Remmel bekräftigt Kritik an Antibiotikaeinsatz mit neuer Studie

Mastgeflügel in NRW kommt offenbar auch außerhalb von Therapiezeiten und teilweise sogar ohne tierärztliche Verordnung in Kontakt mit Antibiotika. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die Nordrhein-Westfalens Agrarminister Johannes Remmel heute in Düsseldorf vorgestellt hat.

Mastgeflügel in NRW kommt offenbar auch außerhalb von Therapiezeiten und teilweise sogar ohne tierärztliche Verordnung in Kontakt mit Antibiotika. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die Nordrhein-Westfalens Agrarminister Johannes Remmel heute in Düsseldorf vorgestellt hat. „Wir müssen erneut feststellen, dass es in der Intensivtierhaltung ein massives Antibiotika-Problem gibt“, so der Grünen-Politiker. Er wirft den „Akteuren“ vor, zu verharmlosen, zu verschleiern und zu verwässern. „Der Einsatz von Antibiotika hat ein Ausmaß erreicht, das völlig indiskutabel ist.“ Er rief dazu auf, die „Antibiotika-Ströme in der Tierhaltung endlich vollständig transparent zu machen“.

Die wichtigsten Ergebnisse der „NRW-Verschleppungsstudie“ sind laut Remmel:

  1. In 26 von 42 (rund 62 %) überprüften Ställen wurden auffällige Rückstände antibiotisch wirksamer Substanzen in Tränkwasser ermittelt, teilweise sogar ohne tierärztliche Verordnung.
  2. Nur in 16 von 42 (rund 38%) Ställen waren alle Tränkwasserproben unauffällig.
  3. Die Zeitspanne vom letzten dokumentierten Behandlungsdatum bis zum Tag der Probenentnahme variierte dabei zwischen 1 und 1085 Tagen. Damit wurden Verschleppungen mit antibiotisch wirksamen Substanzen weit über das Ende des Mastdurchganges nachgewiesen.
  4. Es wurden Rückstände von bis zu 4 (Hühnermast) bzw. bis zu 7 (Putenmast) verschiedener Wirkstoffe je Stall nachgewiesen.
  5. Es wurden z.B. 6 Wirkstoffe im Bereich der Putenmast festgestellt, für die aktuell zumindest in Deutschland keine Zulassung für Fertigarzneimittel für diese Tierart existiert.
  6. In zwei Fällen wurden Antibiotika-Wirkstoffe gefunden, ohne dass eine entsprechende Dokumentation in den Betrieben über ihre Anwendung vorlag.
Das LANUV prüft derzeit laut Remmel mit Blick auf einzelne Studien-Ergebnisse die Einleitung weiterer rechtliche Schritte in einzelnen Fällen. Die Bundesregierung forderte der Minister auf, mit Blick auf die größer werdende Resistenzproblematik nun Taten folgen zu lassen. Bisher gebe es weder eine Verständigung auf einen Nationalen Antibiotika-Gipfel, noch einen konkreten Fahrplan, wie die Medikamente reduziert werden können.

Bauernverband: Alles nur Ablenkungsmanöver?

„Wenn durch Untersuchungen der illegale Einsatz von Tierarzneimitteln zweifelsfrei nachgewiesen werden kann, ist die zuständige Veterinärbehörde in der Pflicht und in der Lage, derartige Verstöße zu ahnden. Das weiß Minister Remmel und deshalb wird er seine Veterinärbehörden entsprechend mit Personal ausgestattet haben“, kommentiert der Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV), Johannes Röring, die heute in NRW vorgestellten Ergebnisse.
„Sind derartige Schlussfolgerungen aber nicht möglich, so sehen wir es sehr kritisch, wenn mit der ständigen Veröffentlichung derartiger Untersuchungsergebnisse der Eindruck bei der Bevölkerung erweckt wird, die Mehrheit landwirtschaftlicher Tierhalter würde gewissen- und verantwortungslos Antibiotika einsetzen. In diesem Fall muss sich Minister Remmel fragen lassen, ob er seiner Überwachungspflicht ausreichend nachkommt“, so der WLV-Präsident. 



Röring verwies auf den seit 2009 bekannten Leitfaden für die orale Medikation des BMELV. Darin sei z.B. festgeschrieben, dass Ablagerungen von Wirkstoffen in den Leitungen oder Futtertrögen zu verhindern seien. 

Die Therapie von kranken Tieren über Futter oder Wasser, die sogenannte orale Medikation, werde aber nicht nur von Landwirten und Tierärzten, sondern auch von Behördenvertretern aus Bund und Ländern als unverzichtbares Verfahren in der Tiermedizin angesehen.
„Wie beim Menschen auch bedeutet eine Behandlung mit der Spritze für Tiere enormen Stress, den man durch die Einnahme von Tabletten und Säften in der Humanmedizin sowie Pulver, Granulate oder Emulsionen in der Tiermedizin vermeiden kann. Auch eine derartige Medikamentenverabreichung ist gelebter Tierschutz“, so Röring.

Happach-Kasan: Kontrollen sind Aufgabe der Länder

FDP-Agrarsprecherin Christel Happach-Kasan empfindet den Antibiotikaeinsatz ebenfalls als zu hoch. Mehr Transparenz, gezieltere Kontrollen, die Verhinderung von Antibiotikagaben ohne medizinische Begründung seien jetzt wichtige Maßnahmen, eine Reduzierung zu erreichen. Sie wolle daher zusammen mit dem Bundesagrarministerium daran arbeiten, dass mit der Novelle des Arzneimittelgesetzes dem Missbrauch von Antibiotika deutlich entgegengewirkt wird. Der Gesetzesentwurf befindet sich derzeit bereits in einer überarbeiteten Fassung in der Ressortabstimmung.
 
Auf der Agrarministerkonferenz habe man zudem die Schaffung einer bundeseinheitlichen amtlichen Datenbank für die Erfassung des Antibiotikaeinsatzes bei landwirtschaftlichen Nutztieren beschlossen. Diese Maßnahmen konnten aber laut Happach-Kasan in der vorliegenden Studie noch nicht greifen. Den  Geflügelhaltern empfahl sie, offener mit dem Thema Antibiotikaeinsatz umzugehen und die Verbraucher sachgerecht zu informieren. „Es besteht ein Zusammenhang zwischen den extrem niedrigen Preisen für Hähnchen und dem Antibiotikaeinsatz in der Geflügelhaltung. Ein gutes Hygienemanagement
verringert den Einsatz von Antibiotika, aber es verursacht Kosten“, sagte sie. Die Haltungsbedingungen für Masthähnchen müssten so ausgestaltet werden, dass die antibiotikafreie Mast die Regel, der Einsatz von Antibiotika die Ausnahme wird.

Geflügelverband ist an Aufklärung interessiert

Der Geflügelwirtschaftsverband zeigte sich unterdessen empört. „Die deutsche Geflügelwirtschaft verharmlost nichts, verschleiert nichts, verwässert nichts!", so Leo Graf von Drechsel als Präsident des ZDG. Seiner Meinung nach ist das genaue Gegenteil der Fall. "Auf die ausdrückliche Initiative der deutschen Geflügelwirtschaft hin ist ein umfassendes Antibiotikamonitoring im QS-System etabliert worden." Von einem illegalen Einsatz von Medikamenten grenze sich die Branche zudem klar ab: "Wer unerlaubt Antibiotika einsetzt, muss mit deutlichen Konsequenzen bis zum Ausschluss aus der Vermarktung rechnen."