Ukraine-Krieg

Getreidehändler warnen vor Engpässen bei Welt-Getreideversorgung

Zwar produzieren Russland und die Ukraine gemeinsam nur ca. 8 % der Weltgetreidemenge, sie sind aber für durchschnittlich 23 % des Weltexportvolumens verantwortlich. Das werden viele Länder spüren.

Der Verein der Getreidehändler der Hamburger Börse (VdG) und der Bundesverband Agrarhandel (BVA) warnen vor einer humanitären Katastrophe durch den Ukrainekrieg. Es bleibe kaum noch Zeit, denn die Nahrungsmittelversorgung der ukrainischen Zivilbevölkerung und Streitkräfte befinde sich in einer dramatischen Lage. Selbst in der Hauptstadt Kiew seien nur noch Grundversorgungsmittel für wenige Tage vorhanden.

Auch die weltweite Versorgungslage mit Getreide als wichtigstem Grundnahrungsmittel hat sich laut den Verbänden durch diese geopolitische Eskalation weiter verschärft. Denn die Ukraine, Russland und Kasachstan sind zu Schwergewichten an den Weltmärkten geworden. Zwar produzieren sie gemeinsam nur ca. 8 % der Weltgetreidemenge, sind aber für durchschnittlich 23 % des Weltexportvolumens verantwortlich.

Getreide wird auf Weltmarkt fehlen

Die Ukraine allein soll in diesem Jahr mehr als 60 Mio. t Getreide ausführen. Pro Monat exportiert das Land damit mehr als Deutschland im ganzen Jahr. „Landwirte in der Ukraine sehen momentan nachvollziehbar die Versorgung der eigenen Bevölkerung als absolute Priorität und denken nicht mehr an Vermarktung. Diese Mengen fehlen am Weltmarkt, was sich unmittelbar auf die Getreidepreise auswirkt“, so Thorsten Tiedemann, Vorsitzender des VdG in Hamburg, am Donnerstag.

Der Weizenpreis an der Matif war in der ersten Märzwoche binnen Monatsfrist um ca. 100 €/t auf 360 € angestiegen. Mais stieg im gleichen Zeitraum um 128 € auf jetzt 377 €. „Weitere Preiserhöhungen an der Supermarktkasse sind unausweichlich. In Deutschland ist es allerdings nur eine Preisfrage und keine existentielle. In Schwellenländern sieht die Sache ganz anders aus. Viele dieser Länder sind mit ihrem Import-Budget am Ende und es ist Zeit für die Bundesregierung, Programme für umfangreiche Nahrungsmittelhilfen vorzubereiten“, so Tiedemann weiter.

Verschärfung auf dem Düngemittelmarkt

Die Situation am Düngemittelmarkt stellt sich sehr ähnlich dar. Die Produktion stickstoffhaltiger Düngemittel hängt produktionsbedingt zu großen Teilen an der Verfügbarkeit und dem Preis von russischem Gas. Hinzu kommt, dass die Beschaffung von Düngemitteln durch erhebliche Unsicherheiten äußerst angespannt ist. Dementsprechend sind die Preise für diese Produkte ebenso explodiert, wie auf dem Getreide- und Ölsaatenmarkt.

„Die Landwirtschaft ist im laufenden Jahr schlechter mit stickstoffhaltigen Düngemitteln versorgt als je zuvor. Dieser Versorgungsrückstand wird sich im Laufe der Frühjahrssaison nicht mehr aufholen lassen mit absehbaren negativen Auswirkungen bei Ertrag und Qualität für die kommende Ernte.“, gibt Rainer Schuler, Präsident des BVA, zu bedenken.

Dabei zieht die Knappheit an Stickstoffdüngern weitere Kreise über die Ukraine hinaus. Selbst aus Bulgarien wird berichtet, dass die Landwirte im Herbst aufgrund hoher Preise nichts bezogen hätten und es jetzt zunehmend schwerer wird, noch an Ware heranzukommen.

