Unrealistische Agrarwende

Prof. Balmann sieht Agrarpolitik ohne ausreichende Perspektiven

Prof. Balmann sieht einige Probleme bei der künftigen Agrarpolitik. Es fehlten klare Richtungsvorgaben, die Politik sei zu zögerlich und weiche grundsätzlich richtige Ansätzen auf. Der Druck steige.

Perspektivlosigkeit der deutschen Agrarpolitik beklagt der scheidende Vorsitzende der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaus (GEWISOLA) und Direktor des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle, Prof. Alfons Balmann.

Im Interview mit AGRA-EUROPE kritisiert der Wissenschaftler „unklare Richtungsvorgaben, Zögerlichkeit und ein Aufweichen von grundsätzlich richtigen Ansätzen“ wie dem Greening oder der Düngeverordnung von 2017. Als Folge müssten nunmehr „mit großem Druck unerwartete und sehr drastische Maßnahmen“ ergriffen werden.

Positiv wertet Balmann den von der Bundesregierung initiierten Dialog mit und über die Landwirtschaft. Ein solcher Dialog könne ein Baustein für einen „ideellen Gesellschaftsvertrag“ sein. Voraussetzung sei jedoch eine landwirtschaftsinterne Auseinandersetzung darüber, „wie man offensichtliche Probleme lösen will“. Beispiele seien der Umgang mit schwarzen Schafen, mit der Überdüngung oder fachlichen Überforderung.

Die wesentlichen Problemlösungen müssten letztlich von der Wirtschaft selber kommen. Daneben müsse die Zivilgesellschaft Klarheit darüber schaffen, was sie angesichts der vielen Zielkonflikte im Spannungsfeld zwischen günstigen und sicheren Nahrungsmitteln sowie Umwelt-, Klima- und Tierschutz eigentlich wolle. Verständnis zeigt der Wissenschaftler für die gegenwärtigen Bauernproteste.

Wenig realistische Agrarwende

Die Ursachen für die Proteste liegen für Balmann unter anderem darin, dass Zivilgesellschaft und Medien die Landwirtschaft seit Jahren „oft sehr pauschalisiert kritisieren und eine wenig realistische Agrarwende fordern, während die Verbraucher überwiegend genau die Produkte kaufen, die die Landwirtschaft herstellt“.

Zudem enthalte das Agrarpaket „angreifbare, wenig zielführende Maßnahmen“ wie das angekündigte Glyphosat-Verbot, während fast gleichzeitig das Mercosur-Abkommen anstehe, das für viele Betriebe mit einem steigenden Wettbewerbsdruck einhergehen werde.

Die eigene Zunft sieht der Agrarökonom gefordert, stärker mit anderen Disziplinen zusammenzuarbeiten, um den Anforderungen der Politikberatung hinreichend gerecht zu werden. Zwar könne die Agrarökonomie sehr gut erklären, wie Märkte, Unternehmen und Wertschöpfungsketten funktionieren oder institutionelle Regeln sich auswirken.

Politikgestaltung sei jedoch komplexer und habe viele Ursachen. Ein Beispiel seien die landwirtschaftlichen Bodenmärkte. Trotz ihrer Funktionsfähigkeit dominiere in öffentlichen Diskussionen eine „enorme Marktskepsis“. Gleichwohl seien Agrarökonomen gefordert, sich stärker in politische und gesellschaftliche Diskussionen einzubringen. Einerseits sähen sie sich in der Lage, „wertvolle Einsichten für die Gesellschaft zu entwickeln und zu vermitteln“. Andererseits resultierten daraus wertvolle Anregungen für die eigene wissenschaftliche Arbeit. Vor diesem Hintergrund werde die GEWISOLA künftig in jedem Jahr einen Preis für Wissenstransfer vergeben.

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