Antibiotikamengen in der Tierhaltung um 51 % gesunken!

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Seit 2011 ist die Menge der an Tierärzte abgegebenen Antibiotika kontinuierlich gesunken. Dies zeigt die aktuelle Auswertung der DIMDI-Zahlen, die das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) am Mittwoch veröffentlicht hat.

Von ursprünglich 1.706 Tonnen in 2011 ist die abgegebene Antibiotikamenge in diesem Jahr auf 837 Tonnen zurückgegangen, ein Minus von 51 Prozent. Gegenüber 2014 ging die abgegebene Menge um 401 Tonnen , was eine Abnahme von 32,4 Prozent bedeutet.

Wie das Bundesamt weiter mitteilte, haben die Tierärzte zur Behandlung von Nutz- und Haustieren 2015 aber auch mehr Wirkstoffe erhalten, denen eine besondere Bedeutung für die Therapie beim Menschen zugeschrieben wird. Der Anteil dieser sogenannten Reserveantibiotika am gesamten Antibiotikabezug der Tierärzte stieg auf 2015 von 1,3 Prozent in 2014 auf 2,3 Prozent in 2015.

Diese sogenannten kritischen Antibiotika umfassen die Wirkstoffklassen Fluorchinolone und Cephalosporine der 3.und 4. Generation:

  • Der Einsatz der Cephalosporine erhöhte sich von 3,7 auf 4,5 Tonnen – ein Plus von 21,6 Prozent
  • Der Einsatz der Fluorchinolone erhöhte sich von 12,3 auf 14,9 Tonnen – ein Plus von 21,1 Prozent

Bei der Auswertung der Abgabemengen an die Tierärzte kann nicht unterschieden werden, ob die Antibiotika zur Heilung von Nutz- oder Haustieren verschrieben wurden Dem BVL zufolge lassen sich die gemeldeten Wirkstoffmengen nicht einzelnen Tierarten zuordnen, da die Mehrzahl der Wirkstoffe für die Anwendung bei verschiedenen Tierarten zugelassen ist.

QS bestätigt Trend

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Ein ähnlicher Trend zeigt sich im QS-Antibiotikamonitoring. Allein für Geflügel und Schweine haltende Betriebe wurden gegenüber dem Vorjahr fast 150 Tonnen Antibiotika (20,1 Prozent) weniger eingesetzt. Das belegt deutlich, dass die Maßnahmen zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes von Tierhaltern und Tierärzten umgesetzt werden, so die QS GmbH in einer Stellungnahme.

In den Geflügel- und Schweinehaltenden Betrieben im QS-System wurden im gleichen Zeitraum weniger kritische Antibiotika eingesetzt: 6,57 Tonnen gegenüber 7,65 Tonnen im Jahr 2014 – ein Minus von 14,1 Prozent. Seit Mitte 2015 erhalten Tierhalter und Tierärzte im QS-System einen zusätzlichen Therapieindex ausschließlich für diese kritischen Antibiotika. Sie haben dadurch die Möglichkeit, sich mit anderen Betrieben zu vergleichen und mit dem betreuenden Tierarzt andere Behandlungsmöglichkeiten prüfen.

DBV: Wo sind die Statistiken aus der Humanmedizin?

Der Deutsche Bauernverband (DBV) kritisierte, dass es zum Vergleich und der Abschätzung der Resistenzgefährdung keine verlässlichen Antibiotikadaten im humanmedizinischen Bereich gibt. Eine vollständige Transparenz sei notwendig, um die nationale Strategie zur Eindämmung von Antibiotika-Resistenzen (sogenannte DART-Strategie) zum Erfolg zu führen.

Der DBV begrüßt ausdrücklich alle Maßnahmen, die wirksam dabei helfen, die Eindämmung von gegen Antibiotika resistenten Keimen effizient zu erreichen. Deshalb bewertet der Bauernverband die Tatsache auch kritisch, dass das Arzneimittelgesetz hohe Auflagen nur den Nutztierhaltern auferlegt, nicht aber den Haltern von Haustieren und den Humanmedizinern, obwohl das Arzneimittelgesetz die Zulassung und der Verkehr aller Arzneimittel regeln soll. Wenn nicht jetzt der verantwortungsbewusste und damit geringere Einsatz von Antibiotika in allen Bereichen der Medizin gefordert und gefördert wird, verliere die seit Jahren geforderte Strategie gegen resistente Keime an Glaubwürdigkeit, betont der DBV.

Priesmeier: Einsatz von besonders wirksamen Antibiotika reduzieren

Wilhelm Priesmeier Wilhelm Priesmeier
Bild: SPD
„Die Zahlen verdeutlichen, dass wir bei der Antibiotikareduktion in der Tiermedizin auf dem richtigen Weg sind. Doch wir haben nichts gewonnen, wenn zwar in der Summe die Menge der verabreichten Antibiotika sinken, gleichzeitig aber Reserveantibiotika häufiger verordnet werden", erklärte SPD-Agrarsprecher Dr. Wilhelm Priesmeier.

