Billig billig ist vorbei

Agrarökonom Hess sieht Abschied von „dem Weltmarkt“

Weltmarkt war gestern. Prof. Hess bemerkt, dasss heute eine Segmentierung der Exporte und Differenzierung der globalen Absatzmärkte in den Vordergrund rücken.

Nach Einschätzung des Agrarökonomen Prof. Sebastian Hess von der Universität Hohenheim zeichnet sich in Deutschland beziehungsweise der Europäischen Union ein Abschied von „dem Weltmarkt“ mit dem niedrigsten Preis und den niedrigsten Kosten als Vergleichsparameter ab.

In Zukunft müsse deshalb über eine zunehmende Segmentierung der Exporte nachgedacht und über eine Differenzierung des Weltmarktes gesprochen werden, erklärte der Hochschullehrer letzte Woche auf dem Landwirtschaftlichen Hochschultag der Universität Hohenheim.

Dabei müsse im Fokus stehen, in welcher Art von Freihandelszonen welches Produkt geliefert werden solle und wo dieses wettbewerbsfähig sei. Daneben könnten Global-Player-Firmen Einfluss auf ihre Lieferketten nehmen und freiwillige Standards einführen. Sie hätten es letztlich in der Hand und entschieden darüber, ob ein Produkt gelistet werde oder nicht.

Hess vertrat die Auffassung, dass in den vergangenen 15 Jahren ein wenig der Blick dafür verlorengegangen sei, was die Kernkompetenzen am Produktionsstandort Deutschland und Europa seien. Das sei nicht allein die Kostenführerschaft.

Die Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) habe der Politik „sehr richtig“ ins Hausaufgabenheft geschrieben, dass faire Wettbewerbsverhältnisse bei steigenden Nachhaltigkeitsstandards eine zentrale Herausforderung einer exportorientierten Volkswirtschaft sein müssten.

Die EU habe es hier als sehr großer Handelsblock mit vielen abgeschlossenen Freihandelsabkommen „sehr wohl in der Hand“, handelspolitische Rahmenbedingungen für die Zukunft zu entwickeln, die dem Anspruch einer nachhaltigeren, zukunftsweisenden Agrarproduktion Rechnung trügen.

Pioniergewinne möglich

Eine große Chance besteht nach Ansicht von Hess für eine breite Zahl an Landwirte, sich schrittweise aus den bestehenden Produktionsweisen heraus zu entwickeln und gemeinsam mit den Abnehmerfirmen beziehungsweise Genossenschaften „Pioniergewinne“ zu generieren, indem sie neue Erzeugnisse vermarkten beziehungsweise neue Produktlinien aufbauen und neue Qualitätsattribute zertifizieren.

Die Nachteile seien zwar ein höherer Aufwand und höhere Risiken, jedoch könne man über einen gewissen Zeitraum von höheren Preisen und damit „Pioniergewinnen“ profitieren. Das hätte auch den Vorteil, dass Marktsegmente besetzt werden könnten, in denen man unverwechselbar und einzigartig sei. Irgendwann seien das dann auch für den Export Argumente. Generell ordnet der Agrarökonom die Perspektiven für die Landwirte irgendwo zwischen regionalen Märkten mit begrenzten Mengen und internationalen Märkten mit begrenzten Margen ein.

„Reinen Tisch“ machen

Aus Sicht von Hess ist der Zeitpunkt gerade günstig, dass die Landwirtschaft Politik und Gesellschaft beim Wort nehmen und sagen sollte, „dann lasst uns Nägel mit Köpfen machen“. Die Landwirte sollten laut dem Agrarökonomen aus ihrer Defensivhaltung der letzten Jahre, als sie sich immer mehr an die Wand drängen ließen, herauskommen und „reinen Tisch“ machen.

Zur Umsetzung der Forderungen der Gesellschaft, wie sie in den politischen Leitlinien dargelegt würden, benötigten die Landwirte allerdings einen planbaren Zeithorizont, ein nachhaltiges Markt-, Investitions- und Innovationsumfeld, so dass sich der Berufsstand „unter glaubwürdigen und gesellschaftlich akzeptierten Auflagen sowohl für heimische als auch gehandelte Produkte langfristig auf diesen Prozess einstellen“ könne, räumte Hess ein.


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