EU-Eiweißplan soll Exportabhängigkeit von gentechnisch verändertem Soja reduzieren

Phil Hogan Phil Hogan
Bild: EU-Kommission

EU-Agrarkommissar Phil Hogan stellte am Montag den EU-Landwirtschaftsministern das Arbeitsprogramm für einen EU-Eiweißplan vor, der bis zum Ende des Jahres mit Leben erfüllt und verabschiedet werden soll. Das Proteindefizit in der EU im Bereich der Landwirtschaft soll durch Erforschung der Rentabilität des Anbaues von Eiweißpflanzen und Leguminosen einerseits neue Einkommensquellen für die Landwirtschaft generieren und andererseits die Exportabhängigkeit von gentechnisch veränderten Soja als Tierfutter aus Drittstaaten reduzieren. Osteuropäische EU-Staaten fürchten, dass ein „Geschäftsmodell Eiweißpflanzen“ einseitig große Produzenten im Westen begünstigen und mittel- sowie osteuropäische Landwirte zu untergeordneten Produzenten von reiner Rohmasse degradieren könnte.
 
Dass das Thema Eiweißpflanzen ein wichtiges Zukunftsthema für die europäische Landwirtschaft darstellt, darüber besteht unter den EU-Agrarminister seit langem Konsens. Über die Frage, wie die beste Strategie für einen EU-Eiweißplan aussehen sollte, sind sich die EU-Staaten allerdings alles andere als einig. Am Anfang stand die im Juni 2017 von Deutschland und Ungarn gemeinsam angestoßene Initiative der „Europäischen Soja-Deklaration“.

13 von 28 EU-Mitgliedstaaten unterzeichneten dieses Sojapapier auf einer im Juli 2017 veranstalteten Ministerkonferenz zum Thema „Gentechnik freie Landwirtschaft: Eine Chance für die Entwicklung des ländlichen Raumes für Zentral- und Südosteuropa“. Österreich wartete im gleichen Sommer mit einer Donaustrategie auf. die das Ziel einer strategischen Partnerschaft im Bereich der Donauanrainerstaaten verfolgte, die Produktion von Gentechnik freiem Sojaanbau in dere EU zu forcieren.

Bereits in der abgelaufenen Legislaturperiode hatte auch das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) unter Minister Christian Schmidt eine Eiweißpflanzenstrategie erarbeitet. Demnach sollten Wettbewerbsnachteile heimischer Eiweißpflanzen (Leguminosen wie Ackerbohne, Erbse und Lupinenarten sowie Kleearten, Luzerne und Wicke) verringert, Forschungslücken geschlossen und praxisorientierte Maßnahmen umgesetzt werden.

EU muss 45 Millionen Tonnen tierisches Eiweiß jährlich einführen.

In der europäischen Landwirtschaft besteht derzeit ein jährlicher Bedarf von 45 Millionen Tonnen an tierischem Eiweißfutter, der vor allem durch Importsoja zu einem hohen Prozentsatz aus gentechnisch veränderten Pflanzen aus Drittenstaaten bestritten wird. Der EU-Eigenversorgungsanteil von Soja als Tierfutter liegt nach Angaben der EU-Kommission nur bei fünf Prozent derzeit. Damit hat die EU eine Exportabhängigkeit von weit über 90 Prozent bei den Proteinpflanzen.

Mit einem EU-Eiweißplan will die EU-Kommission die Abhängigkeit reduzieren und durch gezielte Forschung und der Berücksichtigung von Umweltaspekten die Kommerzialisierung von Eiweißpflanzen und Leguminosen sowie den Anbau von pflanzlichen Proteinen gezielt fördern. In diesen Veränderungsprozess der europäischen Landwirtschaft sollen nicht nur die Landwirte, sondern auch die Produzenten entlang der gesamten Nahrungsmittelkette einbezogen werden.

Schmidt: Deutsche Verbraucher lehnen gentechnisch veränderte Sojapflanzen ab

Christian Schmidt Christian Schmidt
Bild: Grüne Woche
„Ich begrüße sehr, dass die Europäische Kommission jetzt einen neuen EU-Eiweißplan vorlegen will“, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt in Brüssel am Montag beim EU-Agrarministerrat. Deutschland suche den Schulterschluss und sei ausdrücklich bereit zusammen mit der Donaustrategie gemeinsam mit Ungarn und Österreich sowie anderen Ländern zusammenzuarbeiten. „Je mehr eigene Eiweißproduktion wir in der EU selbst haben, umso weniger sind wir von Sojaimporten abhängig“, betonte Schmidt im Gespräch mit top agrar.

Soja werfe international zwei Fragestellungen auf. Zum einen gebe es die gentechnische Veränderung von Sojapflanzen, die von deutschen Konsumenten nicht gewünscht werde, so Schmidt. „Zum anderen müssen wir die ökologischen Konsequenzen von erweitertem Sojaanbau - Stichwort Entwaldung - und den daraus resultierenden Klimakonsequenzen im Auge behalten. Aus all diesen Gründen bin ich ein großer Verfechter eines nationalen und europäischen Eiweißplanes“.

