Agrarkommissar Hogan provoziert deutsche Biobranche

EU-Agrarkommissar Phil Hogan
Bild: Archiv

"2011 starben Menschen wegen Ehec-Keimen in Bio-Produkten, die von außerhalb der EU zum Beispiel nach Deutschland eingeführt worden sind. Unser Entwurf der neuen Öko-Verordnung reagiert auf Probleme der Branche." Das sagte EU-Kommissar Phil Hogan am Samstag in einem Interview mit der in Berlin erscheinenden "taz". Deshalb werde die Kommission den seit Jahren strittigen Verordnungsentwurf nicht zurückziehen. Am 22. März gingen die Beratungen zwischen Kommission, Rät und Parlament in Brüssel weiter.

Auch bei dem größten Streitpunkt des Entwurfs den gesonderten und strengeren Grenzwerten für Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Bioprodukten, ist der Kommissar weiterhin nicht kompromissbereit. "Die Verbraucher zahlen einen Aufpreis für Ökoware. Und sie sind zuweilen überrascht, dass es in einigen Bioprodukten ganze Cocktails von Pestiziden gibt", skizziert der Kommissar das Problem aus seiner Sicht. Das bei amtlichen Lebensmitteluntersuchungen fast keine Pflanzenschutzmittelrückstände in Bioprodukten gefunden werden und diese wenigen Rückstände weit unter den gesetzlich zugelassenen und gesundheitlich unbedenklichen Grenzwerten liegen, wischt der Ire vom Tisch. "Das sind Fake-News. Die Branche habe eingeräumt, dass es in Bioprodukten mehrere Pestizide - also nicht nur eins - vorhanden sind."

Bei den Deutschen Bioverbänden sind Hogans Äußerungen auf scharfe Kritik gestoßen. „Es bestürzt uns, dass Kommissar Hogan das Leid der Betroffenen nutzt, um seine politischen Interessen durchzusetzen, für die ihm eine ausreichende sachliche Begründung fehlt. Das ist nicht nur den Opfern gegenüber beschämend, Hogan untergräbt damit das Vertrauen in die EU-Kommission," sagte Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Das sei in Zeiten wie diesen besonders fatal.

Hogan wisse natürlich, dass die Tragödie von 2011 weder mit dem Produktionssystem des Ökologischen Landbaus noch mit der zurzeit in Brüssel diskutierten Reform des Bio-Rechts im Zusammenhang stehe. Wenn der postfaktisch denkende EU-Agrarkommissars zu einer solchen Täuschung der Öffentlichkeit greife, zeige er, dass er an keiner konstruktiven Weiterentwicklung des Bio-Rechts interessiert sei, kritisierte Prinz zu Löwenstein.

"Offenbar schlägt der Kommissar nun auf diese Weise um sich, weil er die Verhandlungen um eine neue EU-Ökoverordnung in eine Sackgasse manövriert hat", so das Fazit des BÖLW-Vorsitzenden. Jetzt könne der Kommissar nur noch die Verhandlungen abbrechen und seinen Vorschlag zurückziehen. Diese Forderung sei zuletzt einmütig durch die Agrarminister der Bundesländer und einige EU-Mitgliedsstaaten erhoben worden.

Auch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt äußerte sich kritisch zu Hogans Aussagen. "Ich weiß, dass ich nur einem Verordnungsvorschlag zustimmen werde, der den Ökobetrieben eine existenzfähige Zukunft sichert. Der Vorschlag, für Biolebensmittel eigene Grenzwerte für Pflanzenschutzmittelrückstände einzuführen, dient diesem Ziel nicht", sagte der Minister bei einer Veranstaltung am Rande der Grünen Woche.

Zum Hintergrund:

2011 hatte ein bis dahin kaum bekannter Ehec-Typ den bisher größten Ausbruch in Deutschland verursacht. Höchstwahrscheinlich saß der Erreger auf verunreinigten Sprossen, die ein Biobetrieb an Zwischenhändler, Restaurants, Supermärkte und Gemüsehändler geliefert hatte. Ursprung der Darmkeime war den Ermittlern zufolge Bockshornkleesamen, die der niedersächsische Betrieb in Ägypten bestellt hatte. Die Keimbelastung stand allerdings in keinem Zusammenhang mit der Wirtschaftsweise des Betriebes.  Innerhalb weniger Wochen erkrankten rund 3800 Menschen, 53 starben. Knapp 3000 Betroffene litten an heftigem, blutigen Brechdurchfall. 

Ein interessanter Beitrag dazu findet sich auch in der taz:
EU-Agrarkommissar über die Ökobranche: „Das Vertrauen in Bio retten“

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9 Leserkommentare Kommentieren

  1. von Georg Keckl · 1.
    Man stelle sich nur mal, der EHEC-Keim hätte seinen Ausgang in Produkten eines Konvi-Betriebes gehabt:

    ZITAT Prinz Löwenstein: „Der EHEC-Keim war aller Wahrscheinlichkeit nach ein Krankenhauskeim und wenn er aus der Tierhaltung kam, dann aus der konventionellen Tierhaltung.“ ZITAT ENDE Am 5.10.12 diskutierten im SWR2 Forum zum Thema: Vom Bio-Huhn zum Bio-Bluff - Verspielt die Öko-Branche ihren guten Ruf? Werner Eckert, Felix von Löwenstein, Michael Miersch, Gesprächsleitung: Martin Durm, da fiel dieser Satz! Wer fordert hier, berechtigterweise, Fairness ein, wetzt aber hinter dem Rücken die Messer für die Fairen? Besser man paßt auf. Grüße: gk

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  2. von Jörg Meyer · 2.
    merkwürdige Diskussion

    Pflanzenschutzmittel durchlaufen komplexe Zulassungsverfahren in denen auch Höchstmengengrenzen festgelegt werden, die hinter im Erntegut toleriert werden können. Nun kommt ein Teil der Landwirte daher und behauptet unsere Produkte sind frei von Rückständen und das scheint nicht zu stimmen. Nun will Hogan für Rechtssicherheit sorgen und alle regen sich darüber auf. Ja wir als Gesellschaft müssen die Diskussion führen ob nach menschlichen Ermessen unschädliche Spuren von chemischen Stoffen in Nahrungsmitteln toleriert werden können oder nicht, dabei möchte ich daraufhinweisen, dass ca. 90 % alle schädlichen Substanzen die uns bedrohen natürlichen Ursprungs sind und es unmöglich ist Lebensmittel auf alle zu untersuchen!

