Landwirtschaft im Dialog

Paetow: Betrieb für die Zukunft vielfältiger aufstellen

Wie sieht die Landwirtschaft von morgen aus? Darüber diskutiert top agrar am 29. September bei „Landwirtschaft im Dialog“ in Berlin. Wir haben Podiumsteilnehmer Hubertus Paetow vorab befragt.

Wie schaffen wir im aktuellen Spannungsfeld den Ausgleich zwischen den Wünschen der Bürger und den Interessen der Landwirte? Welche Landwirtschaft wollen wir in Deutschland? Welche Rahmenbedingungen muss die Politik dafür setzen? Darüber wollen wir am 29. September 2020 mit Politikern, Wissenschaftlern, Wirtschaftsvertretern und dem landwirtschaftlichen Berufsstand in Berlin bei "Landwirtschaft im Dialog" diskutieren. Wir sprachen vorab mit Hubertus Paetow, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG).

Sie bewirtschaften einen Betrieb mit den Schwerpunkten Ackerbau und Saatguterzeugung in Schlutow, im Landkreis Rostock in Mecklenburg-Vorpommern. Wie hat sich der Betrieb schon in den letzten Jahren verändert? Wie wird Ihr Betrieb in zehn Jahren aussehen? Worauf wird der Fokus liegen?

Paetow: Am besten kann man die Veränderungen in meinem Betrieb an der Fruchtfolge festmachen. Während wir vor zehn Jahren nur Raps, Weizen und ein klein wenig Gerste angebaut haben, sieht der diesjährige Anbauplan zusätzlich Rüben, Silomais, Roggen und Erbsen vor – also insgesamt sieben Früchte. Durch die Kooperation mit einem Schweinehalter beschäftigen wir uns inzwischen auch intensiv mit Wirtschaftsdüngermanagement – was heutzutage nicht nur Spaß macht. Trotzdem denke ich, dass der Betrieb sich in Zukunft noch vielfältiger aufstellen muss, um den diversen Anforderungen gerecht zu werden. Wer weiß, vielleicht wirtschaften wir in zehn Jahren zur Hälfte ökologisch? Auf jeden Fall werden wir am technischen und digitalen Fortschritt dranbleiben und damit sicher eine ganze Menge der heutigen Herausforderungen gelöst haben – was nicht heißt, dass es in zehn Jahren keine neuen Baustellen gibt.

„Wir brauchen eine ökologische-soziale Marktwirtschaft, ein System, das die Zielkonflikte der nachhaltigen Entwicklung ausgleicht“. Das haben Sie auf der letzten Wintertagung der DLG gefordert. Wie genau stellen Sie sich dieses „System“ vor?

Paetow: Die gesamte Nahrungsmittelerzeugung befindet sich in einem fundamentalen Umstellungsprozess. Der Blick auf die Auswirkungen von Landwirtschaft beschränkt sich nicht mehr nur auf die eigentliche Produktion, sondern richtet sich zunehmend auch auf die natürlichen Ressourcen, auf Artenvielfalt und Ökosysteme, auf den Klimawandel und das Tierwohl.

Ziele der Landwirtschaft in einer ökologisch-sozial geprägten Marktwirtschaft sind neben Gewinnerzielung durch hohe Flächen- und Stallproduktivität gleichermaßen auch ökologische Verträglichkeit, Tierwohl und gesellschaftliche Akzeptanz. Zwischen diesen Zielen bestehen Konflikte – zum Beispiel zwischen Flächenertrag, Biodiversität und Nährstoffbelastung. Wenn gesellschaftlich vorgegebene Rahmenbedingungen zu Wettbewerbsnachteilen führen, so kommt es zu Verlagerung der Produktion an Standorte, an denen diese Rahmenbedingungen nicht gelten. Das sehen wir zum Beispiel beim Thema Ferkel. Am Ende werden dann die Ziele, die die Gesellschaft mit den Rahmenbedingungen erreichen will, nicht erreicht.

Das System funktioniert in offenen Märkten nur, wenn die Rahmenbedingungen überall gleich sind, z.B. in ganz Europa, oder nationale Wettbewerbsnachteile ausgeglichen werden" - Paetow

Nicht, um die Bauern zu belohnen, sondern um die Ziele der Gesellschaft sicher zu erreichen.

Was müssen Berufsstand und der vor- und nachgelagerte Bereich selber tun, um zukunftsfähig zu sein

Paetow: Unser Berufsstand muss ein Bild davon entwerfen, wie eine Landwirtschaft aussehen kann, die nachhaltig und gleichzeitig intensiv wirtschaftet, die verantwortungsbewusst mit Tieren und Umwelt umgeht und eine ökonomisch gesunde Basis für einen funktionierenden ländlichen Raum darstellt. Wir als Praktiker und Fachleute müssen die Vision dazu liefern. Wenn uns dies gelingt, sind wir nicht nur Zuschauer, während andere über unsere Entwicklungsoptionen entscheiden, sondern gestalten diesen Weg maßgeblich mit. Wir müssen dabei neben der Diversität bei den Arten eben auch eine Diversität bei den landwirtschaftlichen Geschäftsmodellen anstreben. In dem Fall, dass nachhaltigere Verfahren oder gesellschaftlich akzeptierte Haltungsformen eine annähernd vergleichbare Rentabilität aufweisen, müssen wir uns auch die Frage stellen, ob wir diesen Weg wählen.

Liveübertragung ab 19 Uhr: Die Veranstaltung ist bereits ausgebucht. Die Diskussion wird aber auch ab 19 Uhr live über den top agrar-YouTube-­Kanal www.youtube.com/topagrar übertragen.

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