Angesichts dieser Situation müssten Maßnahmen einer sicheren Energieversorgung sowie einer ausreichenden Versorgung der Bevölkerung in der EU mit Lebensmitteln neu diskutiert werden, so die Verbände. „Es scheint grotesk, angesichts dieser weltpolitischen Lage auf Produktivität in der Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln per Verordnung oder Gesetz zu verzichten“ meint Schuler mit Blick auf geplante Vorhaben wie die Farm-to-Fork-Strategie. Denn die Studie „Ökonomische und Ökologische Auswirkungen des Green Deals in der Agrarwirtschaft“ der Universität Kiel zeige ein Szenario, bei der die EU bei Umsetzung aller geplanten Maßnahmen des Green Deal 60 Mio. t Produktion verlieren und vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur werden würde. Der Agrarhandel stehe ohne jeden Zweifel hinter den Zielen des Green Deal, empfinde diese aber als unvollständig. Die sichere Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln muss als mindestens gleichwertiges Ziel aufgenommen werden.

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ZMP: Die Getreide/Rapsversorgung bleibt längere Zeit knapp

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Krieg in der Ukraine: Folgen für Getreide- und Ölsaaten (Bildquelle: ZMP)

Die kriegsbedingt versperrten Lieferwege aus dem Schwarzen Meer verringern die weltweite Verfügbarkeit von Getreide, schrieb am Sonntag auch die ZMP. Russland als weltgrößter Weizenexporteur habe aber bereits den größeren Teil seiner Ausfuhren im laufenden Wirtschaftsjahr hinter sich. Die Ukraine exportiere überwiegend Mais, der sich jedoch zum großen Teil (ca. 12 Mio. t) noch im Lager befindet und mittlerweile zur eigenen Versorgung notwendig wird.

Aber die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine sind von weitreichender Wirkung als nur für die nächsten Wochen und restlichen Monate des laufenden Wirtschaftsjahres, so die ZMP weiter. Folgende Faktoren seien auf längere Sicht zu berücksichtigen:

  • Die globalen Getreidevorräte werden zum Wirtschaftsjahreswechsel deutlich kleiner ausfallen und einen geringeren Beitrag zur Versorgungssicherung im Jahr 2022/23 leisten.

  • Die Vorbereitungen für die Maisaussaat in der Ukraine kommen nicht in Gang. Düngung und Pflanzenschutzmaßnahmen könnten teils unterbleiben bzw. erheblich verringert werden. Die Arbeitskräfte in der Landwirtschaft werden für die Verteidigung abgezogen, ebenso Diesel.

  • Die südwestlichen Hauptanbaugebiete Russlands laufen ebenfalls Gefahr, die Intensität des Getreidebaus aus Gründen hoher Düngerkosten und der Ungewißheit des Absatzes durch das Schwarze Meer zu verringern. Schon jetzt sind die russischen Getreidepreise gesunken.

  • Der Krieg in der Ukraine verschärft die durch knappe und teure Düngemittel auf der ganzen Welt zu erwartenden Ertrags- bzw. Ernteeinbußen.

  • Energie- und Transportkosten bleiben auf hohem Niveau und engen den Handelsspielraum weltweit ein.

Russland exportiert rd. 40 Mio. t Weizen und 9 Mio. t sonstiges Getreide/Jahr. Der Anteil am Welt-getreidehandel liegt bei 11 %. Im Falle des Weizenhandels beträgt der russische Anteil rd. 20 %.

Die Ukraine exportiert 20 Mio. t Weizen und 35 Mio. t sonstiges Getreide: der Anteil am Welthandel beträgt rd. 12,5 %. Im Falle des Maishandels beträgt der ukrainische Anteil nach den USA (30%), Brasilien (21 %) und Argentinien (19 %) rd. 16,5 %.

Der Welthandel mit Getreide bewegt sich auf einem bisherigen Höchstmaß.

Eine nicht auszuschließende erhebliche Beeinträchtigung des Exportangebotes von Getreide aus den beiden Schwarzmeerländern wird eine empfindliche Versorgungslücke auf Weltebene aufreißen. Weiterlesen hier bei der ZMP...


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