top agrar plus Der Krieg in der Ukraine und die Folgen

Landwirtschaftsminister Cem Özdemir: „Jetzt nicht die alten Sprechzettel herausholen.“

Cem Özdemir warnt im top agrar-Interview davor, den Krieg in der Ukraine für Eigeninteressen zu missbrauchen. Beim Umbau der Tierhaltung möchte er mit einer Anschubfinanzierung Tempo machen.

Vergangene Woche konnte top agrar als erstes Fachmagazin ein Interview mit Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir führen. Wir sprachen mit ihm über den Ukraine-Krieg, die Zukunft der Nutztierhaltung, über die Düngeverordnung und viele weitere Themen.

Was ändert der Krieg in der Ukraine an Ihren agrarpolitischen Zielen?

Özdemir: Putins Angriffskrieg auf die Ukraine wird alle unsere Lebensbereiche beeinflussen. Die wichtigste Frage ist heute immer noch, wie können wir den Menschen in der Ukraine helfen? Wir haben umgehend eine Koordinierungsstelle eingerichtet, die sich darum kümmert, dass Lebensmittelgroßspenden aus der Wirtschaft zu den Betroffenen in die Ukraine kommen. Die ersten Lastwagen sind bereits auf dem Weg. Für dieses Engagement der Unternehmen bin ich sehr dankbar. Mit gleicher Ernsthaftigkeit hat mein Haus die Auswirkungen auf die Lebensmittelmärkte und die weltweite Versorgungssicherheit und die Folgen für den Agrarsektor im Blick. Ich rate aber, jetzt nicht die alten Sprechzettel herauszuholen und die jetzige Situation für agrarpolitische Eigeninteressen zu missbrauchen.

Was meinen Sie damit?

Wir sollten die Uhr nicht zurückdrehen, das hat noch nie geklappt. Es geht darum, unsere Landwirtschaft zukunftssicher und krisenfest aufzustellen, wir können vor der Klimakrise und der Ressourcenverschwendung nicht die Augen verschließen. Aber nochmals zurück zu den Kriegsauswirkungen: Russland und die Ukraine sind für etwa 14 Prozent der weltweiten Weizenerzeugung verantwortlich. Wenn es hier zu Ausfällen kommt, hat das natürlich globale Auswirkungen und kann weitere Preissteigerungen bei Weizen und Brot bedeuten. Hauptimporteur von Weizen aus dieser Region sind insbesondere die Länder Nordafrikas und Asiens sowie die Türkei.

Erwarten Sie, dass damit die Sicherung der weltweiten Ernährung auch bei uns wieder eine neue Bedeutung erhält?

Özdemir: Deutschland hat bei Weizen einen Selbstversorgungsgrad von fast 120 Prozent. Hier sind wir gut aufgestellt. Gleichzeitig geht aber fast 60 Prozent des Gesamt-Getreides in Deutschland nicht in die direkte Nahrungsmittelversorgung, sondern landet in Futtertrögen von Tieren. Und diese Tiere sind häufig nicht einmal für den Verzehr bei uns im Land gedacht, sondern für den Export. Global gehen 47 Prozent der Getreideerzeugung ins Tierfutter. Wenn wir jetzt vom Recht auf Nahrung sprechen, dann sollten wir nicht die Axt an Klima- und Naturschutz legen, sondern gemeinsam dafür sorgen, dass die Agrarproduktion nicht mehr vorrangig im Futtertrog landet, sondern Menschen direkt versorgt. Grundsätzlich geht es um eine Kreislauf-Landwirtschaft, die unabhängiger ist von energieintensivem Mineraldünger. Und zwar auch aus geopolitischen Gründen. Was wir bei Energieträgern hinbekommen wollen – Unabhängigkeit von Staaten wie Russland – müssen wir auch in diesem Bereich schaffen. Wir brauchen eine nachhaltige Produktion, um die Funktionsfähigkeit der Lebensmittelkette als Teil der kritischen Infrastruktur zu sichern.

Wie stellen Sie sich das vor? Kein Futtermittelanbau mehr in Deutschland? Weniger deutsche Importe von Soja- und Ölsaaten?

Özdemir: Wir müssen auch über die Flächen reden, die wir im Ausland für unsere Futtermittel belegen – und die oftmals mit Entwaldung zusammenhängen. Ich sage das immer wieder: Landwirtschaft ist keine Insel, sondern ein gesellschaftliches Bindeglied. Wenn wir Klimaschutz ernst nehmen, müssen wir auch die Tierbestände reduzieren. So senken wir auch die Abhängigkeit von Futtermitteleinfuhren. Es geht ja nicht darum, dass wir abgeschirmte Gesellschaften entwickeln. Ich bin ein Unterstützer des Welthandels, aber wir müssen die Abhängigkeiten reduzieren. Und das will ich auch klar sagen: Natürlich sollen Tierhalter weiterhin ein sicheres Einkommen haben. Das schaffen wir aber nicht, indem wir beim bisherigen Billigfleisch-System bleiben. Dieses System schafft am Ende nur Verlierer.

Das Ziel 30 Prozent Ökolandbau bis 2030 steht für Sie auch in Anbetracht der neuen Situation weiterhin fest?

Özdemir: Das ist und bleibt das Ziel unserer Koalition. 25 Prozent bis 2030 auf EU-Ebene und 30 Prozent bei uns in Deutschland. Das heißt auch, dass die anderen 70 Prozent der Kolleginnen und Kollegen, die konventionell...

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