Landwirtschaftskammer Nds.

„Ohne Digitalisierung ist Landwirtschaft der Zukunft kaum vorstellbar“

Auch die Landwirtschaftskammer wurde von der Politik bei wichtigen Fragen nicht mit einbezogen. Als Beispiele nannte der Kammerpräsident die Ausweisung der „roten Gebiete“ durch das Land.

Niedersachsens Landwirte sind unzufrieden. Wie viele ihrer Berufskollegen gehen sie auf die Straße. „Das unternehmerische Risiko ist derzeit erschreckend, oder besser gesagt abschreckend groß“, äußerte Gerhard Schwetje, Präsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Verständnis für die Proteste in ganz Deutschland.

„Die Bauern haben massive Angst um ihre wirtschaftliche Existenz und sehen sich ins gesellschaftliche Abseits gedrängt“, sagte Schwetje am Donnerstag im Anschluss an die Kammerversammlung in Oldenburg. Die Forderung der Protestierenden, „Redet mit uns!“, nannte Schwetje „eigentlich eine Selbstverständlichkeit“.

Selbst Kammer wurde nicht gefragt

Auch die Kammer als Fachbehörde sei von der Politik bei einigen wichtigen landwirtschaftlichen Fragen nicht mit einbezogen worden. Als Beispiele nannte der Kammerpräsident die Ausweisung der „roten Gebiete“ durch das Land sowie die Pläne des Bundes zur Verschärfung der Düngeverordnung. „Ungeachtet dessen arbeiten wir weiter mit Hochdruck daran, den landwirtschaftlichen Unternehmen bei ihren künftigen Herausforderungen zu helfen“, sagte Schwetje.

So habe die Düngebehörde der Kammer die elektronische Datenbank ENNI (Elektronische Nährstoffmeldungen Niedersachsen) entwickelt. Sie vereinfache die Meldepflicht für Wirtschaftsdünger erheblich. Das Programm helfe den Nutzern, die komplexen gesetzlichen Regelungen einzuhalten, „und schafft damit Rechtssicherheit“.

Digitalisierung ist Segen

Nicht nur bei ENNI erweise sich die Digitalisierung als ein Segen. „Ohne sie ist eine Landwirtschaft der Zukunft kaum vorstellbar“, sagte der Präsident. Auch auf diesem Gebiet treibe die Kammer „gut vernetzt mit Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik“ die Entwicklung voran. So solle zum Beispiel das digitale Frühwarn- und Entscheidungshilfesystem „DigiSchwein“ Tiergesundheit, Tierwohl, Betriebsmitteleffizienz und Nachhaltigkeit weiter steigern. Gleichzeitig gehe es um eine Verringerung von Nährstoffanfall, Umweltbelastungen sowie eingesetzter Arzneimittel. „Das Ziel des Projektes ist eine Optimierung der Schweinehaltung ganz im Sinne von Politik, Gesellschaft und Landwirtschaft“, fasste Schwetje zusammen.

Neu: Praxis- und Versuchstechnikum digitaler Ackerbau

In die gleiche Richtung ziele das „Praxis- und Versuchstechnikum digitaler Ackerbau“, das in wenigen Tagen in Schickelsheim (Landkreis Helmstedt) an den Start gehen wird. Hier will man die Auswirkungen digitaler Technik auf Boden, Wasser und Artenvielfalt, aber auch auf die Optimierung der Produktion sowie die Verbesserung der Wirtschaftlichkeit im Ackerbau untersuchen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen nicht nur der landwirtschaftlichen Praxis nützen. „Wir wollen damit auch unserer Gesellschaft die Vorteile des modernen Ackerbaus näherbringen“, sagte Schwetje.

