Zukunft der Tierhaltung

Lidl fordert die Umsetzung des Borchert-Plans

Der Handel erwartet von der neuen Bundesregierung Bewegung für den Umbau von Tierwohlställen. Lidl-Manager Steeb und Prof. Grethe über Tierwohlfinanzierung, Kennzeichnung und die Rolle des Staates.

In dieser Woche wollen SPD, Grüne und FDP ihren Koalitionsvertrag für eine neue Bundesregierung fertigstellen. Wichtig für die Landwirtschaft ist, was darin zur Zukunft der Tierhaltung steht. Zu den Befürwortern des Borchert-Plans zum Umbau der Tierhaltung gesellt sich nun auch der Handel. top agrar hat mit Lidl-Manager Benjamin Steeb und dem Berliner Agrarökonomen Prof. Harald Grethe über ihre Erwartungen gesprochen.

top agrar: Lidl ist 2020 auf dem Gipfel der Bauernproteste mit einer Sonderzahlung für Schweinehalter vorgeprescht und hat Preise über der Schweinepreisnotierung versprochen. Wie viel Angst haben Sie bei Lidl davor, dass Ihnen die heimische Fleischversorgung wegbricht, Herr Steeb?

Benjamin Steeb: Wir bei Lidl Deutschland sind uns unserer Verantwortung für die heimische Landwirtschaft bewusst. Es ist für uns zentral, insbesondere bei tierischen Erzeugnissen auf deutsche Herkunft zu setzen. Wir blicken mit großer Sorge auf die anhaltend niedrigen Erzeugerpreise, ganz besonders im Bereich Schwein. Um diesen Effekten entgegenzuwirken haben wir gemeinsam in der Schwarz Gruppe bereits 2020 in Form einer Sonderzahlung in Höhe von 50 Millionen Euro über die Initiative Tierwohl die deutschen Schweinehalter unterstützt. Zudem halten wir schon seit über einem Jahr am Preisniveau von vor Beginn der Afrikanischen Schweinepest-Krise fest.

All diese Bemühungen lösen aber nicht die strukturellen Probleme im Schweinemarkt. Bedingt durch die Afrikanische Schweinepest und eine Veränderung des Konsumverhaltens, bricht die Nachfrage stark ein und wird sich voraussichtlich auch nicht kurzfristig erholen. Es ist jetzt notwendig, mit allen Akteuren der Branche Maßnahmen zu definieren und umzusetzen, um die Nutztierhaltung in Deutschland zukunftsfähig aufzustellen.

Warum ist es aus Ihrer Sicht bisher nicht gelungen, hohe Tierwohlstandards auskömmlich für die Landwirtschaft vergütet am Markt zu positionieren?

Steeb: Mit unserer Erfindung des Haltungskompasses 2018 und der Überführung in die Haltungsform ist es uns zum ersten Mal gelungen, die Leistungen der Landwirte in Deutschland in Bezug auf Tierwohl für die Kunden einheitlich im Handel transparent zu machen. Und wir sehen: Es wirkt, denn die Nachfrage nach Produkten aus höheren Haltungsformen, die über dem gesetzlichen Standard produziert werden, steigt. Jedoch findet die Haltungskennzeichnung noch nicht bei allen Lebensmittelhändlern und über alle Vertriebskanäle, zum Beispiel in der Gastronomie, Anwendung. Eine verpflichtende Haltungskennzeichnung für alle Vermarktungswege in Deutschland, die sich an den Kriterien der Haltungsform orientiert, würde aus unserer Sicht zu einer steigenden Nachfrage nach Produkten aus höheren Haltungsformen und auch zu einer auskömmlichen Vergütung für die Landwirtschaft beitragen.

Duckt sich der Handel bei der Finanzierung von Tierwohl weg? Warum haben wir dieses Marktversagen beim Tierwohlfleisch, Herr Grethe?

Harald Grethe: Nein, der Handel duckt sich nicht weg. Ich halte sowohl die privatwirtschaftlich organisierte Kennzeichnung der Haltungsform wie auch die Initiative Tierwohl für große Erfolge. Aber privatwirtschaftliche Initiativen werden nicht ausreichen, um das Tierwohl flächendeckend und im notwendigen Umfang zu erhöhen. Solange die Politik nicht die Rahmenbedingungen verändert, bleibt Tierwohlfleisch ein Nischenprodukt. Diese Nische hat das Potenzial zu wachsen, aber sie kann nicht zum Umbau der Tierhaltung insgesamt führen. Wir brauchen auch eine Anpassung staatlicher Rahmenbedingungen.

Die Ampel-Parteien sitzen gerade in den Koalitionsverhandlungen zusammen. Was sollten diese dafür aufschreiben, Herr Grethe?

Grethe: Wir brauchen Zielbilder, eine staatliche Förderung der Umsetzung höherer Tierwohlstandards und mittelfristig eine Anhebung der staatlichen Mindeststandards bei Fortführung der Förderung. Tierwohl kostet Geld – das müssen wir als Gesellschaft gemeinsam bezahlen. Die Konzepte dafür liegen vor; von wissenschaftlicher Seite schon lange und seit Februar 2020 auch von zahlreichen...


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