Kommentar

LEH: Einsicht oder Finte?

Wie lässt sich der Wettlauf des Handels um den günstigsten Preis allein auf Kosten der Erzeuger nachhaltig bremsen? Was können Agrardialog und die neue Koordinierungszentrale leisten?

Ein Kommentar von Patrick Liste, Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben:

Strohpuppen baumeln an Aldi-Filialen: Landwirte haben am Wochenende drastisch auf ihre existenzbedrohende Situation aufmerksam gemacht. Ihr Hilfeschrei: „Ihr zählt die Millionen und wir sind am Verrecken!“

Die Aktion ist streitbar, zeigt aber, dass sich die Krise für Schweinehalter zuspitzt. Proteste und Kritik am Lebensmitteleinzelhandel häuften sich zuletzt. Drohte ein Imageschaden oder konnte sich ein Händler profilieren, verteilte er Geld an die Bauern oder machte Zusagen. Oft verpufften diese Beruhigungspillen. Die Frage ist: Wie lässt sich der Wettlauf des Handels um den günstigsten Preis bzw. die höchsten Mehrwerte allein auf Kosten der Erzeuger nachhaltig bremsen?

Koordinationszentrale für Handel und Landwirtschaft

Bauernverband, Raiffeisenverband und Handelsverband HDE gehen das an. Sie wollen am 8. September die Koordinationszentrale für Handel und Landwirtschaft gründen – für eine bessere Zusammenarbeit in der Lieferkette, auch wenn erst mal keine Verarbeiter am Tisch sitzen. Es wäre die zweite Plattform dieser Art. Seit Anfang 2021 gibt’s den Agrardialog. Hier verfolgen Landwirte von Gruppen wie LsV und BDM, Vertreter des Handels sowie des Handelsverbandes BVLH und Fleisch- sowie Milchverarbeiter das gleiche Ziel. Da wollte der Bauernverband nicht bei sein.

Runden verschmelzen und parallel Druck machen?

Schon jetzt werben Akteure, die Runden zu verschmelzen. Das scheint sinnvoll zu sein: Der Agrar­dialog kann zwar keine handfesten Erfolge vorweisen, aber die Gesprächsergebnisse könnten ein Aufschlag sein. Bei Parallelformaten könnte der Handel die Erzeuger gegeneinander ausspielen. Das sollten Landwirte nicht mit sich machen lassen. Die führenden Köpfe sind gefragt, einen Kompromiss zu finden. Gleichzeitig muss sich der Handel bekennen, nur in einer Runde zu sprechen. Oder will er das gar nicht?

An Themen mangelt es nicht: Landwirte fordern, dass sich die Unterstützung der Schweinehalter von Rewe und Edeka auf alle Händler und auch auf Verarbeitungsware ausrollt. Der Bauernverband will einen Bonus für heimische Erzeugung. Und Teilnehmer des Agrardialogs pochen da­rauf, dass es Mindestpreise abhängig von den Erzeugungskosten sowie Preisaufschläge für Mehrwerte gibt. Alles keine einfachen Themen, zähe Gespräche sind programmiert. Deshalb können parallele Druckmacher nicht schaden:

  • Der Handel bündelt seine Einkaufsmacht immer stärker, mit Zustimmung des Kartellamtes. Die Anbieter sind dagegen zersplittert. Bei Trinkmilch zum Beispiel, die so gut wie keine Marge hat, unterbieten sich die Genossenschaftsmolkereien. Wäre für Standardprodukte nicht ein gemeinsames Verkaufskontor zielführender?

  • Die Politik hat zuletzt die Regeln für den Handel verschärft, es darf aber noch mehr sein. Selbst NRW-Ministerin Ursula Heinen-Esser nennt einige Gesetze „Pillepalle“. Warum geht die Politik nicht rigoroser vor, wenn sie die Lebensmittelproduktion in Deutschland sichern will?

Aktuell besteht die Chance, sich von den destruk­tiven Schuldzuweisungen zwischen Handel, Verarbeitern und Erzeugern zu lösen. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel könnte endlich zur Einsicht kommen: Ohne heimische Landwirte geht es nicht. Dafür erwarten die Landwirte jetzt handfeste Belege und Taten – keine weiteren Finten und Lippenbekenntnisse. Sonst dürften weitere drastische Aktionen folgen.


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