Strohbett wieder einebnen müsse.

Mehr Arbeit

Dafür rechnet er mit täglich zehn Minuten Mehrarbeit für die 14 Kuhplätze. Wie bei einem Tretmistbett „krieche“ immer etwas Mist über die hintere Brettkante auf den Schwemmkanal. Diesen fährt der Landwirt mit der Schubkarre weg. Da er nicht nur Gülle, sondern auch Mist möchte, mache diese zusätzliche Arbeit Sinn.
 
Heini Alder hat seine Kalk-Stroh-Matratze im Juni 2011 eingerichtet und seither nicht mehr entfernt. Offensichtlich hat sich ein Gleichgewicht zwischen der Zufuhr von neuer Einstreu, dem Abfließen des Tretmistes und dem Verrotten in der Matratze eingestellt. Nachdem der Landwirt das Strohbett mit nassem Langstroh aufgebaut hat, verwendet er später trockeneres Material. Einmal in der Woche mischt er Stroh und Kalk und gibt Wasser als Bindemittel dazu.
 
Die Werkzeuge im Futtermischwagen reißen das Langstroh auf, so dass es besser sauge als intakte Strohhalme, erklärt Heini Alder. Die Messer schneiden zwar das Langstroh, aber häckseln es nicht. Solches Stroh bilde eine kompaktere Matratze als Häckselstroh, das bei Druck leicht nachgebe und „vermuse“, meint der Pionier der Kalk-Stroh-Matratze. Jede Woche mischt er Stroh und Kalk im Gewichtsverhältnis von 2 : 1. Er verwendet relativ viel Kalk, da dies guten Dünger für seine eher sauren Böden gebe, erklärt er. Das richtige Verhältnis müsse jeder Landwirt für sich herausfinden. Er empfiehlt feinen, kohlensauren Kalk zu verwenden, da es damit keine Ablagerungen im Schwemmkanal gäbe.
 
„Manche Landwirte wollen Boxen, die sie abspritzen können“, ergänzt Tochter Sarah, die die Entwicklung der Matratze wissenschaftlich begleitet hat. Doch diese Art von Hygiene sei gar nicht notwendig, da der Kalk in der Matratze desinfizierend wirke. Mit den Zellzahlen hatte der Betrieb nie Probleme; sie sind mit dem Einbau der Matratze etwa gleich geblieben, aber die Kühe hätten weniger Euterprobleme als früher. Die Zeit seit dem Einbau der Tiefbox sei aber noch zu kurz, um den Einfluss auf die Eutergesundheit definitiv beurteilen zu können.

Bessere Klauengesundheit

Seit Heini Alder die Tiefbox eingebaut hat, zeigt kein Tier mehr eine haarlose Stelle oder eine Verletzung an den Beinen. „Die Tiere fühlen sich wohler, sie haben gesunde Klauen und sie werden älter“, ist der Landwirt überzeugt. Die Klauengesundheit sei deutlich besser als früher. Die Klauen seien härter, was den Schnitt vereinfache. Weiches Liegen, gesündere Klauen und das Freisein von Schmerzen wirken sich nicht nur auf das Wohlbefinden der Tiere, sondern auch auf die Milchleistung positiv aus, meint der Landwirt. Dafür nehme er die Mehrarbeit für die Pflege der Strohmatratze gerne in Kauf.
 
Jürg Reicherter aus Frümsen hat vor vier Jahren ebenfalls aufgrund des Tierwohls eine Kalk‑Stroh‑Matratze im Anbindestall eingerichtet. Obwohl seine Kühe über eine mit Schaumstoff gefüllte Komfortmatte verfügten, kamen immer wieder geschwollene Sprunggelenke vor. Diese seien auf der Kalk-Stroh-Matratze verschwunden, berichtet der Landwirt. Und nicht nur das. „Seit wir die Strohmatratze haben, schlafen die Tiere richtig“, fügt er hinzu. Er hat beobachtet, dass die Kühe auf der weichen Unterlage entspannter und ruhiger liegen, und dass sie nach der Fütterung schneller abliegen.
 
Jürg Reicherter verwendet zum Aufbau der Matratze nur trockenes Langstroh und im hinteren Bereich auch Kalk. Zuerst befestigte er ein starkes, 30 cm hohes Brett mit Winkeleisen auf dem Rost des Schwemmkanals und verdichtete dann das Langstroh mit den Füßen so lange, bis es eben war. Täglich streute er sauberes Langstroh ein, bis sich eine kompakte Matratze gebildet hatte. Mist verwendete er dafür nicht.
 
Im hinteren Bereich streut er körnigen Kalk auf das Stroh, etwa eine gute Handvoll je Tier und Tag. Anfangs habe die Reinigung viel Arbeit benötigt, erzählt der Landwirt, da es wegen des Langstrohs viel Mist gab. Seitdem er Strohmehl statt Langstroh verwende, müsse er bei den 24 Kuhplätzen täglich nur noch ein bis zwei Schubkarren Mist wegfahren und benötige deutlich weniger Stroh.
 
Dennoch hat auch er mit der Strohmatratze insgesamt mehr Arbeit als früher. Der Landwirt schätzt den Mehraufwand auf etwa eine halbe Stunde pro Tag. Doch dieser Mehraufwand lohne sich. „Ich bin zu hundert Prozent überzeugt, dass die Kühe ein bis zwei Liter mehr Milch geben als auf der Gummimatte“, sagt Jürg Reicherter.

Kühe erziehen

Wie bei Heini Alder gibt es auch im Stall von Jürg Reicherter keine Trennbügel zwischen den Liegeplätzen. Die Boxenbreite beträgt 1,30 m, und die Kühe sind über eine lange Kette am Nackenrohr angebunden. So werden sie weder beim Aufstehen noch beim Abliegen von der Anbindung behindert und müssen den Kopf nicht abwinkeln. Doch auch eine gewisse Erziehung sei notwendig, damit die Kühe nicht schräg abliegen. Dazu legt er manchmal einen Balken zwischen zwei Kuhplätze.
 
Da die Boxen 2,10 m lang sind, kommt es trotz Kuhtrainer öfters vor, dass eine Kuh auf die Strohmatratze kotet und harnt. Trotzdem musste auch Reicherter die Matratze noch nie auswechseln. Kot auf der Matratze zieht er mit einem Handschieber auf den Rost, der Harn wird vom Strohmehl und Kalk aufgesaugt. Damit es keine Mulden gibt, ebnet der Landwirt das Strohbett mit einem Rechen ein. Die Matratze ist so kompakt, dass die Klauen der Kühe sie nicht aufbrechen. Mit der neuen Variante ist der Landwirt zufrieden. Reicherter: „Ich bin begeistert und möchte nicht mehr darauf verzichten.“ (Dr. Michael Götz)


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