„Der Wolf ist nicht vom Aussterben bedroht“

Prof. Hans-Dieter Pfannenstiel Prof. Hans-Dieter Pfannenstiel
Bild: Schätze

Der Zoologe Prof. Hans-Dieter Pfannenstiel erläutert im Interview mit top agrar, warum eine Bestandsregulierung des Wolfes sinnvoll wäre.

Laut Koalitionsvertrag will die neue Regierung dafür sorgen, dass der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen wird. Halten Sie das für realistisch?

Pfannenstiel: Die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht ist überfällig. Sachsen hat diesen Schritt bereits getan. Ich halte es allerdings für wenig realistisch, dass eine neue Bundesregierung gegen den Druck des ideologischen Naturschutzes den Mut dazu aufbringt.

Welche rechtlichen und administrativen Schritte wären dafür nötig?

Pfannenstiel: Die Aufnahme von Arten in den Katalog jagdbarer Arten ist rechtlich völlig unproblematisch, wie das Beispiel Sachsen zeigt. Allerdings ändert sich dadurch nichts am Schutzstatus des Wolfs.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kritisiert den Koalitionsvertrag. Ein Abschuss der europaweit geschützten Art bleibe ein Verstoß gegen europäisches Recht. Wie bewerten Sie das?

Pfannenstiel: Bisher ist der Abschuss von Wölfen in Deutschland lediglich als Ausnahme nach § 16 der FFH-Richtlinie möglich. Diese Möglichkeit nutzt Schweden mit der „Schutzjagd“ bereits heute. Die Wolfsjagd ist selbstverständlich wissenschaftlich fundiert, wie das Beispiel der baltischen Staaten und anderer EU-Staaten zeigt. Im Baltikum werden jedes Jahr im Mittel 300 Wölfe erlegt, ohne dass sich am günstigen Erhaltungszustand der europäischen Wölfe etwas ändert. Der Wolf ist nicht vom Aussterben bedroht.

Verbände wie die DUH lehnen eine Regulierung ab mit dem Hinweis, dass es in Deutschland in den letzten 170 Jahren keine Übergriffe auf Menschen gegeben hätte. Allerdings ist der Wolf erst seit etwa 20 Jahren wieder heimisch und die Population wächst jährlich um 30%. Aus anderen Ländern mit größeren Wolfspopulationen wie Russland, Frankreich oder Kanada sind etliche Übergriffe auf Menschen bekannt. Ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch bei uns etwas passiert?

Pfannenstiel: Es ist absolut unverantwortlich, die Möglichkeit von Übergriffen des Wolfs auf den Menschen bei uns kategorisch auszuschließen. Solche Übergriffe kommen in anderen Ländern immer wieder vor, werden aber bei uns schlicht als Märchen abgetan. Der Wolf hat sein angeborenes Verhalten in den Jahren, als er bei uns in Deutschland ausgerottet war, selbstverständlich nicht geändert. Unsere Jagdgesetze fordern gesunde und an die Landeskultur angepasste Wildbestände. Beim Wolf soll sich jedoch die Landeskultur an die Bedürfnisse dieser Tierart anpassen. Wo bleibt da der „gesunde Menschenverstand“?

Inwieweit könnte eine Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht den Weidetierhaltern helfen?

Pfannenstiel: Die Aufnahme allein hilft der Weidewirtschaft nicht. Eine Hilfe wird erst dann realistisch, wenn der Wolf bei uns, wie in anderen europäischen Ländern auch, von Anhang IV der FFH-Richtline nach Anhang V überführt wird.

Wie müsste eine Regulierung sinnvoll ausgestaltet sein?

Pfannenstiel: Sinnvoll ist eine planmäßige Bejagung bei effektivem Monitoring des Wolfsbestandes in Deutschland. Es könnten wolfsfreie Zonen ausgewiesen werden, wie es beispielsweise in Schweden der Fall ist. Der Wolf könnte in anderen Gebieten, beispielsweise in Nationalparks, weiterhin Vollschutz genießen. Auf allen übrigen Flächen könnte er nach Abschussplan bejagt werden.

Wölfe top agrar 4/2018
Bild: Seite 56/57
Wer würde darüber entscheiden, ob ein Wolf entnommen werden soll, der keine Scheu vor Menschen zeigt oder selbst hohe Zäune überwindet?

Pfannenstiel: Die Jagdausübungsberechtigten im ländlichen Raum könnten im Rahmen des Abschussplans vorrangig Wölfe erlegen, die sich Viehweiden, Tiergehegen und menschlichen Ansiedlungen nähern.

Wie bewerten Sie in dem Zusammenhang die Wolfs-Managementpläne der Bundesländer? Können sie den Weidetierhaltern bzw. der Landbevölkerung helfen?

