Auswirkungen auf die Agrarmärkte

Mittelfristige Folgen der Coronakrise für Agrarmärkte noch nicht absehbar

Die Corona-Pandemie auf den Agrarmärkten hat kurzfristig für Schockreaktionen gesorgt. Die mittelfristigen Folgen sind unabsehbar, so der Deutsche Bauernverband (DBV) in einer Analyse.

Es zeichnet sich ab, dass die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen für die Gesellschaft und die Gesamtwirtschaft auch erhebliche Auswirkungen auf die Agrarmärkte haben, berichtet der Deutsche Bauenverband (DBV). Zu sehen sind zunächst kurzfristige Schocks durch unterbrochene bzw. verzögerte Handelsbeziehungen und umzulenkende Absatzkanäle. Beispiele sind hier die erheblichen Nachfragerückgänge in der Gastronomie und in der Gemeinschaftsverpflegung und Unsicherheiten im Handelsverkehr mit China. Mittelfristige Marktwirkungen durch eine globale Rezession sind wahrscheinlich, können aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht abgeschätzt werden. Nachfolgend ein Bericht der DBV-Marktexperten mit Informationen der Agenturen AMI, MEG Eier und Geflügel sowie ZMB über wichtige Agrarmärkte in dieser Woche. (DBV)

Milch: Haltbare Produkte gefragrt

Die Inlandsnachfrage nach Konsummilch, Sahne, Quark, Joghurt, Butter sowie Schnittkäse im Lebensmittelhandel ist stark vom Coronavirus-Geschehen beeinflusst. Vor allem lagerfähige Produkte sind gefragt. Durch diese Entwicklung werden die Nachfrage-rückgänge aus dem Hotel- und Gaststättenbereich zum Teil mehr als kompensiert. Diese Verlagerung der Nachfrage ist eine logistische Herausforderung für viele Molkereien.

Logistikprobleme in China: Dem Vernehmen standen bis vor Kurzem viele Entlade-kapazitäten in den chinesischen Häfen nicht zur Verfügung. Neben dem rückläufigen Absatz hat dies zur Folge, dass weltweit die Logistik (fehlende Container) ins Stocken gerät. China ist mit Abstand wichtigster Importeur von Molke-, Mager- und Vollmilch-pulver. Die EU ist (bis auf Vollmilchpulver) mit Abstand größter Exporteur dieser Produkte. Die Lage soll sich dem Vernehmen nach aktuell entspannen, aber auch dann stehen die hier benötigen Container noch in China. Die Kosten für Container und Frachten sind deutlich gestiegen.

Logistikprobleme im EU-Binnenmarkt: Obwohl der Warenverkehr frei ist, kommt es an den Grenzen wegen Personenkontrollen zu Staus und Wartezeiten. Außerdem sind LKW-Fahrer knapp. Dem Vernehmen nach sollen vor allem kleinere Molkereien in Italien auf Grund kranker Mitarbeiter die Milchverarbeitung eingestellt bzw. deutlich reduziert haben. Italien ist wichtiger Abnehmer deutscher Rohmilch und weiterer milchwirtschaftlicher Rohstoffe. Die nicht verarbeiteten Rohstoffe belasten nun insbesondere die Spotmärkte.

Die Milcherzeugerpreise liegen derzeit bei ca. 33 Ct/kg, was dem langjährigen Mittelwert entspricht. Jedoch haben sich die Aussichten für die kommenden Monate in den letzten Tagen und Wochen verschlechtert. Während sich vor zwei Monaten die Marktakteure an der EEX auf einen Börsenmilchwert für die Monate April-Dezember 2020 in Höhe von durchschnittlich 37,5 Ct/kg gesetzt haben, liegt dieser Wert heute bei 29,0 Ct/kg. Magermilchpulver in Lebensmittelqualität wurde in dieser Woche für durchschnittlich 2.350,- EUR/Tonne (Notierung in Kempten) gehandelt. Die Notierung gibt nun seit einigen Wochen nach, auch die Notierungen an der EEX haben fallende Tendenz und liegen für April 2020 derzeit bei ca. 1.900,- EUR/Tonne Magermilchpulver.

