Tierärzte fordern Distanzierung von Agrarindustrie

Die Tierärzte in Deutschland stehen offenbar zunehmend vor der Gewissensentscheidung, wie sie sich im Spannungsfeld von Landwirtschaft und öffentlichem Druck positionieren sollen. Das wurde beim Ethik-Symposium des Leipziger Tierärztekongresses deutlich.

Die Tierärzte in Deutschland stehen offenbar zunehmend vor der Gewissensentscheidung, wie sie sich im Spannungsfeld von Landwirtschaft und öffentlichem Druck positionieren sollen. Das wurde beim Ethik-Symposium des Leipziger Tierärztekongresses deutlich.
 
Eine offenbar wachsende Zahl von Veterinärmedizinern fordert laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine öffentliche Distanzierung von der „agrarindustriellen Landwirtschaft“, die mit vielen ethischen Dilemmata im Berufsleben von Tierärzten in Zusammenhang steht. Jörg Luy, der frühere Leiter des Instituts für Tierschutz der FH Berlin, stellte etwa die Frage, ob es sich rechtfertigen ließe, Nutz- und Heimtiere mit zweierlei Maß zu messen. Luy empfahl dem Berufsstand, diese Frage bald zu klären. Die Bevölkerung signalisiere bereits, die Tierärzte in Mithaftung für unerwünschte Entwicklungen in der Landwirtschaft zu nehmen.

Ist die Distanzierung vom Bruderberufsstand unausweichlich?

Zur zentralen Frage wurde während der Leipziger Auftaktveranstaltung schließlich, ob man sich vom „Bruderberufsstand“, der Landwirtschaft, distanzieren oder sie stützen solle. Eine Teilnehmerin sagte etwa, man müsse jetzt klarstellen, dass die Tierärzte eine andere Linie vertreten. Und der katholische Theologe und Philosoph Peter Kunzmann kritisierte, dass viele Tierärzte Verantwortung für Dinge übernehmen würden, die sie gar nicht verändern könnten. „Die Tierärzte übernehmen sich, wenn sie der Motor sein wollen für die Veränderungen sämtlicher Missstände.“
 
Die anwesenden Tierärzte stellten laut FAZ unmissverständlich klar, dass sie sich selbst schon jetzt als hochverstrickt ansehen. „Wir sind Komplizen einer Gruppe, die Antibiotika verabreicht und Massentierhaltung betreibt“, sagte Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung. „Aber immerhin sind wir das einzige Betriebsmittel, das sich artikulieren kann.“ Der Tierarzt sei immer noch glaubwürdiger als der Tierhalter selbst. „Wir haben da eine Rolle, aus der wir nicht rauskommen.“
 
Offenbar können sich die Tierärzte in ihrer eigenen Sicht auf die Nutztierhaltung nicht darauf zurückziehen, nur eine Nebenrolle zu spielen, so der Eindruck der FAZ. Vielmehr scheint es sich um eine Schlüsselrolle zu handeln, was ein neues Licht auf die ethische Verantwortung wirft. Zu den ethischen Konflikten, denen sich Tierärzte stellen müssen, wird zuallererst gehören, inwieweit man die Pflicht hat, die Öffentlichkeit zu informieren, heißt es in dem Artikel.

Splittergruppe kündigt Widerstand an

Gravierende Zweifel kommen dabei laut der Zeitung aus dem Berufsstand selbst. So sei 2012 ein Oppositionsforum entstanden, dass sich klar zur Verantwortung von Veterinärmedizinern bekennt und öffentliche Distanz zur konventionellen Landwirtschaft fordert: „Tierärztliche Universitäten und Standes- und Verbandspolitik dürfen nicht länger zur weiteren Stabilisierung und Forcierung des agrarindustriellen Systems beitragen“, heißt es im Positionspapier des „Tierärztlichen Forums für verantwortbare Landwirtschaft“, das von mehr als 100 Veterinären unterzeichnet wurde.

„Im Sinne des Tierschutzes und der Lebensmittelqualität sind wir Tierärzte verpflichtet, die Ambivalenz öffentlich zu machen und das Agrarsystem mit seinen weiter zunehmenden Bestandsgrößen, Bestandsdichten, hohem Infektionsdruck und Medikamenteneinsatz sowie das Ausmaß des Fleischkonsums auf allen Ebenen zu kritisieren, um damit glaubwürdig zu einem Systemwechsel beitragen zu können.“
 
Die Bundestierärztekammer sieht das allerdings anders und setzt stattdessen auf einen Ethik-Kodex, der 2015 verabschiedet werden soll. Auf ihn könnten sich die Tierärzte dann berufen, wenn sie schwierige Entscheidungen treffen müssen, hieß es in Leipzig.

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