Pfannenstiel: Wolfsmanagementpläne der deutschen Bundesländer haben nichts mit Wildtiermanagement zu tun. Sie beobachten unter allenfalls theoretisch möglichen Eingriffsmöglichkeiten die Ausbreitungs- und Reproduktionsdynamik des Wolfs und versuchen die ländliche Bevölkerung zu beruhigen. Das immer größer werdende Problem mit den Wölfen in unserer Kulturlandschaft können derartige Pläne nicht lösen.

Lesen Sie jetzt mehr in unserer Analyse "Wölfe in Deutschland auf die Abschussliste?" in der top agrar 4/2018.

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5 Leserkommentare Kommentieren

  1. von Erwin Schmidbauer · 1.
    Unsachliche Diskussion

    Die Diskussion um den Wolf zeigt die gleichen Züge, wie die Glyphosat-Diskussion. Unvereinbare Gegensätze, die medial hochgespielt werden. Für eine sachbezogene, für alle Seiten brauchbare Lösung sehe ich auch bei diesem Thema schwarz.

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  2. von Paul Siewecke · 2.

    kann sein, dass ich mich um ein Jahr vertan habe... 11400 wäre dann die Rudelanzahl im 21. Jahr...

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  3. von Paul Siewecke · 3.
    Der Faktor...

    ganz einfach erklärt: eine Zunahme des Bestandes von 30% jährlich bedeutet, dass man den Istbestand mit dem Faktor 1,3 multipliziert. Werden die 30% als konstanter Wert genommen braucht man nur die 1,3 mit der Anzahl der Jahre als Potenz mit dem Istbestand malnehmen. Das ist die ganz einfache Zins und Zinseszinsrechnung, denn die neugeborenen Wölfe vermehren sich ja auch wieder und so hat man nach 20 Jahren rund das 190-fache des Ausgangswertes.... und 60 x 190 macht 11400.....

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  4. von Gerhard Steffek · 4.
    kurze Hochrechnung -

    wir haben jetzt 60 offizielle Rudel in Deutschland. Bei einer 30%igen Vermehrungsrate haben wir in 10 Jahren das 10,6fache (636 Rudel) in weiteren 10 Jahren um den sich ergebenden Faktor 14,69 hochgerechnet 8.772. Diesen Faktor kann man für alle 10 Jahre ansetzen. Es ist auf's höchste Unverantwortlich, wenn hier keine Grenzen gesetzt werden. Noch schlimmer wäre es, würden pro Rudel immer 4 Jungtiere überleben. Dann verdreifacht sich die Population jedes Jahr. Haben wir noch nicht genug Probleme die es anzupacken gilt. Ich hoffe nur nicht, daß Mutti da auch noch sagt - wir schaffen das.

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  5. von Gerhard Steffek · 5.
    Bestandsregulierung sinnvoll?

    Die Bestandsregulierung wäre nicht nur sinnvoll, sie ist ein absolutes Muß! Und das muß sogar noch frühzeitig begonnen werden, ansonsten wächst einem das schneller über den Kopf als es jedem Lieb ist. Man hat die Beispiele vom Biber und dem Wildschwein. Daraus könnte man schon genügend Lehren daraus ziehen. Erich Kästner brachte es mal so schön auf den Punkt mit dem Satz: "Es ist ungleich besser, beizeiten Dämme zu bauen, als darauf zu hoffen, dass die Flut Vernunft annimmt". Beim Wolf ist es im Gegensatz zum Biber und Wildschwein sogar vielfach schlimmer. Schließlich ist der ein Fleischfresser und, wenn es den Menschen nicht gäbe, an der Spitze der Nahrungskette. Auch wenn so mancher Experte uns weiß machen will das der Wolf keine Gefahr für den Menschen wäre, so ist die gefühlte Wirklichkeit denke ich schon etwas anderes und die Zukunft wird diese Anschauung auch nicht bestätigen. Ich will auf alle Fälle keinem hungrigen Rudel gegenüberstehen. Wenn nämlich der Wolf sich ungehindert und ungezügelt ausbreiten kann, dann wird der Wolf irgendwann einmal vor lauter Konkurrenzkampf und Hunger auch den Menschen als gefundenes Fressen betrachten. Vorher wird in freier Natur die "Biodiversität" abnehmen, später auch in den Dörfern und Städten. Da werden sich auf einmal keine freilaufenden Katzen und Hunde mehr finden. Der nächtliche Gassigang wird zu russischem Roulette. Dann kann der Münchner aus dem dritten Stock auch mal den Wolf in "freier Natur" beobachten, wie ein Stadtrat mal zum Besten gab, denn dann reicht es wirft dieser einen Blick aus dem Fenster. Ob er aber dann noch einen Schritt vor die Tür wagt, wage ich zu bezweifeln, nächtliche Joggingrunde ade.

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