Folgen nicht bedacht

Schweizer sollen über faktisches Pflanzenschutzmittelverbot abstimmen

In der Schweiz stehen zwei Initiativen zur Abstimmung an, die die Landwirtschaft in nicht gekanntem Maße umkrempeln und viele Bereiche unrentabel bzw. nicht mehr finanzierbar machen könnten.

Am 13. Juni soll in der Schweiz über zwei recht extreme Initiativen abgestimmt werden, die die Landwirtschaft dort grundsätzlich verändern würden. Zudem könnte es zu einer Verknappung von Lebensmittel und stark ansteigenden Preisen kommen, schreibt der Agrarblogger Dr. Willi Kremer-Schillings in seinem neuesten Eintrag auf www.bauerwilli.com. Konkret geht es um folgende zwei Vorschläge:

  • Die Trinkwasserinitiative (TWI) will, dass nur noch die Betriebe Direktzahlungen erhalten, welche pestizidfrei produzieren. Zudem darf kein Antibiotika prophylaktisch eingesetzt werden und es dürfen nur so viele Tiere gehalten werden, wie mit auf dem Betrieb produzierten Futter ernährt werden können. Die Betriebe welche dies nicht einhalten können, sollen zukünftig keine Direktzahlungen mehr erhalten.
  • Die Pestizidverbotsinitiative (PVI) verbietet den Einsatz synthetischer Pestizide in der Landwirtschaftlichen Produktion. Die Einfuhr zu gewerblichen Zwecken von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher hergestellt worden sind, ist ebenfalls verboten.

Kremer-Schillings sprach dazu mit Samuel Guggisberg, dem Präsidenten der IG BauernUnternehmen, einem Zusammenschluss von Landwirten und Agrarunternehmern, die sich für eine rationale, produzierende Landwirtschaft einsetzen.

Laut Guggisberg verfügt die Schweiz momentan über einen Lebensmittel-Selbstversorgungsgrad von ca. 54 %. „Dieser wird sich bei Annahme der Initiativen massiv verschlechtern, weil die Durchschnittserträge sinken werden und es zum Teil auch zu Totalausfällen kommen kann. Wenn der Initiativtext streng umgesetzt wird, gehe ich davon aus, dass die Schweiz nicht genügend Nahrungsmittel in der geforderten Qualität finden kann, sei es im In- oder Ausland“, so der Landwirt.

Ebenfalls betroffen bei der Pestizidinitiative seien nachgelagerte Betriebe der 1. und 2. Verarbeitungsstufe. So würde die vielgepriesene Schweizer Schokoladenbranche nicht genügend Kakaobohnen auf dem Weltmarkt finden, die den Anforderungen genügen.

Das Pestizidverbot würde auch die Biozide beinhalten, erklärte Guggisberg weiter. Ohne Reinigungs- und Desinfektionsmittel sei nicht mehr an eine geeignete Tiergesundheit und Lebensmittelsicherheit zu denken. „Das fängt bei der Stallhygiene und der Reinigung der Rohrmelkanlage an und hört mit der Anlagenhygiene in der 2. Verarbeitungsstufe auf. Hier stehen ca. 160.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel“, mahnt der Präsident. Das alles führe zu massiv höheren Preisen für regional produzierte Lebensmittel. Er vermutet, dass die Initianten all diese Aspekte nicht bis zu Ende bedacht haben.

Rüben und Raps ohne Pflanzenschutzmittel?

Der Anbau von Zuckerrüben oder Raps ohne synthetische Pflanzenschutzmittel ist faktisch nicht möglich, wirft Bauer Willi in dem Gespräch ein. Auf die Frage, ob die in der Fruchtfolge fehlenden Kulturen in Sachen Biodiversität nicht kontraproduktiv sind, bestätigt Guggisberg, dass die Initiativen der Umwelt und der Biodiversität einen Bärendienst erweisen.

„Die Trinkwasserinitiative z.B. verbietet alle Pestizide, genau genommen also auch die biologischen Pflanzenschutzmittel. Wer also noch Direktzahlungen erhalten will, wird nur noch nach den Bio-Demeter Richtlinien produzieren können. Momentan erhalten Biobetriebe mehr Direktzahlungen als ÖLN-Betriebe. Der ökologischer Leistungsnachweis (ÖLN) ist schon heute Pflicht zum Erhalt von Direktzahlungen. Durch die geringeren Erträge entstehen für die Betriebe große Einkommensdefizite. Diese könnten über die BIO-Direktzahlungen kompensiert werden, was aber nahezu eine Verdoppelung des Agrarbudgets zur Folge hätte. Oder es müsste vollumfänglich von massiv höheren Preisen, als der Biolandbau heute schon hat, abgefangen werden. Beides erscheint mir momentan als sehr unwahrscheinlich“, schildert der Unternehmer.

Alle anderen Betriebe würden die Produktion intensivieren, und beispielsweise die ökologischen Ausgleichsflächen wieder in die Lebensmittelproduktion einbinden. Das wäre natürlich nur möglich, wenn die Pestizidinitiative abgelehnt würde und nur die Trinkwasserinitiative angenommen würde.

Umfragen zufolge wird es sehr knapp werden

Weiter fragte Kremer-Schillings, wie die kleinstrukturierte Schweiz Tiere nur mit dem betriebseigenen Futter ernähren will, wie sich dann die Lebensmittelpreise entwickeln und wie wahrscheinlich es ist, dass die Initiativen Erfolg haben. Das, und warum Guggisberg echte Sorgen vor einer Zustimmung hat, lesen Sie hier im vollständigen Interview.