Dürrehilfe war personeller Kraftakt

Die Arbeit der Kammer für landwirtschaftliche Praxis, Politik und Gesellschaft erläuterte auch Kammerdirektor Hans-Joachim Harms an einigen Beispielen. So konnte das Sonderprogramm Dürrenothilfe nur bewältigt werden, weil personelle Ressourcen auf die Antragsbearbeitung konzentriert wurden. Von den 4.600 Anträgen seien rund 3.300 positiv entschieden worden. „Das entspricht einem finanziellen Volumen von gut 54 Mio. Euro und damit 80 Prozent des geltend gemachten Schadens“, präzisierte Harms. Zurückgestellte Aufgaben würden nun nachgearbeitet. Trotz der Belastungen habe man es geschafft, die Anträge für die Flächenprämie termingerecht zu bearbeiten. „Die Gelder werden pünktlich zum Jahresende ausgezahlt werden“, kündigte der Kammerdirektor an.

Wie geht es in der Schweinehaltung weiter?

Fragen zur künftigen Schweinehaltung würden auf der Versuchsstation in Wehnen bearbeitet. So habe das in diesem Jahr beendete Projekt InnoPig verschiedene Abferkelsysteme für die Sauenhaltung verglichen. Dabei habe man die Auswirkungen auf den Platzbedarf der Tiere sowie deren Bewegungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten untersucht. Ein wichtiges Kriterium für die erarbeiteten Ergebnisse sei gewesen, dass „alles praxisgerecht umsetzbar sein muss“.

Das gelte auch für die in Wehnen stattfindenden Untersuchungen zur Aufbereitung von Gülle und zur Verwertung der dabei anfallenden Produkte. So ließen sich Wirtschaftskreisläufe schließen und Ressourcen effektiv schützen. „Nur technische Innovation ist in der Lage, Fragen bei der Entwicklung einer zukunftsfähigen Landwirtschaft zu beantworten und Probleme zu lösen“, sagte Harms. Beschränkung oder Regulierung seinen kontraproduktiv.

Task Force Waldschäden

Mit Blick auf die von Stürmen, Dürre und Borkenkäferplage vielerorts geschädigten Privatwaldbesitzer berichtete Harms von der „Task Force Waldschäden“, die bereits im Herbst 2018 eingerichtet wurde. Sie unterstütze die „bis zur Belastungsgrenze tätigen Bezirksförsterinnen und Bezirksförster“ bei der Schadenserhebung und den Arbeiten zur Schadensminderung.

Hilfreich sei dabei eine von der Kammer entwickelte App, mit der die Schadenssituation und der Befall durch Borkenkäfer erfasst und kartiert werden könne. „Dieses technische Hilfsmittel gehört zu den besten Tools dieser Art bundesweit und ermöglicht eine koordinierte Beseitigung des Schadholzes“, erklärte der Kammerdirektor. Ebenfalls vielversprechend sei das erst kürzlich gestartete Projekt „Train4Clim“. Dessen Ziel sei es, die Weiterbildung und Beratung für die Privatwaldbesitzer und die Waldwirtschaft bezüglich des Klimawandels zu verbessern.

In der Baumschulwirtschaft gehörten torfreduzierte und torffreie Substrate zu den Top-Themen der Praktiker. Die Lehr- und Versuchsanstalten der Kammer in Bad Zwischenahn und in Hannover-Ahlem befassten sich intensiv damit. Sie koordinierten das dreijährige Verbundprojekt „TeiGa“ (Torfersatzstoffe im Gartenbau) sowie das bundesweite Model- und Demonstrationsvorhaben „TerZ“. In beiden Projekten gehe es um die Frage, in welchem Umfang der Torfanteil in professionell genutzten Gartenbausubstraten reduziert werden könne. „Beide Projekte sind von großem fachlichen und politischen Interesse“, so Harms. Der Verzicht auf Torf könne dazu beitragen, die nationalen Klimaziele bei der Verringerung des Kohlendioxid-Ausstoßes zu erreichen.

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Vielen Betrieben in Niedersachsen war es erneut kaum möglich, rentabel zu wirtschaften. In den meisten Fällen wurde das eingesetzte Kapital nicht angemessen verzinst und die Arbeit nicht entlohnt.

Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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