Schlachtschweine-Nachfrage gesunken

Die Nachfrage nach Schlachtschweinen hat regional abgenommen. Gleichzeitig kommt es zu vorgezogenen Verkäufen der Mäster. Die Verunsicherung über die weiteren Absatz-möglichkeiten bleibt groß. Allerdings wird davon ausgegangen, dass „Panikverkäufe“ schnell wieder abebben und das Aufkommen an schlachtreifen Tieren dann zügig zurückgeht. Die VEZG-Preisempfehlung gab am 18.03.2020 um 7 Ct/kg nach und liegt nun bei 1,89 EUR/kg Schlachtgewicht.

Der inländische Fleischabsatz erfreut sich aktuell einer sehr regen Nachfrage. Der Lebensmitteleinzelhandel und die Verarbeitungsbranche signalisieren eine sehr starke Nachfrage nach Frischfleisch und nach Verarbeitungsfleisch für die Wurstindustrie. Irgendwann werden jedoch die Vorräte in den Haushalten aufgefüllt sein und diese besondere Nachfrage wird nachlassen.

Was auf absehbare Zeit bleiben wird, ist die deutliche Veränderung der Warenströme. Der Außer-Haus-Verkehr in Restaurants und der Systemgastronomie wird deutlich rückläufig sein und die Nachfrage der privaten Haushalte über den Lebensmitteleinzelhandel wird sich deutlich erhöhen. Das führt zumindest vorübergehend zu Reibungsverlusten in der Logistikkette, die zeitnah gelöst werden müssen.

Schlachtrindermarkt verunsichert

Im Handel mit Schlachtrindern wurde bis zum Ausbruch der Coronavirus-Pandemie mit steigenden Kuhpreisen und behaupteten Jungbullenpreisen gerechnet. Nunmehr herrscht deutliche Verunsicherung vor. Seit Mitte März stocken die Warenströme von Rindfleisch aus Deutschland heraus nach Italien, Frankreich und Spanien empfindlich stark. Sehr großer Preisdruck ist die Folge. Ferner wird durch die Corona-Krise insbesondere der Außer-Haus Verzehr stark eingeschränkt, davon ist in erster Linie Rindfleisch betroffen.

All das führt aktuell zu Preisdruck. Selbst für die zumeist in überschaubaren Mengen angebotenen Schlachtkühe finden sich derzeit kaum noch Abnehmer. Entsprechend kam es in dieser Woche bei der Notierung durchweg zu erheblichen Abschlägen.

Grundsätzlich sorgt auch in der gesamten Schlacht- und Verarbeitungsindustrie die Frage der Verfügbarkeit von Arbeitskräften aus anderen EU-Mitgliedstaaten aufgrund von Reisebeschränkungen für erhebliche Verunsicherung.

Nachfrage nach Eiern und Geflügel steigt

Die plötzliche Schließung von Gemeinschaftsverpflegungen und Gastronomie, die verstärkte Nachfrage im Einzelhandel, fehlende Mitarbeiter wegen häuslicher Kinderbetreuung und die längeren Wartezeiten an der polnischen Grenze bringen viele Herausforderungen bei Verarbeitung und Logistik, zeitweilige Lieferverzögerungen sind möglich.

Rege Nachfrage nach Frischgeflügel: Marktteilnehmer berichteten von einem deutlich verstärkten Verbraucherinteresse an Geflügelfleisch im Lebensmitteleinzelhandel. Diese stark gestiegene Verbrauchernachfrage kompensiert den Rückgang der Nachfrage im Außer-Haus-Verbrauch. In der Weiterverarbeitung wird Geflügelfleisch hingegen kontinuierlich eingesetzt.

Am Eiermarkt ist ebenfalls eine deutlich verstärkte Nachfrage im LEH festzustellen. Auch gefärbte Ware wurde, wohl wegen der längeren Haltbarkeit, sehr rege nachgefragt. Insbesondere das Angebot an deutscher KAT-Ware mit weiteren Spezifizierungen (VLOG-Zertifikation, unkupierte Schnäbel usw.) ist knapp. Durch die gestiegene Bedeutung des Lebensmitteleinzelhandels müssen nun mehr Eier in Kleinverpackungen bereitgestellt werden. Verpackungsmaterial ist also ebenfalls gefragt.

