DLG-Unternehmertage 2021

Paetow: Konflikt Tierwohlforderung und Tierwohlnachfrage auflösen!

Der Umbau der Tierhaltung samt entsprechender Entlohnung ist die zentrale Aufgabe der Zukunft, und das bei historisch niedrigen Schweine- und Milchpreisen unterhalb des niedrigen Weltmarktniveaus.

DLG-Präsident Hubertus Paetow hat am Donnerstag die DLG-Unternehmertage 2021 digital eröffnet. In seiner Rede betonte er, dass die Ergebnisse der Borchert-Kommission und der Zukunftskommission wirtschaftliche Perspektiven für die deutsche Landwirtschaft geben könnten.

„Es gibt inzwischen einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, dass die Auflösung des Konfliktes zwischen Tierwohlforderung und Tierwohlnachfrage als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden muss,“ sagte Paetow.

„Angefangen mit den Ergebnissen der Borchert-Kommission, vor allem aber auch im Abschlussbericht der Zukunftskommission wird immer wieder darauf hingewiesen, dass ohne marktpolitische Eingriffe des Staates, wie auch immer diese aussehen werden, das Ziel eines nachhaltigen und den Vorstellungen der Gesellschaft von tiergerechten Haltungssystemen entsprechendes Ernährungssystems nicht zu erreichen ist.“

Die genaue Ausgestaltung dieser marktpolitischen Eingriffe sei noch Gegenstand von Diskussionen, aber im Grundsatz wäre man sich darüber einig, dass eine deutsche Tierhaltung, die zumindest die inländische Nachfrage bedienen kann, auch in Zukunft möglich sein muss.

Für den DLG-Präsidenten ist das natürlich keine gute Nachricht für einen Sektor, der wie die deutsche Schweinehaltung in den vergangenen Jahren auch auf den Exportmärkten erfolgreich war. Aber die internationale Wettbewerbsfähigkeit entscheide sich auch an Standortfaktoren, und eine gesellschaftliche Regulierung von Tierhaltungsverfahren sei genauso ein Standortfaktor wie die Umweltgesetzgebung oder das Lohnniveau.

Gute Perspektive für den Ackerbau

Die derzeit weltweit steigende Nachfrage nach Nahrungsmitteln lasse zwar die Preise für Getreide und Ölfrüchte stark ansteigen, und mache – trotz aller Erschwernisse durch Düngeverordnung und andere regulatorische Hemmnisse – einen rentablen Ackerbau am Standort Deutschland möglich. Allerdings sei auch der Trend zu immer höheren Flächenkosten ungebrochen, und die Pachten im Bundesdurchschnitt in den letzten 15 Jahren um mehr als 50 % gestiegen. Aber trotzdem seien die Perspektiven für den Ackerbau zumindest verhalten optimistisch zu beurteilen.

Große Unsicherheiten für die Tierhaltung

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Hubertus Paetow: "Die Verknüpfung landwirtschaftlicher Produkte mit der gesellschaftlich geforderten Prozessqualität wird die Kernaufgabe sein, die es zu lösen gelte, wenn die deutsche Landwirtschaft in Zukunft auf den Märkten erfolgreich sein will. (Bildquelle: DLG)

Die Märkte bei den tierischen Produkten sähen derzeit völlig anders aus und sind stark dynamisch, so der DLG-Präsident. Historisch niedrige Schweinepreise und Milchpreise dauerhaft unterhalb des ohnehin schon niedrigen Weltmarktniveaus stellten die tierhaltenden Betriebe vor existentielle Herausforderungen. Große Unsicherheiten über die zukünftigen Anforderungen an die Produktion, gepaart mit einem rückläufigen inländischen Fleischkonsum und denkbar schlechten Exportperspektiven machten Investitionsentscheidungen im Bereich der Tierhaltung heute zu einem riskanten Roulette Spiel. Erstmals sei auch der langfristige Trend eines stetig steigenden oder zumindest gleichbleibenden Fleischverbrauches gebrochen, der ansonsten immer für Entlastung auf den Märkten gesorgt habe.

