Berater hofft auf Entspannung

Russland geht viel Know-how im Agrarbereich verloren

Russland hat die internationale Zusammenarbeit im Agrarsktor selbst zerstört. Es ist nicht vorstellbar, unter welchen politischen Voraussetzungen eine Vertrauensbasis wieder hergestellt werden könnte.

Der Landwirt und Agrarwissenschaftler Klaus John aus dem Landkreis Nienburg war mehr als zehn Jahre in Woronesch in der russischen Schwarzerde-Region, unweit der ukrainischen Grenze, für das zweitgrößte russische Agrarunternehmen Prodimex tätig. Die Firma bewirtschaftet dort 900.000 ha und betreibt 14 Zuckerfabriken. Gegenüber dem Bauernverband aus Niedersachsen schildert der 59-Jährige seinen aktuellen Eindruck von den Kriegsfolgen.

So habe er den Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar wie viele andere auch nicht für möglich gehalten. „In meinen letzten Tagen in Russland sind mir gefühlt nur noch Kampfjets über den Kopf geflogen. Es war klar, dass ich gehen muss“, sagt John.

Russland arbeitet seit Jahren an mehr Unabhängigkeit

Die Zahl der ausländischen Agrarexperten in Russland sei in den zurückliegenden Jahren aus unterschiedlichen Gründen stark zurückgegangen. „Russland hat vermehrt auf die Lokalisierung ausländischer Produktion hingearbeitet, um sich von Technik, Produktionsmitteln und Anlagenbau aus dem Ausland unabhängiger zu machen und das zugehörige Know-how aufzubauen. Diese Partnerschaften waren für deutsche Unternehmen immer schwierig, auch wenn damit der deutlich bessere Zugang zu den russischen Märkten gegeben war“, sagt John.

Russland habe diese Möglichkeiten des Ausbaus der Zusammenarbeit nun selbst zerstört. „Im Moment ist nicht vorstellbar, unter welchen politischen Voraussetzungen eine Vertrauensbasis wieder hergestellt werden könnte“, schätzt der Experte die Zukunftsaussichten ein. Aktuell sei sogar die Sanktionierung von Saatgut aus Europa und USA von russischer Seite im Gespräch, was zu einer deutlichen Abnahme der Agrarproduktion führen würde.

Im Moment ist Rückzug aus russischem Markt großes Thema

Und dennoch sieht Klaus John mittelfristig vor dem Hintergrund der Ernährungssicherung eine Notwendigkeit: „Auch wenn derzeit unsere Herzen für eine schnelle Unterstützung und Hilfe für die Agrarentwicklung in der Ukraine schlagen, wird Europa nicht drum herumkommen, die wirtschaftliche Zusammenarbeit wieder auszubauen. Während wichtige Agrarunternehmen in Russland noch die Stellung halten, denken aktuell jedoch einige große Agrarkonzerne eher über ihren Rückzug aus dem nicht sanktionierten russischen Agrarmarkt nach“, so der 59jährige. „Ich halte es für ausgeschlossen, dass China darin der große Partner für Russlands Großlandwirtschaft wird“, sagte er dem Landvolk.

"Unterstützung für Russland notwendig"

Auch wenn es nach Meinung des Experten noch zu früh sei, etwas zu den Zukunftsaussichten der deutschen Unternehmen in Russland zu sagen – sie wären nach Ansicht von Klaus John aufgrund ihres guten Images und der vergangenen partnerschaftlichen Zusammenarbeit am besten in der Lage, Russland bei der wichtigen Aufgabe der Ernährungssicherung zu unterstützen. „Dieses bedarf aber erst einmal sehr viel politischer und diplomatischer Arbeit und eine Ausgangslage, die dieses überhaupt ermöglicht.“

Russland hat laut John das Potenzial einer gigantischen Flächen- und Betriebsstruktur, die fast die landwirtschaftliche Nutzfläche ganz Europas erreicht. „Es steht außer Frage fest, dass die Welt auf diese Produktion angewiesen ist.“

Deutschland hat viel Wissen und Material geliefert

Europa, aber insbesondere Deutschland, hat Russland in den letzten zwei Jahrzehnten ermöglicht, eine umfassende Agrarwirtschaft aufzubauen. „Der Anteil von niedersächsischen Unternehmen ist hierbei immens. Ob durch Sanktionen bedingt oder den Rückzug von Firmen – es steht schon heute fest, dass die Agrarproduktion Russlands sich auf sehr schwierige Zeiten einstellen muss“, erläutert John. Neben Maschinen und Ersatzteilen, die nicht zur Verfügung stehen, seien die Gründe dafür vor allem der notwendige Wissenstransfer, der zum Erliegen komme, sowie die „extreme Verunsicherung“ bei den landwirtschaftlichen Betrieben selbst.

„Deutschland und Russland haben immer vor allem auch persönliche, wirtschaftliche, kulturelle Beziehungen verbunden. Nur dies kann auch wieder eine Brücke für die Zukunft sein. Aber wohl nur, wenn die Propaganda, die von zu vielen Russen kritiklos angenommen wird, nicht siegt“, so John.

Schon im September reist er in mehrere Regionen Russlands, um eine Einschätzung für mögliche Entwicklungen im Agrarbereich zu erhalten. Sein Wissen möchte er weiter als Berater und Vortragsredner teilen.

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