Nötig seien jetzt vielmehr effektivere Maßnahmen und Regelungen, um gezielter die Abgabe von Antibiotika auf das tatsächlich notwendige Maß zu reduzieren. Hier seien Tierhalter, Veterinäre und Politik gleichermaßen gefragt. So sind seiner Meinung nach weitere Anstrengungen für ein besseres Hygiene- und Gesundheitsmanagement in den Ställen, eine effektivere Arzneimittelüberwachung und ein klarerer Rechtsrahmen dringend notwendig.

"Vor diesem Hintergrund muss zukünftig über die Tierärztliche Hausapotheken Verordnung geregelt werden, dass Tierärzte Reserveantibiotika im Rahmen der Umwidmung nur in begründeten Ausnahmefällen einsetzen dürfen und Antibiogramme erstellen. Hier dürfen sich Bund und Länder nicht länger gegenseitig blockieren. Mehr als zwei Jahre Verhandlungen sind genug", so Priesmeier am Donnerstag.

Außerdem müssten auch die Mortalitätsraten der Nutztierbestände in die Gesamtbewertung der Betriebe mit einfließen. Nur so bekomme man ein klares Bild über die tatsächliche Situation im Tierbestand. Darüber hinaus müsse die Bundesregierung zügig EU-Recht umsetzen und eine verpflichtende, tierärztliche Bestandsbetreuung gesetzlich vorgeben. "Wir brauchen pro Betrieb einen verantwortlichen Tierarzt, der den Überblick hat“, so der agrarpolitische Sprecher der Sozialdemokraten.

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5 Leserkommentare Kommentieren

  1. von Roland Medick · 1.
    Bauern den Schwarzen Peter zuschieben

    Wichtig wäre, einmal Zahlen aus der Humanmedizin zu veröffentlichen! Die Resistenzen beim Menschen entstehen doch hauptsächlich durch Hygienefehler in den Kliniken. Wir haben durch einen Pflegefall in der Familie da schon Erfahrungen gemacht, die dies bestätigen. Kliniken die ein anderes Hygienesystem haben, vor allem in den schweinedichten Gebieten, haben weniger Resistenzprobleme. Das ist für mich sehr aussagekräftig! Außerdem werden viel zu häufig und unkontrolliert Antibiotika eingenommen um harmlose Krankheiten wie Erkältungen schnell wieder los zu werden. Selbst bei kleinen Kindern wird viel zu schnell und zu oft Antibiotika gegeben. Aber leichter ist es natürlich, die Schuld mal wieder den Bauern zuzuschieben.

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  2. von Volker Hahn · 2.
    Das sagt: "Wir sind Tierarzt" dazu:

    Die Bauernhasser werden immer einen Grund finden, uns an die Wand zu stellen, aber hier eine kurze Zusammenfassung der Tierärzte: Schlussfolgerung "Wir sind Tierarzt": Genauer erfassen · Der Anstieg bei den sogenannten „Reserveantibiotika“ ist nicht auf die häufig kritisierten Schweine- und Geflügelhaltungen zurückzuführen. Von den insgesamt abgegebenen 19,4 Tonnen wurden hier laut QS 2015 nur 6,7 Tonnen eingesetzt – bei rückläufiger Tendenz. Es sollten also Systeme entwickelt werden, die den Einsatz dieser wichtigen Wirkstoffgruppen bei Haustieren/Pferden, vor allem aber bei Milchkühen erfassen. Generell ist der Anteil dieser „besonders kritischen Wirkstoffe“ an der Gesamtantibiotikamenge in der Tiermedizin mit 2,3 Prozent auch 2015 sehr gering. In der Humanmedizin liegt er bei 50 Prozent (Deutschland). · Der reine Blick auf Abgabemengen in Tonnen führt offensichtlich zu verzerrten Wahrnehmungen und womöglich auch nicht sachgerechten politischen Reaktionen. Solange nicht klar – und auch international vergleichbar – nachgewiesen werden kann, welcher antibiotische Wirkstoff wo (Tierart und Nutzungsart) eingesetzt wird, sollten weitere Restriktionen für die Tiermedizin sorgfältig abgewogen werden. Kranke Tiere müssen weiter mit wirksamen Antibiotika behandelt werden können. Während Europa mit großen Anstrengungen die bei (Nutz)Tieren eingesetzten Antibiotikamengen reduziert, sieht die weltweite Entwicklung komplett anders aus: Zwischen 63.000 und 240.000 Tonnen Antibiotika sollen weltweit in der Nutztierhaltung eingesetzt werden. Der deutsche Einsatz von jetzt noch 837 Tonnen und auch die „Reduzierungserfolge“ von 869 Tonnen seit 2011 sind da – global gesehen – letztlich fast irrelevant. Insbesondere, weil Antibiotikaresistenzen (AMR) sich nicht an Grenzen halten. Der verantwortungsvolle und zielgenaue Einsatz (prudent use) muss in der Tiermedizin dennoch weiter vorangetrieben werden. Politisch sind aber deutlich stärkere Anstrengungen bei der globalen AMR-Bekämpfung wesentlich wichtiger, effektiver – und nötiger.

