Coronakrise und danach

Künast: "Eine Chance für eine neue Landwirtschaft"

Die Coronakrise zeigt der Landwirtschaft, wie verletzlich und abhängig sie ist, sagt die ehemalige Landwirtschaftsministerin Künast. Sie verschärft die Fragen an die Zukunftskommission Landwirtschaft.

top agrar: Wie bewerten Sie das Corona-Krisenmanagement der Bundesregierung mit Blick auf die Landwirtschaft?

Künast: Ich sehe die Not der Landwirte für die nächste Zeit. Die fehlenden Saisonarbeitskräfte sind ein Problem für die Landwirtschaft. Wir machen uns jedoch auch Sorgen um die Gesundheit der noch einreisenden Arbeitskräfte und um die Gesundheitssituation in den entsprechenden Einsatzregionen. Wichtig ist jetzt auch für diese die Hygiene. Die Saisonarbeitskräfte kann man nicht mehr in Sammelunterkünften unterbringen. Deshalb wollten wir von Landwirtschaftsministerin Klöckner jetzt nicht nur wissen, wie die Infektionsschutzregeln für die einreisenden Arbeitskräfte aussehen, es muss auch für die Einhaltung gesorgt werden.

Halten Sie die Aufrechterhaltung der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln durch die fehlenden Arbeitskräfte für gefährdet?

Künast: Frau Klöckner hat gleich zu Beginn der Krise herausgestellt, dass wir gut versorgt sind mit hohen Selbstversorgungsgraden bei Getreide und Schweinefleisch. Ich habe aber gar nicht vor, mich nur von Getreide und Schweinefleisch zu ernähren. Beim Selbstversorgungsgrad für Gemüse und Obst liegen wir nur bei ungefähr 30%. Das ist ein schlechtes Ergebnis. Es stellt sich nun erst recht als Fehler heraus, nicht mehr Gemüse- und Obstanbau hier zu machen.

"Mittelfristig wird unsere Eiweißversorgung immer weniger von Fleisch abhängen." - Künast

Wenn man den Landwirten sagt, man wolle Obst und Gemüseanbau in Deutschland stärken, wenden diese gleich ein, dass dafür die Arbeitskräfte fehlten. Erwarten Sie, dass sich das nun mit den Erntehelferbörsen ändert?

Künast: Ich sehe das Problem. Am Anfang ist das wegen der Arbeitskräfte und der Umstellung von Betrieben nicht einfach. Gerade daher brauchen wir dafür jetzt Konzepte. Und das fängt bei der Ausbildung von Facharbeitskräften an. Mit der Digitalisierung ist aber auch da Unterstützung möglich. Wenn ich an die kleinen Roboter denke, die zum Unkrauthaken durch die Reihen fahren. Aber es kommt nicht von ungefähr, das mit ‚urban gardening‘ und ‚urban farming‘ und solidarischer Landwirtschaft auch die Städter zeigen, dass sie an regionaler Produktion und an hiesigen Arten und Sorten ein Interesse haben. Mittelfristig wird unsere Eiweißversorgung immer weniger von Fleisch abhängen. Das kann man nicht nur daran fest machen, wieviel Fleisch wir heute konsumieren. Hinzu kommt das Laborfleisch. Das alles sind Themen für eine Zukunftskommission.

Der Start der Bundesregierung für die Zukunftskommission Landwirtschaft ist in der Kommunikation holperig geraten. Erklären Sie sich das mit den erschwerten Bedingungen in der Coronakrise?

Künast: Nein, das ist für mich von Anfang an falsch gelaufen. Anders als bei der Kohlekommission zum Bespiel war diese Zukunftskommission bisher nicht im Geringsten eine gemeinsame Aktivität.

"Die Zukunftskommission muss gemeinsam vereinbart werden." - Künast

Noch ist die Kommission nicht einberufen. Kann das gemeinsame Aushandeln nicht noch kommen?

Künast: Man macht doch nicht eine zukunftsfähige Kommission, indem nur Bauernverband, Land schafft Verbindung und Agrarministerin Klöckner entscheiden, wie die aussieht und der Rest der Beteiligten muss das dann so akzeptieren. Die Kommission muss schon vom Arbeitsauftrag her gemeinsam vereinbart werden. Man muss gemeinsam über die Besetzung reden und auch über die Fragestellungen. Sonst hat das doch keinen Bestand über die Legislaturperiode hinaus.

Welche Themen haben für Sie Priorität in einer solchen Zukunftskommission?