Getreide zieht an; Ölsaaten unter Druck

Getreide und Ölsaaten werden weltweit gehandelt. Daher äußert sich die Ausbreitung des Corona-Virus und die damit verbundene Sorge einer wirtschaftlichen Rezession bereits seit Längerem in rückläufigen Terminmarktnotierungen. Bei Raps wird dieser Effekt durch die deutlich schwächeren Rohölnotierungen verstärkt. Mit den niedrigeren Notierungen haben auch die Erzeugerpreise nachgegeben. Infolgedessen sind die Märkte zwischenzeitlich nahezu vollständig zum Erliegen gekommen, auch weil die Verarbeiter überwiegend gut mit Rohstoffen gedeckt waren.
Das hat sich nun in den letzten Tagen geändert! Der Anstieg der Verbrauchernachfrage nach Weizenprodukten wie Mehl, Brot und Nudeln zeigt Auswirkungen auf die Verarbeitungsindustrie, z.B. Mühlen und deren Nachfrage nach Rohstoffen.

Die Vermarktung der Ernte 2020 ist wegen der Verunsicherung durch das Corona-Virus in den Hintergrund getreten, zumal Landwirte sich auf die bevorstehenden Frühjahrs-arbeiten – die Aussaat von Sommergetreide, Mais, Zuckerüben und die Auspflanzung von Kartoffeln – fokussieren. Mit Blick auf die sich anschließenden Dünge- und Pflanzen-schutzmaßnahmen muss Handel mit und Transport von Betriebsmitteln weiterhin möglich sein, denn es geht um die Sicherung der Erträge und Qualitäten der neuen Ernte.

Obst und Gemüse gefragt

Äpfel räumen zügiger aufgrund größerer Nachfrage und die Preise ziehen leicht an. Die Marktversorgung reicht voraussichtlich bis zur Ernte ab August/September. Lagergemüse (u.a. Kohl, Porree, Möhren, Zwiebel) räumt ebenfalls zügiger, die Marktversorgung reicht bis voraussichtlich Mai.

Insgesamt ist eine deutliche Verlagerung der Versorgung stärker über den Lebensmitteleinzelhandel, weg von Restaurants, Großkantinen usw. zu beobachten. Die Importe von Gemüse laufen, derzeit im Wesentlichen aus Italien und Spanien, dabei ziehen die Preise deutlich an.

Es gibt große Unsicherheit bei den heimischen Betrieben aufgrund fehlender Saisonkräfte bei derzeit laufenden Pflanzarbeiten u.a. bei Salaten, Kohl und vielen anderen Gemüsearten sowie bei den in Kürze anstehenden Ernten beim Frühgemüse und -obst wie Spargel, Rhabarber, Salaten und Erdbeeren. Derzeit ungewiss, wie die Arbeiten erledigt werden können und in welchem Umfang. Hier ist die Politik am Zuge, die Einreise von Saisonarbeitskräften aus z.B. Polen und Rumänien aufrechtzuerhalten sowie Erleichterungen und Anreize für Arbeitskräfte aus Deutschland zu schaffen. Je länger die Unsicherheit bestehen bleibt und Arbeitskräfte nicht zur Verfügung stehen, umso größer werden die Auswirkungen auf die heimische Versorgung sein.

Rege Kartoffel-Nachfrage

Vergangene Woche startete der Markt für Speisekartoffeln ruhig. Seit dem Wochenende stellt sich die Situation anders dar und die meisten Packbetriebe haben alle Hände voll zu tun, den Bedarf der Supermärkte zu decken. Es ist damit zu rechnen, dass die Nachfrage aus den Privathaushalten nach Speisekartoffeln rege bleibt und auch die Preise leicht anziehen. Voraussichtlich müssen Lager geöffnet werden, die eigentlich erst für spätere Termine vorgesehen waren.

Betriebsmittel: Energie und Düngemittel günstiger

Die Landwirtschaft ist eine energieintensive Branche. Von den zugekauften Betriebsmitteln entfallen gut 5 Milliarden Euro und damit ein Sechstel der Ausgaben auf Energie und Düngemittel. Die aktuellen Rohölpreise liegen derzeit in Euro gemessen um mehr als die Hälfte unter dem Stand der Monate Dezember und Januar. Neben den wirtschaftlichen Folgen der Viruskrise drückt seit Anfang März ein Preiskrieg der führenden Ölstaaten Saudi-Arabien und Russland den Ölmarkt. Inwieweit dieser Marktdruck anhalten wird, ist offen. Er führt im Ergebnis dazu, dass die Landwirtschaft davon zunächst Entlastungen spüren dürfte.


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