Umfrage: Deutsche wollen strengere Regeln für die Landwirtschaft

Eine große Mehrheit der Deutschen wünscht sich strengere Regeln und Gesetze für die Landwirtschaft. Landwirte sollen mehr Rücksicht auf Natur und Tierwohl nehmen. Den Einsatz von Genpflanzen lehnen die Deutschen klar ab.

Naturbewusstsein 2015 Bevölkerungsumfrage zu Natur und biologischer Vielfalt (Bildquelle: BMUB)

Eine große Mehrheit der Deutschen wünscht sich strengere Regeln und Gesetze für die Landwirtschaft. Landwirte sollen mehr Rücksicht auf Natur und Tierwohl nehmen. Den Einsatz von Genpflanzen lehnen die Deutschen klar ab. Das sind einige Ergebnisse der neuen Naturbewusstseinsstudie, die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks und BfN-Präsidentin Beate Jessel am Mittwoch in Berlin vorgestellt haben.

Hendricks: „Die Bürger senden uns starke Signale im Bereich der Agrarpolitik. Die Deutschen wünschen sich eine Landwirtschaft, die naturverträglich ist und das Wohl der Tiere respektiert. Es gibt eine große gesellschaftliche Mehrheit für eine Agrarwende. Das bestärkt mich in meiner Forderung, das System der Agrarsubventionen vom Kopf auf die Füße zu stellen. Zahlungen an Landwirte soll es zukünftig nur bei einem gesellschaftlichen Mehrwert geben und nur bei konkreten Leistungen für die Natur. Was die Bevölkerung zu Recht nicht akzeptiert, sind gentechnisch veränderte Pflanzen.“

BfN-Präsidentin Beate Jessel: „Die Naturbewusstseinsstudie zeigt eines ganz deutlich: Die Natur spielt für die Bevölkerung eine sehr wichtige Rolle und hat für die Menschen eine hohe persönliche Bedeutung. Bemerkenswert sind jedoch die Unterschiede zwischen den Generationen und zwischen der Stadt- und Landbevölkerung. So sehen junge Menschen seltener Handlungsbedarf als ältere. Großstädter messen der Natur eine geringere Wertschätzung bei als Menschen, die in kleineren Orten leben. Diese Erkenntnisse bestärken uns in unserem Ziel, uns für eine positive Mensch-Natur-Beziehung einzusetzen, insbesondere bei der jungen Bevölkerung und den Menschen in der Stadt.“

Die aktuelle Naturbewusstseinsstudie hat zum ersten Mal detailliert die Einstellung der Deutschen zum Themenbereich Naturschutz und Landwirtschaft abgefragt. Demnach befürworten 83 Prozent der Befragten strengere Regeln und Gesetze zum Schutz der Natur in der Landwirtschaft (45 Prozent „voll und ganz“/38 Prozent „eher“). 92 Prozent wünschen sich, dass Landwirtinnen und Landwirte die Auswirkungen ihres Tuns auf die Natur beachten. 93 Prozent fordern die Beachtung des Tierwohls bei der Lebensmittelproduktion. 76 Prozent halten es für wichtig, dass der Einsatz von Genpflanzen in der Landwirtschaft verboten wird.

Die Naturbewusstseinsstudie enthält zudem erstmals repräsentative Daten zum Thema „Stadtnatur“. 94 Prozent der Befragten sind der Meinung, Natur solle möglichst in allen Teilen der Stadt zugänglich sein. Die Daten zeigen, dass gerade einkommensschwache und ältere Menschen die Stadtnatur besonders häufig nutzen.

Schmidt stellt klar: Nahrungsmittelproduktion bleibt Kernaufgabe!

„Kernaufgabe der Landwirtschaft ist und bleibt die Ernährungssicherung einer wachsenden Weltbevölkerung. Wer glaubt, der Kampf gegen den Hunger auf der Welt ließe sich ganz ohne konventionelle Landwirtschaft gewinnen, verzerrt die Realität. Die Landwirtschaft sichert unsere Lebensgrundlage." Das stellte Bundesagrarminister Christian Schmidt nach Veröffentlichung der Umfrage klar.  Besonders mittlere und kleinere Betriebe seien daneben für den Erhalt der Kulturlandschaft unverzichtbar. Dafür müssten sie auch ökonomisch ertragsfähig bleiben.

Im Zusammenhang mit den Klimaschutzzielen der Bundesregierung habe Bundeswirtschaftsminister Gabriel kürzlich vor einer Überforderung der Industrie gewarnt, „dass das kein Plan wird, der einen Beitrag zur De-Industrialisierung in Deutschland leistet“. Was der Wirtschaftsminister mit Blick auf die Industrie fordert, muss laut Schmidt auch für die Landwirtschaft und die Ernährungsindustrie gelten.

"Angesichts der sehr schwierigen Marktlage für viele landwirtschaftliche Produkte dürfen wir die Landwirtschaft nicht mit immer neuen Forderungen und Belastungen überfordern. Wir brauchen eine behutsame Weiterentwicklung im Sinne der Nachhaltigkeit und des Arten- und Ressourcenschutzes – mit unseren Landwirten und nicht gegen sie", sagte er.