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  3. von Reinhard Matzat · 3.
    Nicht mehr ganz klar im Kopf

    Man muss schon Ideologisch verbohrt sein, um nicht erkennen zu können, das so wie das AMG aufgebaut ist, der Einsatz an Reserveantibiotika steigen wird und wir auch schneller Resistenzen bekommen werden, weil zu wenig und zu kurz Antibiotika eingesetz wird weil sie sonst mit den Therapiezahlen zu hoch kommen. Das derzeitige System produziert die selben Probleme der Humanmedizin in die Nutztierhaltung um uns besser an den Pranger stellen zu können! Nix anderes!!!

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  4. von Jochen Böhrer · 4.
    Offenbarungseid

    Die Hetzer, die seither den Antibiotikaverbrauch in der Tiermedizin ausschließlich anhand der Tonnage und dem Vergleich zu den Mengen in der Humanmedizin angeprangert haben, gestehen jetzt ein, dass sie durchaus wissen, dass solche Vergleiche aufgrund der unterschiedlichen Aufwandmengen/kg Körpergewicht völliger bullshit waren. Und jetzt nutzen sie dieses Wissen, um auf andere perfide Art und weise zu hetzen.. und rechnen anhand der klitzekleinen Mengen an eingesetzten Reserveantibiotika mit aberwitzigen Zahlen hoch, dass sich die Menge NICHt reduziert habe. Es ist immer wieder interessant, wie sich Bauernfänger und unlautere Leuteverdummer outen. Diesen Leuten ist auch durchaus bewußt, dass Colistin bis vor Kurzem in der Humanmedizin aufgrund der Nebenwirkungen NICHT eingesetzt wurde und deshalb ein ausschließlich in der Tierhaltung genutztes Mittel war. Aus Resistenzgründen eine sehr sinnvolle Maßnahme. DAFÜR, dass in der Humanmedizin immer mehr Wirkstoffe sinnlos verschossen wurden und man deshalb aus resistenzgründen wieder aufs Colistin als reserveantibiotikum zurückgreifen mußte, konnten die Tierhalter und Veterinärmediziner nun wirklich nichts. Sie haben das Mittel mit bestem Wissen und Gewissen weigesetzt, nicht mit Humanwirkstoffen zu kollidieren. Und jetzt werden sie dafür dumm angepisst. Unfassbar!

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  5. von Eckehard Niemann · 5.
    Ärzteinitiative: Verlagerung auf andere Antibiotika?

    Fluorchinolone, Cephalosporine der 3. und 4. Generation sowie Colistin sind aus humanmedizinischer Sicht absolut unverzichtbare Reserveantibiotika, die Die Ärzteinitiative gegen Massentierhaltung hat gestern in einer Pressemitteilung darauf hingewiesen, dass zwar die Gesamtmenge sinke, dass aber gleichzeitig ein starker Anstieg bei für die Humanmedizin besonders wichtigen Antibiotika festzustellen sei: z.B. bei den Fluorchinolonen (plus 82 Prozent) und den Cephalosporinen der 3. Generation (plus 52 Prozent). Diese beiden Antibiotikaklassen seien für die Therapie beim Menschen von besonderer Bedeutung. --- Diese sog. "Reserve-Antibiotika" könnten deutlich niedriger dosiert eingesetzt werden (zum Teil nur 1/70 der Menge pro Therapiezyklus), d.h. 1 Tonne ersetze bis zu 70 Tonnen konventioneller Antibiotika. Es bestehe daher der Verdacht, dass wegen der geforderten Tonnage-Reduzierung auf Reserve-Antibiotika ausgewichen werde. Auf eine Reduzierung der Behandlungsfälle lasse sich daraus jedenfalls nicht schließen. Im Gegenteil: durch den vermehrten Einsatz dieser Mittel werden Resistenzentwicklungen noch gefördert. ---- Äußerst bedenklich sei auch der weiterhin hohe Einsatz von Colistin in der Tiermedizin, das die dritthöchste Abgabemenge vorweise: „Anfang diesen Jahres wurden weltweit Übertragungen von Colistin-Resistenzen durch das MCR-1-Gen nachgewiesen. Dieses Gen kann zwischen verschiedenen Arten von Bakterien übertragen werden, was zu einer noch schnelleren Entwicklung und Verbreitung von Resistenz führt. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat Ende Juli empfohlen, Colistin-haltige Arzneimittel künftig nur noch als Zweitlinientherapie bei Tieren zu verwenden und den Verkauf der Mittel in allen EU-Mitgliedstaaten zu minimieren, um die Gefahr von Resistenzentwicklungen zu verringern. überhaupt nicht in der Tierhaltung eingesetzt werden sollten. Wir fordern das sofortige Verbot des Einsatzes dieser Antibiotikaklassen in der Tierhaltung.“

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