NASSER NORDEN - Güllebehälter voll: Täglich bis zu 40 Anrufe beim Landvolk

Gülle abfahren Gülle abfahren
Bild: Archiv

Landwirte in der Wesermarsch (Niedersachsen) können ihre Felder und Wiesen seit dem Spätsommer kaum noch mit Maschinen befahren. Aufgrund des Gewichts der Fahrzeuge drohen die Räder im aufgeweichten Boden zu versinken. Für die Landwirte hat dies seit Wochen Folgen: Zum einen konnten sie ihre Flächen nicht mit ausreichend Nährstoffen versorgen. Zum zweiten drohen ihre Güllelager überzulaufen, berichtet der Weser-Kurier.

Weil das Wetter einfach nicht besser wird, sind die Bauern der Region vor drei Wochen tätig geworden. Laut Manfred Ostendorf, Geschäftsführer der Landvolkverbände Wesermarsch und Ammerland, haben sie Ende November Alarm geschlagen, weil der Lagerraum für Gülle und Gärreste auf vielen Höfen knapp wurde.

Die Landwirte stehen laut der Zeitung vor einer Herkulesaufgabe. Sie müssen neue Lagerkapazitäten finden. „Wir haben eine Umfrage unter den Bauern laufen, wer noch nutzbare Behälter anbieten kann“, berichtet Manfred Ostendorf. Er setzt seine Hoffnung auf rund 200 ehemalige Betriebe, die noch intakte Güllekeller und Silos vorhalten. „Wir haben schon im Herbst gemerkt, dass es in diesem Jahr Probleme geben wird“, berichtet Ostendorf.

Derzeit sieht sich die Landvolk-Geschäftsstelle in Ovelgönne täglich mit 20 bis 40 telefonischen Anfragen zum Thema Gülle konfrontiert. Von den zum Kreislandvolk gehörenden 700 landwirtschaftlichen Betrieben seien circa 500, nämlich die in der Wesermarsch verbreiteten Milchviehbetriebe betroffen, sagt Ostendorf.

„Das ist ein heißes Thema“, untermauert ein Stedinger Landwirt. „Die Nerven liegen blank. Viele Landwirte werden es nicht bis zum Ende der Sperrfrist schaffen“, prophezeit der Praktiker. Was diese Berufskollegen dann machen? Das weiß der Stedinger Landwirt auch nicht.

Noterlass zur Ausbringung in Sperrfrist hat einen Haken

Gülle Einige Betriebe lasse ihre ­Gülle von Speditionen in andere Bundesländer fahren.
Bild: top agrar
Die Notrufe gehört haben inzwischen Niedersachsens Agrarministerin Barbara ­Otte-Kinast und Umweltminister Olaf Lies. Die beiden Minister haben mit einem Erlass an die Wasserbehörden sowie die Düngebehörde reagiert. Danach ist in einem akuten Notfall das Ausbringen von Gülle auch in der Sperrfrist zu dulden, um größeren Schaden zu verhindern. Zu den größeren Schäden zählt er einen möglichen Eintrag ins Grundwasser, in Oberflächengewässer oder in die Kanalisation.

Der Geschäftsführer des Kreislandvolkverbands Wesermarsch betont aller­dings, dass Bauern die Karte „Ausnahmeregelung“ nur dann ziehen könnten, wenn der Untergrund mitspiele. „Das hängst stark von der Witterung im Januar ab. Wenn wir keine Frostperiode kriegen, dürfen die Bauern nicht fahren. Bei einer dicken Schneedecke ebenso wenig.“

Die Notfall-Maßnahmen dürfen nur nach einzelbetrieblicher Abstimmung mit den Wasserbehörden und der Düngebehörde und unter strengen Auflagen erfolgen. So sind Trinkwassergewinnungs- und Überschwemmungsgebiete ausgenommen. Auch legt der Erlass eine Höchstmenge fest. Es dürfen maximal zehn Kubikmeter Wirtschaftsdünger pro Hektar ausgebracht werden. Während des Ausbringens müssen die Landwirte darauf achten, einen Mindestabstand von zehn Metern zu Gewässern einzuhalten, fasst der Weser-Kurier die Vorschriften zusammen.

