Verbraucher reagieren mit Unverständnis auf Bauernproteste

Die Sorgen der Bauern um ihre Existenz, die sich aus den derzeit ruinösen Preisen vor allem für Milch ergeben, sind noch längst nicht bei allen Verbrauchern angekommen. Das zeigt ein Blick in die sehr harschen und kritischen Leserkommentare auf tagesschau.

Die Sorgen der Bauern um ihre Existenz, die sich aus den derzeit ruinösen Preisen vor allem für Milch ergeben, sind noch längst nicht bei allen Verbrauchern angekommen. Das zeigt ein Blick in die sehr harschen und kritischen Leserkommentare auf tagesschau.de:
 
So werfen mehrere Zuschauer den Bauern vor, keine Ahnung von Betriebswirtschaft zu haben: "Und wenn die Landwirte pleite gehen, haben Sie und ich nichts mehr zu nagen? So ein Quatsch. Eine dreiköpfige Familie hat auch keine neun Toiletten. Eine reicht. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. BWL, Erstes Semester“, schreibt ein Leser.
 
Und ein anderer erklärt: „Wenn unsere Firma ihre Dienstleistung zu teuer anbietet, dann kauft niemand bei uns und wir gehen pleite. Wenn ein Automobilkonzern mehr Autos baut als verkauft werden können, dann bleiben die Autos stehen und der Konzern muss sich gesundschrumpfen oder er geht pleite. Wenn mehr Milch produziert wird als verkauft werden kann, dann fällt der Milchpreis und die Bauern, die zu dem Preis nicht kostendeckend produzieren können, gehen pleite.

Vielleicht sollte einfach nur jemand, der ein Semester BWL studiert hat, den Landwirten erklären, wie Marktwirtschaft funktioniert. In der EU fließen jährlich nahezu 100 Milliarden Euro in die Subventionierung von ca. 8 Mio. landwirtschaftlichen Betrieben, ca. 60 % aus dem EU-Haushalt, der Rest aus Subventionen der einzelnen Staaten an ihre Landwirte. (Quelle: Die Zeit, "Teurer Fraß") Wieviel wollen die Bauern eigentlich noch vom Steuerzahler? Warum regt sich niemand über diese Geldverschwendung so sehr auf, wie man sich über ein paar Milliarden aufregt, die uns die Flüchtlinge kosten?“
 
Ein anderer hat einen Ratschlag: „Liebe Bauern... so so, die Produktion liegt also über der Nachfrage. Und diese fehlende Nachfrage soll der Staat auffangen. Wie wäre es, wenn sich einige von Euch einen neuen Job suchen? Ein Bekannter von mir hat in den 80ern vegetarische Würstchen im Fussballstadion angeboten. Dessen "fehlende Nachfrage" hat den Staat auch nicht interessiert, der musste auch was anderes versuchen. Das ist ja der Witz an unserem Wirtschaftssystem.“
 
Ein Bürger bei tagesschau.de fragt, warum es überhaupt zur Überproduktion von Milch kommt, sodass die Bauern die zuvor gezahlte Strafe (Superabgabe) nun als Hilfspaket zurückbekommen müssen.
 
Ganz einfach macht es sich Nutzer „Dummkopf“: „Marktbereinigung lautet das Zauberwort. Was in der Industrie seit Jahrzehnten normal ist, wäre auch in der Landwirtschaft fällig.“
 
Der Schreiber unter dem Nickname „Erich Kästner“ fragt, ob er auch Geld geschenkt bekommen kann: „Bauern gehen einem Beruf nach wie jeder andere Mensch. Und wie in jedem anderen Beruf kann man auch pleitegehen, wenn man nicht auf den Markt hört! Wo ein Überangebot ist, da muss man nicht noch mehr Ware produzieren! Warum bekommen die Bauern 500 Mio. € geschenkt? Das ist m.E. überhaupt nicht zu rechtfertigen! Bekommen Handwerker oder Kellner etwa solche Summen von der EU, wenn sie niedrige Löhne haben? Nein. Warum diese Extrawurst für die Bauern? Das ist nichts als Subventionierung. Und wieso soll man etwas subventionieren, was im Überangebot vorhanden ist? Das liefert völlig falsche Anreize.
 
Auch die Art des Protests ruft bei den Bürgern Unverständnis hervor: „Wenn wütende Bauern Barrikaden errichten und Feuer legen, werden sie mit 500 Mio. € belohnt. Wenn Occupy oder G7- bzw. Globalisierungsgegener so etwas machen, rückt die geballte Staatsmacht an. Aber lassen wir das, wir begeben und sonst noch auf das weite Feld der europäischen Doppelmoral.“
 
Und Zuschauer „Atlantik“ ergänzt: „Kriminelle begehen Landfriedensbruch und werden dafür auch noch belohnt. Der größte Einzelposten der EU sind die Agrarsubventionen. Es wird allerhöchste Zeit, dass dies endlich radikal zusammengestrichen wird und die Bauern kapieren, dass es so etwas wie einen Markt gibt. Keine Agrar-Subventionen mehr!“
 
Von „Agrar-Anarchie“ spricht Leser „Null komma Einstein“: „Die Lesart lässt vermuten, dass Bauern bei ihrem Protest geltendes Recht übertreten haben. Warum gibt es da statt Verfolgung mit allen rechtlich gebotenen Maßnahmen so etwas wie Toleranz und 500 Millonen als "Gesetztesbrecher-Prämie" oben drauf? Wie sauer muss man sein, um geltendens Recht umgehen zu dürfen? Was muss ich im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten tun, um auch selbst meinen Unmut mit der aktuellen Politik als "Schmerzensgeld" erstattet beziehungsweise vergoldet zu bekommen?“
 
Realist 999 schreibt: „Selbstständige Unternehmer, die Fehlinvestitionen getätigt haben und dann in Brüssel ein paar Eier werfen, werden mit 500 Mio € gefüttert. Geld scheint in der EU ja überhaupt keine Rolle mehr zu spielen, man druckt es einfach und zerstört weiter massiv Milliarden von Spar- und Rentenguthaben. Es wird Zeit, dass deutsche Sparer und Rentner nach Brüssel ziehen. Ob die dann nur mit Eiern werfen, ist zweifelhaft.“
 
 

Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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