Meinung

Kommentar: Wolf oder Weide?

Nach mehr als 1600 Nutztierrissen und einer steigenden Population hat Merkel das Thema Wolf zur Chefsache erklärt. Gut so, denn auf die Frage nach Wolf oder Weide gibt es immer noch keine praktikable Antwort.

Ein Kommentar von Matthias Schulze Steinmann, Chefredakteur beim Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben:

Jetzt macht die Bundeskanzlerin den Wolf zur Chefsache. Weil Umweltministerin Schulze und Landwirtschaftsministerin Klöckner sich auf keine gemeinsame Linie verständigen können, nimmt sich das Kanzleramt des Themas an.

Das ist gut so, denn wo die Bürokratie noch immer über Grundsatzfragen streitet, schafft die Biologie Fakten. Mehr als 1000 Wölfe sind inzwischen wieder in Deutschland heimisch geworden. Und bei einer Vermehrungsrate von mehr als 30 % pro Jahr dürfte sich der Bestand in weniger als drei Jahren verdoppeln.

Konflikte sind programmiert

Das ist ein toller Erfolg für den Naturschutz. Über den es sich in den Dienstsitzen des Umweltministeriums in Bonn und Berlin allerdings anders feiern lässt als im 800-Seelendorf auf dem Land. Denn die Konflikte sind programmiert. In fast 500 Fällen haben Wölfe im Jahr 2017 Nutztiere angegriffen und dabei mehr als 1600 Schafe, Ziegen, Pferde und Rinder getötet. In Nordrhein-Westfalen gibt es noch keine größeren Rudel, aber auch hier steigen die Zahlen. Über 50 Nutztiere sind im vergangenen Jahr Wölfen zum Opfer gefallen. Attacken auf Menschen sind bislang nicht bekannt. Jenseits der Frage, ob die Angst berechtigt ist oder nicht, steht allerdings eines fest: Der Wolf weckt noch immer Urängste.

Weidetierhaltung versus Wolf

Mit den Angriffen auf Tiere schwindet die Akzeptanz. Das könnte sich nicht nur für die Weidetierhaltung, sondern auch für den Naturschutz zum Fiasko entwickeln. Statt des Dauerstreits um DNA-Tests und die Frage, wann eines der streng geschützten Tiere gejagt werden darf, sind endlich politische Lösungen gefragt. Und um diese zu finden, kommt man nicht drumherum, eine ernüchternde Wahrheit auszusprechen: Weidetierhaltung und Wolf passen in weiten Teilen Deutschlands nicht zusammen.

Wenn ausgerechnet der Naturschutzbund Deutschland (NABU) den Eindruck erweckt, mit etwas gutem Willen, ein paar Zäunen, ein bisschen Entschädigungsgeld und dem einen oder anderen Herdenschutzhund (manche Experten empfehlen auch Esel!) den Konflikt lösen zu können, ist das im besten Fall blauäugig.

Wie Schafe und Rinder im praktischen Alltag zwischen Wassergräben, Deichen oder Berghängen vor den intelligenten Beutegreifern geschützt werden sollen, kann weiterhin niemand beantworten. Zäune müssen versetzt, gepflegt und eingegraben werden. Und sie bieten selbst dann – an tragischen Beispielen mangelt es nicht – keine 100%ige Sicherheit. Die oft gepriesenen Entschädigungszahlungen decken viele Erschwernisse und Folgekosten wie das Verlammen von Tieren nach Wolfsattacken nicht ab. Und selbst wenn Geld fließt, wünschen sich die Halter keine Euros, sondern unversehrte Tiere.

Konsequentes Wolfsmanagement

Wenn es der Gesellschaft ernst ist mit der allseits geforderten Weidetierhaltung, dann führt an einem konsequenten Wolfsmanagement kein Weg vorbei. Dazu gehört eine Raumplanung, bei der sich Rudel in ausgewiesenen Wolfsschutzgebieten ausbreiten können. Dazu gehören aber auch Regionen, in denen Wölfe nicht geduldet werden, sondern vergrämt und – wenn es nicht anders geht – geschossen werden. Wolf oder Weide? Es wird Zeit, sich für beides zu entscheiden. Gut für die Artenvielfalt, aber kaum vereinbar mit der Anwesenheit von Wölfen: Um die Weidetierhaltung steht es schlecht.

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Von der heute beginnenden Umweltministerkonferenz wird ein Signal zur künftigen Handhabung des Wolfes erwartet. Landnutzer und Jäger fordern Areale, in denen der Wolf nicht geduldet wird....

Bundeskanzlerin Angela Merkel schaltet sich in den Streit um den Umgang mit dem Wolf ein.

Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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Diskussionen zum Artikel

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von Ahrend Höper

Wolf oder Weide?

Sehr geehrter Matthias Schulze Steinmann, sie schreiben: "Merkel hat das Thema Wolf zur Chefsache erklärt. Gut so, denn ......" Keine Ahnung wie lang Sie sich schon mit der "Merkel Politik" beschäftigen? Vielleicht ist es ihnen entgangen, dass alle Themen, die von BK Merkel zur Chefsache erhoben wurden im Sande verliefen wenn´s glimpflich ausging, oder aber meist im Chaos endeten. Siehe nur 2 Beispiele: Flüchtlings- und Energiewendepolitik!

von Renke Renken

Dem NABU geht es nur darum,

insgesamt die Nutztierhaltung in Frage zu stellen und bestenfalls abzuschaffen, dabei ist der Wolf nur ein Instrument zur Beihilfe, um diesen Vorgang zu beschleunigen. Hunger ist das einzige Instrument, daß in vielen Köpfen wieder einen Denkprozess fördert, der den Realitäten erin Stück weit näher kommt.

von Andreas Thiel

Toller Erfolg...

Für den Naturschutz...Abschaffung der Weide Nutztierhaltung und Installation eines weitestgehend nutzlosen Raubtieres...!

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