Diskussionen zum Artikel

von Hans Spießl

Ja Herr Steffek

waren doch die Schweizer früher unsere Melker, und im Norden die Holländer man sprach vom Schweizer nicht vom Melker warum wohl sind da die Menschen aus der so guten Schweiz gekommen? weil zuhause ja alles Bio war....

von Andreas Gerner

@Nagl

Ich wette, dass in Folge die Schweizer nicht zu 100% Vegetarier oder gar Veganer werden.

von Andreas Gerner

@ Nagl

Kann man noch schlechter vergleichen? Sind 20 Katzen schwerer als ein Hund? Sind 5 Hunde nachts grauer als eine Katze? Am Ende kommen Sie noch mit der These, dass bei Konvi 40% weggeworfen werden und Bio null. Warum nicht gleich die wundersame Vermehrung? Das Brot und die Fische von ... mehr anzeigen

von Hans Spießl

Schweiz soll Bio wirtschaften

sollen sie machen um der Welt diesen Schwachsinn zu zeigen wie gerade finanziell schwache Menschen in den Hunger getrieben werden und aber nebenher dennoch mit den allgemein hohen Abgaben Das Fressen für Bessergestellte noch ... mehr anzeigen

von Gerhard Steffek

Umsiedlungsprogramme -

analog zu den "Schwabenkindern" wurden auch die Kinder in der Schweiz ins Flachland zu den dortigen Bauern geschickt damit diese durchkamen und zu Hause weniger Esser waren. Aber es war nicht nur vor 100 Jahren so der Fall, sondern die ganzen Jahrhunderte hindurch seitdem es die Schweiz ... mehr anzeigen

von Hans Nagl

@ Gerner

1ha Weizen ist bei Bio 4000 kg Nahrung. 1ha mit Rindern ist konventionell 350 kg Nahrung.

von Hans Spießl

falsch

i ha Weizen ist bei Bio so ca. 1,5 to Futtergetreide - das mehr ist nur auf das in den letzten 100 Jahren hineingewirtschaftete an Nährstoffen, Krumenvertiefung..... Bio - warte ab wenn die Böden leer werden.....

von Hans Nagl

Auch wenn wir es nicht wahr haben wollen

Die Frage ob Bio Landesweit oder Weltweit geht hängt doch in erster Linie mit unseren Fleischkonsum zusammen.

von Andreas Gerner

Wieso?

Sind doch 2 verschiedene Baustellen

von Gerhard Steffek

2es dürfen nur so viele Tiere gehalten werden,

wie mit auf dem Betrieb produzierten Futter ernährt werden können." Dann könnten sie ja gleichwohl fordern, daß nur soviel Menschen im Staat leben wie dieser von eigener Scholle ernähren kann. Wenn sich die Schweiz schon jetzt nur zu 50 % selber versorgen kann, dann kann man sich ... mehr anzeigen

von Karlheinz Gruber

Das gabs schon mal.

Die Auswanderungswelle aus Island nach Amerika. Nachdem dort eine Hungersnot aufkam. Nur jetzt fahren wir halt lieber die Nahrung quer durch die Welt. Ist auch besser, denn sonst würde das Transportwesen nichts verdienen und der Umweltschutz müsste zugeben, daß nicht die LDW die ... mehr anzeigen

von Jens Geveke

Ein schönes Beispiel, warum Volksabstimmungen nicht stattfinden sollten...

...den jeder Depp hat eine Stimme. Alle gleichwertig. 80% haben keine Ahnung von Landwirtschaft und wissen schon nach einem kurzen Stammtischgeplauder, wofür sie stimmen werden. Ohne die Folgen zu bedenken. Es hat schon seinen Grund warum viele Demokratien Volksvertreter in die ... mehr anzeigen

von Karlheinz Gruber

Die NGos

ernten was sie vor Jahren mit den Kampangnen gesät haben. Kommt bei uns auch noch. Fängt jetzt massiv in den Medien an und wird bald über Gesetze und Aufruhr bei uns auch kommen. Gute Nacht Ernährung...

von jörg Meyer

Einkaufstourismus verhindern

Ich hoffe aber dass gleichzeitig sichergestellt wird, dass Lebensmitteleinkäufe von Schweizern direkt hinter Grenze in anderen Staaten verhindert wird bzw, dass es dann zu fairen Zollzahlungen kommt wenn man einen Kofferraum voll Lebensmittel in die Schweiz einführt! Und würde ich mich ... mehr anzeigen

von Rudolf Rößle

Dann müssen

die Schweizer Bauern eben jedes Jahr ein Schließfach von der Bank geschenkt bekommen. Da wird keiner mehr Bauer sein wollen. Die deutschen Urlauber werden eine deftige Kurtaxe bezahlen müssen.

von Andreas Gerner

Abschreckung.

Wenngleich es mir für die Schweizer leid täte, hoffe ich, dass die es durchziehen und in der Folge alle anderen Länder nie wieder einen Gedanken an sowas verschwenden, weil alle von den extremen Folgen dieses Blödsinns in der Schweiz abgeschreckt sind. Ähnlich wie nach dem ... mehr anzeigen

von Stefan Lehr

Die Botschaft hoere ich wohl, allein der Glaube fehlt mir. Wenn die Abstimmungen in der Schweiz positiv ausfallen und diese Auflagen voll umgesetzt werden kommen unsere gutmenschen mit dem Argument daher, dass es ja dort auch geht. Also muss es auch bei uns umgesetzt werden. Ebenso, wie ... mehr anzeigen

von Hans Nagl

In der Schweiz möglich.

Die Schweiz hat im Gegensatz zu uns einen Zoll geschützten Markt dadurch ist sowas möglich.

von Andreas Gerner

Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll.

Immerhin wird von allen Produkten im Regal, also selbst produziertem UND Importen der gleiche Standard verlangt (da sollten sich deutsche Auflagenausdenker mal ein Beispiel nehmen). Na ob da die WTO nicht reingrätscht?

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