Aldis Haltungswechsel: Fluch oder Segen?

Der Umbau der deutschen Tierhaltung nimmt durch neue Standards im LEH Fahrt auf. Prof. Spiller sieht darin eher Vorteile, aber auch Risiken, wenn es so läuft wie in der Käfigei-Diskussion 2004.

Was halten Sie als Mitglied der Borchert-Kommission von dem angekündigten „Haltungswechsel“ des Discounters Aldi?

Spiller: Es überrascht mich, welche Dynamik das Thema Tierschutz bekommt. Es ist aber gut, dass die Händler die Initiative ergreifen. Sie tun es allerdings nicht ganz freiwillig, sondern weil die Kunden erwarten, dass der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) Verantwortung übernimmt. Lebensmittel stehen im Vordergrund der Nachhaltigkeitsdebatte, weil wir sie täglich konsumieren und sie besonders präsent sind. Klar ist aber auch, ohne die Vorarbeiten der Borchert-Kommission wäre die Selbstverpflichtung von Aldi wohl kaum erfolgt.

Aldi plant den Umstieg auf Haltungsform 3 schon bis 2030, Sie hatten in der Borchert-Runde einen Zeithorizont bis 2040 vorgesehen. Also sind Ihre Vorschläge doch überholt, oder?

Spiller: Da müssen Sie differenzieren! In der Borchert-Kommission sprechen wir über den Umstieg der gesamten deutschen Tierhaltung. Bei Aldi und auch Rewe reden wir über etwas weniger als die Hälfte des Frischfleischmarktes, was in etwa 15% des gesamten Fleischmarktes ausmacht. Eine solche Teilumstellung kann natürlich schneller gehen. Ein kompletter Umbau auf Außenklimaställe und Auslauf ist in acht Jahren, nicht nur genehmigungsrechtlich, kaum flächendeckend hinzubekommen. Da ist 2040 realistischer.

Aldi plant also nur eine Teilumstellung des Marktes. Wird die Diskussion überbewertet und ist das Ganze vor allem eine Imagekampagne?

Spiller: Nein, das ist deutlich mehr. Aldi, Rewe und Lidl haben ja Zwischenziele gesetzt und ihre Strategien sind die Reaktion auf das veränderte Mensch-Tier-Verhältnis in der Gesellschaft. Das ist ein Megatrend. Unsere aktuelle Jugendstudie zeigt, wie kritisch gerade junge Menschen heute auf die Tierhaltung schauen.

Man hat den Eindruck,...