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  3. von Henrik Plaas-Beisemann · 3.
    Wilhelm Bee hat Recht

    Es ist nicht nur eine Frage des Ökolandbaues. Es trifft über die Koexistenz auch uns. Das Thema Rückstände wird uns auf Dauer noch stark beschäftigen. Der Druck auf Rückstandsfreiheit kommt nicht nur von der EU sondern auch vom LEH und nicht nur im Ökobereich, sondern auch im konventionellen Gemüsebau. Wir sollten dringend eine Strategie dafür finden.

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  4. von Wilhelm Bee · 4.
    Klärung nach dem Verursacherprinzip

    Analog zur Aussage: "Die Freiheit des einen endet dort, wo er die Freiheit des anderen einschränkt", sollte klar sein, wohin die Reise mit Herrn Hogan führen wird. Labore und Rechtsanwälte werden die Nutznießer sein. Der Einstieg in die geprüfte Produktqualität bei Bioprodukten, wird auch der Einstieg in einen immer stärker reglementierten Nutzpflanzenschutz sein. Das wird ein böses Erwachen und die endgültige Spaltung des Berufsstandes nach sich ziehen.

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  5. von Wolfgang Rühmkorf · 5.

    Die wissenschaftlich festgestellten Grenzwerte für Pflanzenschutzmittel( incl. Sicherheitsfaktor) stellen die Grenze zwischen gut und böse dar. Diese Werte haben für alle erzeugten Nahrungsmittel zu gelten! Wenn die Ökos auf dem Weg der Null-Toleranz sind und dies bewerben, dann müßen sie sich auch gefallen lassen daran gemessen zu werden. Ansonsten sollten sie sich mit den wissenschaftlichen Standards zufrieden geben und sich nicht über die konventionellen Produkte herausstellen!

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  6. von Wilhelm Bee · 6.
    @BL

    Im Satz: "Was wissen........", könnte man "Ökobranche" gegen "konventionelle Landwirtschaft" austauschen und die Aussagekraft wäre die gleiche.

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  7. von Paul Maier · 7.
    Prinz zu Löwenstein kann natürlich nicht dulden, dass Hogan die EHEC Krise erwähnt.

    Dass diese folgenschwerste Epedemie ausgerechnet durch Sprossen von einem Bio Betrieb ausging, schockte damals so manchen der sich als Bio Konsument vor jeglicher Gefahr geschützt sah. Erstaunlich war das plötzliche, kollektive Schweigen in den Medien, nachdem man die Schuld nicht mehr wie sonst immer der konventionellen Landwirtschaft in die Schuhe schieben konnte. Statt dessen wurden angeblich kontaminierte Bockshornkleesamen aus Ägypten präsentiert. Zwar wies das die ägyptische Seite umgehend zurück, jedoch war diese Erklärung für die Bio Verbände die bei weitem unschädlichste. In einer Sendung des ZDF erklärte damals Udo Pollmer entgegen der dort ausgesprochenen Vermutung, Rindergülle könnte als Ursache infrage kommen: Dieser Keim wurde bei Rindern noch nie nachgewesen, der kommt vom Menschen. Natürlich wurde er in jener Sendung vor allem von der Moderratorin Maybrit Illner niedergequatscht. Ob die importierten Samen nun wirklich der Auslöser waren ist meines Erachtens nicht hundertprozentig klar. Aber ein Einschleppen solch gefährlicher Erreger mit Samen für den Bio Anbau ist eigentlich unentschuldbar, jedoch ein mea culpa von der Bio Seite war seinerzeit nicht zu vernehmen. Etwa ein halbes Jahr später kam eine sehr kurze Meldung in der Presse, dass der Betrieb in Bienenbüttel Wasser aus einem Brunnen nutzte, das Fäkalkeime enthielt. Damit war die Aussage von Udo Pollmer ja wohl bestätigt, aber die Meldung war so gut versteckt, dass sie möglcihst übersehen werden sollte. Auch bei den Bio Verbänden kann eben nicht sein was nicht sein darf.

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  8. von Doris Peitinger · 8.

    Welches Niveau Herr Hogan gegenüber den Erzeugern gerne anschlägt, weiß man spätestens seit letztem Jahr, als er die Mlchbauern als Jammerer bezeichnet hat. Er ist derart abgehoben, dass er mit der Realität überhaupt nichts mehr zu tun hat. Und dass er nicht für die Bauern eingesetzt wurde, zeigt er permanent. Am deutlichsten beim Besuch des Bauernverbandes....

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  9. von Berthold Lauer · 9.
    Wer wird denn so sensibel sein??

    Sachlich?? Wider besseres Wissen?? Was wissen denn die Vertreter der Ökobranche und ihre politischen Wegbereiter nicht alles und behaupten trotzdem das Gegenteil, um sich selbst und ihre Ideologie in ein besseres Licht zu rücken!

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