Polen befürchtet Benachteiligung Osteuropas bei kommerzieller Verwertung

Die Sorge um die Entwaldung von Urwäldern und die negativen Auswirkungen auf das Weltklima teilten bei der Aussprache über den EU-Eiweißplan auch die Landwirtschaftsminister aus Dänemark, Großbritannien und den Niederlanden. Ebenso stellt für Finnland, Rumänien und Österreich die EU-eigene Produktion von Eiweißpflanzen in der EU ein wichtiges agrarpolitisches Ziel der Zukunft dar. Frankreichs Landwirtschaftsminister Stéphane Travert erachtete die Ausarbeitung des EU-Eiweißplanes als einen wichtigen Schritt im Rahmen der GAP-Reform 2020. Er wies in der Diskussion mit seinen Kollegen in Brüssel darauf hin, dass Frankreich ebenso wie Deutschland bereits einen nationalen Eiweißplan aufgestellt habe und das Anliegen auf europäischer Ebene nachhaltig unterstütze.

Der polnische Landwirtschaftsminister Krzystof Jurgiel betonte, dass ein Geschäftsmodell EU-Eiweißstrategie nicht dazu führen dürfe, dass ost- und mitteleuropäische Länder nicht allein zu reinen Rohstofflieferanten degradiert würden und das Geschäft mit der Produktion sowie Vermarktung von großen Westunternehmen unter sich aufgeteilt werde.

EU-Agrarkommissar Phil Hogan sicherte den Landwirtschaftsministern zu, das der Fahrplan für die Erarbeitung einer Strategie allen Stakeholdern Gelegenheit geben werde, ihre Sicht der Dinge, ihre Erfahrungen und Expertisen einzubringen. So ist zunächst für den 28. April eine Hochrangige Expertengruppentagung in Brüssel geplant. Gleichzeitig kündigte die österreichische Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger in Brüssel an, im Rahmen der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2018 eine weitere internationale Eiweiß-Konferenz ausrichten zu wollen.
 

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8 Leserkommentare Kommentieren

  1. von Joachim Pehle · 1.
    Fleischmehle wieder legalisieren

    Nachdem sich der Wirbel um die vermutete BSE-Kriese als übertrieben herausgestellt hat, wäre m.E. der allererste Ansatz, dass Fleischmehle wieder als Futtermittel für Geflügel und Schweine zugelassen würden. Wenn ich mich recht erinnere, waren nur 13 % der Fleischmehle zur Zeit des ersten BSE-Ausbruchs in Deutschland Kadavermehle. Wenn diese Menge (auch ohne wissenschaftliche Notwendigkeit) weiterhin aus politischen Gründen (Unerklärbarkeit für den Otto-Normalverbraucher) verboten blieben,- aber eben die 87 % aus der Fleischverarbeitung (z.B. Fleischknochenmehle etc.) wieder zugelassen würden, so wäre ein großer Anteil der Eiweißlücke vermutlich ohne Gentechnik und importfrei geschlossen. Und zu mindestens dem Tierwohl bei Schweinen würde es helfen,- Mineralfutter mit Fleischknochenmehlen haben immer ruhigere und ausgeglichenere Tiere "erfüttert" als die moderne vegane Fütterung mit Getreide, Soja und Synthese-Aminosäuren. Die Frage stellt sich, wie man / wer die Wiederzulassung initiieren könnte. Vorschläge willkommen!

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  2. von Wolfgang Reiner · 2.
    Die nächste Baustelle,

    ist die neue Düngeverordnung. Ein Tierhalter mit rel. hohen Viehbesatz wird sich nach dem berechnen der ersten Düngebilanz ganz schnell von Ackerbohne, Erbse und co, verabschieden...... Müssen.

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  3. von Wilhelm Gebken · 3.
    Auf einem Weizenacker mit ca. 9 t Ertrag entstehen pro ha ca. 1 t Eiweiß

    Auf einem Sojaacker mit ca. 3 t Ertrag entstehen ebenfalls ca. 1 t Eiweiß. Mal abgesehen von eventuellen Fruchtfolgevorteilen: Wie soll bei diesem Nullsummenspiel "mehr" Eiweiß erzeugt werden?

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  4. von Alexander Audrit · 4.

    Dem Kommentar von Forst Genossenschaft Hardegsen ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Wir waren auf nem guten Weg doch Unwissenheit und Populismus haben mal wieder über Sachverstand und Vernunft gesiegt.

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  5. von Wilhelm Grimm · 5.
    Unser Schmidtchen wird zum Schleicher.

    Es wäre seine Hauptaufgabe, dem Verbraucher Genveränderung zu erklären. Anschließend sollte er sich dafür einsetzen, dass auch bei uns die Gentechnik bei der Züchtung von Eiweißpflanzen, auch von Soja, massiv unterstützt wird. Die deutschen Politiker sind träge geworden.

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  6. von Jörg Meyer · 6.
    Wie wärs mit Forschung z,B. Crisper Cas

    Mit Forschung und neuen Züchtungsmethoden könnte man etwas bewegen mit politischen Gerede und Gießkanenpolitik bei der Verteilung von Subventionen wird das nix!

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  7. von Hermann Stroemer · 7.
    GVO Soja

    wird in erster Linie von diversen NGOs und dem deutschen Einzelhandel abgelehnt. Der deutsche Verbraucher ist mehrheitlich uninteressiert bis schlecht aufgeklärt.

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  8. von Forst Genossenschaft Hardegsen · 8.
    ... den sie wissen nicht was sie tun ....

    Der Leguminosenabau war in Deutschland auf einem guten Weg, bis das Verbot von Herbiziden auf den Leguminosen-Greeningflächen dieses Jahr erlassen wurde und das Projekt damit quasi mit einer Vollbremsung abgewürgt wurde. Viel politischer Aktionismus ohne zu wissen was man tut.

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