Regulatorische Rahmenbedingungen

Im Koordinatensystem des landwirtschaftlichen Unternehmers seien Märkte und Preise aber nur die eine Seite der Medaille. Ebenso wichtig für den Erfolg und die weitere Ausrichtung sind inzwischen die regulatorischen Rahmenbedingungen der Produktion. In diesem Bereich lägen denn auch die größten Herausforderungen, wenn es um die zukünftige Ausrichtung der Betriebe in der Tierhaltung gehe.

„Der Blick in den Einkaufswagen unserer Mitbürger zeigt deutlich, dass höhere Standards in der Tierhaltung von den Verbrauchern eben nicht ausreichend honoriert werden,“ so Paetow. „Einige sagen: ‚Die Verbraucher tun dies noch nicht‘. Viel wahrscheinlicher aber ist die Aussage, dass die Verbraucher dies ohne marktpolitische Eingriffe auch in Zukunft nicht tun werden.“

Den Konflikt zwischen der gesellschaftlichen Forderung nach mehr Tierwohl und der am Markt fehlenden Nachfrage nach mehr Tierwohlprodukten aufzulösen, müsse nun als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden. Die Ergebnisse der beiden Kommissionen hätten inzwischen gezeigt, dass es einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber gäbe. Die Politik könne ihre Vorschläge nun umsetzen.

Herausforderungen annehmen

Paetow hielt fest, dass es solche Herausforderungen in der Vergangenheit auch schon gegeben habe wie bei jeder Reform der Agrarpolitik der letzten Jahrzehnte. Diese gingen in der Regel mit einer weiteren Öffnung der Märkte einher, und es bestand die Sorge, dass die deutsche Agrarwirtschaft international nicht mithalten könnte. In der Vergangenheit sei es regelmäßig anders gekommen – zumindest bis heute haben die Betriebe und Wertschöpfungsketten immer einen Weg gefunden, trotz oder gerade wegen der besonderen Rahmenbedingungen in Deutschland auch international wettbewerbsfähig zu produzieren.

„Wir werden auch in Zukunft in Deutschland Nahrungsmittel produzieren, trotz Umwelt- und Tierschutzauflagen. Wie werden diese Nahrungsmittel anders erzeugen, als dies heute der Fall ist. Die Produktion muss sich anpassen, auch in Dingen, die wir als Landwirte heute nicht als ‚sinnvoll‘ erachten,“ so Paetow. „Das Mastschwein auf 0,6 m² Vollspaltenboden und der Weizen in Monokultur mit 300 kg/ha N sind nicht automatisch die Erfolgsmodelle der Zukunft, auch wenn sie bis heute noch funktionieren.“

Prozessqualität am Produkt sichtbar machen

Mehr und mehr bestehe das Nahrungsmittel der Zukunft nicht mehr nur aus dem Rohstoff Fleisch oder Getreide, sondern auch aus der Einhaltung von Produktionsbedingungen, aus der Prozessqualität, so Paetow. Der Nachteil bei der Prozessqualität sei allerdings, dass man sie dem Produkt nicht unmittelbar ansieht – sie also auch nicht unmittelbar zum Verkaufsargument machen kann, vor allem nicht im Vergleich zu weniger hochwertig erzeugten oder importierten Produkten.

Die Verknüpfung landwirtschaftlicher Produkte mit der gesellschaftlich geforderten Prozessqualität, werde die Kernaufgabe sein, die es zu lösen gelte, wenn die deutsche Landwirtschaft in Zukunft auf den Märkten erfolgreich sein will. Und dies unabhängig davon, ob die Verbraucher für dieses mehr an Qualität auch wirklich mehr bezahle. Denn auch wenn die Erlöse in Zukunft zum Teil über den Umweg der marktpolitischen Maßnahmen zu den Erzeugern kommen, so müsse dafür doch immer die Einhaltung der Prozessqualität am Produkt erkennbar sein, erläuterte Paetow.


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