Größere Mengen, kleinere Preise?

Die Getreidenotierungen haben während der letzten Wochen zeitweilig nachgegeben, denn die neue Ernte rückt näher. Optimisten hoffen aber, dass es nach dem Drusch schnell wieder aufwärts geht.

Viele Landwirte haben zeitig im Frühjahr Vorkontrakte für die Getreideernte 2021 abgeschlossen. Und damit lagen sie aus heutiger Sicht absolut richtig. Die Preise hatten nach dem Jahreswechsel kräftig angezogen und auf der Erzeugerstufe im Tagesgeschäft ihren Zenit etwa Anfang März erreicht. Das färbte auf die Offerten für die Ernte 2021 ab. Für „neuen“ Weizen wurden an den nachfragestarken Zuschussstandorten zeitweilig 200 bis 220 €/t geboten, und „neue“ Gerste konnte z.B. in Exporthafennähe oder im Einzugsgebiet der Mischfutterfirmen für 180 bis knapp unter 200 €/t vorverkauft werden.

Mittlerweile bewegen sich die Preisvorstellungen der Ersterfasser für neuerntiger Ware netto, frei Lager etwa 20 bis 25 €/t unter dem oben genannten Niveau. Viele Abnehmer spekulieren auf eine pünktliche und vor allem gute Ernte 2021. Deshalb stehen sie bei den Einkaufspreisen auf der sinnbildlichen Bremse. Einige von ihnen übertreiben es dabei aber mal wieder maßlos und düpieren ihre landwirtschaftlichen Geschäftspartner mit regelrechten Abwehrgeboten. Vor allem beim Roggen schießen einige Händler im negativen Sinne sehr weit übers Ziel hinaus. Das könnte sie teuer zu stehen kommen.

Verbrauch legt kräftig zu

„Ich glaube nicht, dass der Getreidemarkt in der kommenden Saison überreichlich versorgt sein wird“, sagt ein nordwestdeutscher Marktanalyst. Etliche seiner Kollegen teilen diese Einschätzung – auch das amerikanische Agrarministerium (USDA) und der Internationalen Getreiderat (IGC). Beide erstellen Monat für Monat u.a. Berichte über die Lage an den weltweiten Getreidemärkten. Dabei weichen einzelne Statistiken und Vorhersagen hin und wieder durchaus voneinander ab. Aber die Kernbotschaften ähneln sich meistens. Das gilt auch für die jüngsten Berichte. Nach denen dürfte 2021/22 ein zunehmendes Angebot bei den meisten Getreidearten auf eine sogar noch stärker steigende Nachfrage treffen.

In seiner Prognose von Ende Mai 2021 bezifferte der IGC die globale Getreideerzeugung in der Saison 2021/22 auf insgesamt 2,292 Mrd. t. Das wäre ein neuer Rekord. Das gilt aber mit ca. 2,297 Mrd. t auch für den Verbrauch, den der IGC gegenüber seiner April-prognose um 11 Mio. t nach oben korrigiert hat. Die globalen Vorräte sinken gegenüber dem Vorjahr bis Mitte 2022 um 5 Mio. t auf 595 Mio. t.

Diese Menge entspricht knapp über einem Viertel des Jahresverbrauchs. Und bei einem Stock-to-use-ratio (Verhältnis von Vorräten zum Verbrauch) von mindestens 23 bis 25% sprechen die FAO und andere Organisationen, die die Welternährung im Blick haben, meistens von einer sicheren Versorgung. Das tun sie auch im Hinblick auf die neue Saison. Kritiker halten solche Einschätzungen allerdings aus folgenden zwei Gründen für voreilig:

  • Die Ertragsprognosen der meisten Analysten sind bislang relativ optimistisch. Bis zum Abschluss der weltweiten Ernte vergehen aber noch viele Monate, in denen widriges Wetter die Ertragshoffnungen zunichte machen kann oder die Qualitäten beeinträchtigt.9

  • Nur ein relativ überschaubarer Teil der o.g. Vorräte sind für den Weltmarkt greifbar. Weit über die Hälfte der Menge entfällt auch...