Bei allen Bemühungen für den Klima- und Artenschutz dürfe die bäuerliche Landwirtschaft als wichtiger Arbeitgeber und Rückgrat vieler Ländlicher Räume nicht auf der Strecke bleiben. Die Landwirtschaft gehöre in die Mitte der Gesellschaft. "Gerade die Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaschutzdokument geben uns den Weg vor: Die Landwirtschaft ist nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.“

Bauernverband sieht Schwächen der Studie

„Wenn nach der Umfrage des Bundesumweltministeriums mehr als 83 % der Bürger mehr Naturschutz und Tierwohl in der Landwirtschaft wollen, dann kann ich nur ergänzen, dass wir Bauern uns Tag für Tag für den Schutz der Nutztiere und die Schonung der Umwelt einsetzen und gleichzeitig die Versorgung der Bürger mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln sichern.“ Mit dieser Wertung reagierte Eberhard Hartelt auf die Meinungsumfrage.
 
Aus Sicht des DBV-Umweltbeauftragten und Präsidenten des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd verdeutlicht die Studie das Dilemma zwischen Wünschen und tatsächlichem Tun. So unterstützten 60 % der Befragten die Aussage, dass es die Pflicht der Menschen ist, die Natur zu schützen, gleichzeitig fühlen sich aber nur 24 % persönlich verantwortlich, die Natur zu erhalten. „Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass eine Mehrheit der Befragten strengere Regeln und Gesetze für die Landwirtschaft im Naturschutz und beim Tierwohl für sinnvoll erachtet“, betonte Hartelt.

In der Umfrage sei leider nicht abgefragt worden, wie viel jeder Verbraucher an der Ladentheke bereit sei zu zahlen, wenn die Bauern ihre kostenaufwändigen Leistungen im Naturschutz und beim Tierwohl erhöhen würden. Denn der Verbraucher entscheide jeden Tag beim Einkauf seiner Lebensmittel über die Art der Produktion.
 
Als unverantwortlich bezeichnete Hartelt die Forderung von Bundesumweltministerin Hendricks, Direktzahlungen nur noch für Naturschutzleistungen zu verwenden. Die Ministerin verkenne, dass bereits heute Direktzahlungen für Greening-Maßnahmen und als Ausgleich für Agrarumweltmaßnahmen eingesetzt werden, die die Landwirte auf jedem 3. Hektar durchführen.

Das Umweltministerium nehme das wirtschaftliche Aus für einen großen Teil gerade kleinerer und mittlerer Betriebe in Kauf. Da nach geltendem Recht mit Naturschutzmaßnahmen kein Geld verdient und nur höhere Kosten und geringere Erträge ausgeglichen werden dürfen, gefährdet Bundesministerin Hendricks mit ihrer Forderung die Existenz vieler Betriebe, betonte Hartelt.

Steilvorlage für die Grünen

Dass sich 93 % der Befragten mehr Tierwohl wünschen, ist nach Ansicht von Grünen-Agrarsprecher Friedrich Ostendorff eine klare handlungsanweisung an Minister Schmidt. Statt reflexartig Argumente gegen die Studie zu suchen, sollten er und der Bauernverband die Kräfte bündeln und eine Strategie zum Wohle der Nutztiere entwickeln. Die bevölkerung habe die wiederkehrenden Berichte von Tierqual in Mastställen und vom Kükenschreddern satt, so Ostendorff. "Doch bislang hat sich der Bauernverband gut in der Rolle gefallen, einen keil zwischen landwirtschaft und Verbraucher zu treiben. Wir brauchen eine Strategie für eine faire Tierhaltung, die die Tiere achtet, den Tierhaltern gerechte Einkommen verschafft und hochwertige Produkte erzeugt, die ihren Preis wert sind. Die Billigfleisch-Fabrik Deutschland ist ein Auslaufmodell", so Ostendorff.

Auch die Biobranche begrüßt das neue Papier von Hendricks und Jessel. "Bio zeigt, wie eine Landwirtschaft funktioniert, die die Menschen wollen", sagte BÖLW-Geschäftsführer Peter Röhrig. Das starke Wachstum des Bio-Marktes in den vergangenen Jahren beweise, dass die Menschen zugreifen, wenn Bio im Verkaufsregal liegt. Damit setzten die Menschen ein wichtiges Signal für den notwendigen Umbau der Landwirtschaft und würden konventionellen Betrieben eine Chance zur Umstellung auf Ökolandbau geben. Die Politik müsse nun diese Impulse aufgreifen, so der Bio-Dachverband.

Ein Informationspapier mit wesentlichen Aussagen der Naturbewusstseinsstudie finden Sie hier: www.bmub.bund.de/N53019

Die komplette Studie zum Download finden Sie hier:
www.bmub.bund.de/N53020

Informationen zur Naturschutz-Offensive des BMUB finden Sie hier: http://www.bmub.bund.de/naturschutz-offensive_2020/

Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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