Künast: Die Frage muss heißen, wie sieht die Zukunft unserer Ernährung aus? Und was bedeutet der Klimawandel und der Verlust an Artenvielfalt dabei? Bleiben wir gleichermaßen so exportorientiert? Die Tierhaltung gehört natürlich auch dazu. Dass das am Ende nur funktionieren kann, wenn es wirtschaftlich für die Betriebe auch geht, ist logisch. Alles andere wäre absurd. Wir dürfen nicht übersehen, dass alles, was bisher auf den Weg gebracht wurde, vor Corona entstand. Für die Zukunft werden sich die Fragen noch schärfer stellen. Wie sehen wie verletzlich und abhängig wir sind. Darin liegt nun umgekehrt eine Chance für eine neue Landwirtschaft und damit für Landwirte.

"Die Konzepte der Lebensmittelproduktion funktionieren so nicht mehr auf Dauer." - Künast

Erwarten Sie, dass im Zuge der Coronakrise die Exportorientierung der Landwirtschaft in Frage gestellt wird?

Künast: Ich habe diese Exportorientierung immer kritisiert. Man kann jetzt nicht bei rückwärtsgewandten Konzepten bleiben. Die Agrarpolitik muss sagen, wofür geben wir rechtliche und finanzielle Unterstützung und das an den Interessen der Gemeinschaft orientieren. Die hat ein Interesse an einer guten und gesunden Ernährung und dass negative Auswirkungen davon für Klima und Artenvielfalt massiv runtergefahren werden. Die Konzepte der Lebensmittelproduktion musste man schon vor Corona wegen der Klimakrise und dem Verlust an Biodiversität hinterfragen. Sie funktionieren so nicht mehr auf Dauer. Auch nicht für die Bauern.

Wie sollte es jetzt weiter gehen mit der Zukunftskommission. Wer muss auf wen zukommen?

Künast: Noch ist es die Zukunftskommission von Klöckner, Merkel, dem Deutschen Bauernverband und Land schafft Verbindung. Die müssen jetzt sagen, dass sie ein Interesse an der Mitwirkung von anderen haben. Man muss die Fraktionen im Deutschen Bundestag auch mal mit einbeziehen. Gerade kann ich mir weder bei der Zukunftskommission noch bei der Borchert Kommission vorstellen, dass diese bis zur nächsten Bundestagswahl und darüber hinaus überdauern.

Woran liegt es, dass die politische Unterstützung für die Borchert Ergebnisse bisher so spärlich sind? Die war doch breit aufgestellt.

Künast: Ja, aber auch da sind wir nicht gefragt worden, ob wir etwas einbringen wollen. Ich bin bei der Bewertung der Borchert Vorschläge zwiespältig. Auf der einen Seite hat es so etwas noch nicht gegeben. Auf der anderen Seite sehe ich in den Empfehlungen einige Problempunkte.

Welche Punkte meinen Sie?

Künast: Die Empfehlungen orientieren sich an nicht besonders ehrgeizigen Haltungsregeln. Es ist am Ende ein nur freiwilliges Konzept, das davon ausgeht, dass die rechtlichen Tierhaltungsstandards gar nicht verändert werden. Und dafür soll der Kunde über die Fleischabgabe auch noch mehr Geld bezahlen.

"Das was die Borchert Kommission als Ziel für 2040 formuliert, hat große Chancen, dann längst überholt zu sein". - Künast

Die Empfehlungen geben aber doch vor bis 2030 und 2040 die Standards auf die Stufen 1 und 2 des Tierwohllabels zu erhöhen.

Künast: Ja, aber das geht nur, wenn der EU-Standard in dieser Zeit immer niedriger als der deutsche Standard bleibt. Ansonsten darf die Fleischabgabe EU-rechtlich nicht erhoben werden. Das ist mir zu wenig. Es muss doch so sein, dass Deutschland eine aktive Kraft ist und den Tierschutz, gute Haltungsbedingungen und eine Reduktion der Großvieheinheiten pro ha auch in der EU initiiert. Das ist notwendig wegen der Gewässerbelastung und für das Klima. Das was die Borchert Kommission als Ziel für 2040 formuliert, hat außerdem große Chancen, dann längst überholt zu sein. Schauen Sie mal, wie schnell die vegetarische und vegane Ernährung voran geht, wie die Industrie sich auf Ersatzprodukte aus Erbsen, Linsen, Pilzen einstellt. Dann sehe ich nicht, dass es 2040 noch ein riesiges Interesse gibt, diese Mengen von Fleisch zu haben.

Wenn auf die Einigung der Borchert Kommission nun politisch nichts folgt, wird sich in der Tierhaltung wenig ändern. Was schlagen Sie jetzt vor?

Künast: Ich stelle die Vorschläge nicht komplett in Frage. Wir brauchen sowohl Investitionsmittel als auch ein System, das den Mehraufwand der Landwirte zumindest teilweise ausgleicht. Aber es gibt noch einiges zu diskutieren. Zuerst müssen jetzt die CDU und die SPD sagen, dass sie wirklich ein Interesse die Aufgabe zu stemmen. Wir Grüne arbeiten an eigenen Initiativen. Wir werden nicht nur warten, wie die anderen sich entscheiden.

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