Um eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten, müssen die Betriebe nachweisen, dass sie alle Alternativen wie die Lagerung der Gülle in Nachbarbetrieben oder die Aufnahme bei einer Güllebörse sowie durch Biogasanlagen geprüft haben, verfügt Ministerin Otte-Kinast. Manfred Ostendorf berichtet sogar von Betrieben, die ihre ­Gülle von Speditionen in andere Bundesländer fahren ließen. Lange werde aber auch ­diese Alternative nicht mehr anwendbar sein, sagt Ostendorf. „Es herrscht überall Not.“

Güllelagunen als letzte Rettung

Einige Höfe besäßen die Voraussetzung, Gülle zu separieren, erzählt der Kreislandvolk-Geschäftsführer. Sollten alle Güllelager der Region gefüllt und der Boden immer noch zu weich sein, stelle der Bau von provisorischen Güllelagunen eine Möglichkeit dar, Havarien zu verhindern, erläuterten Barbara Otte-Kinast und Olaf Lies in ihrer Presse-Erklärung weiter.

Der Landvolkverband Wesermarsch hat mit dem Landkreis bereits vereinbart, dass ­betroffene Betriebe derartige provisorische Erdbecken anlegen dürfen. Die Becken würden mit ­Folie abgedichtet werden. Manfred Ostendorf rechnet mit Kosten in Höhe von 2000 bis 3000 Euro pro Güllelagune, die auf die Landwirte zukommen. „Aber welche Alternative haben die Bauern?“, fragt er sich resigniert.

Die Zukunft jedenfalls soll anders aussehen. „Wir fordern von allen Betrieben, die von dieser Extremsituation betroffen sind, die künftige betriebliche Planung entsprechend anzupassen, indem das Lagerraumkonzept für Wirtschaftsdünger überprüft wird und notfalls entsprechende Maßnahmen wie die Erweiterung des Güllelagerraums ergriffen werden“, stellt Niedersachsens Agrarministerin klar.

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8 Leserkommentare Kommentieren

  1. von Frank Groenewold · 1.

    Warum beim Landvolk anrufen die helfen einen sowie nicht

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  2. von Alfons Hümmer · 2.

    Wenn die Güllebehälter überlaufen ist dies oft dadurch gedingt, dass die Behälter nach oben offen sind. Jeder kann ausrechnen, wieviel zusätzliches Regenwasser dann in den Behälter fließt. Bei einem Behälter mit 30 m Durchmesser sind dies je mm Niederschlag 0,7 cbm. Dann muss nur noch die Regenmenge aus den Siloanlagen für Mais- und Grassilage dazukommen. Wenn dann noch kein Wasser verdunsten kann, muss man sich nicht wundern, wenn die Behälter überlaufen.

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  3. von Hermann Freese · 3.

    Herr Stroemer, das Ausbringen bei Dauerfrost ist nicht zu verantworten. Wenn wir nicht wissen, welches Wetter in der Auftauphase ist, sollten wir keine Gülle fahren (dürfen wir ja auch nicht mehr), um Eintragung in Gewässer zu verhindern. Wir können meiner Meinung nach glücklich sein, dass wir fahren dürfen, obwohl der Boden an dem Tag nur antaut; bzw. hoffen, dass es noch möglichst lange so bleibt..

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  4. von Hermann Stroemer · 4.
    Die Sperrfristen

    in Kombination mit den restriktiven Vorgaben bei Frost, führen auf den oft "frühjahrsnassen" Marschstandorten zu einer Verschiebung der Gülleausbringung in die Sommermonate. Das führt zwangsläufig zu schlechterer Effizienz, die wir ja angeblich mit Einführung der neuen Düngegesetzgebung verbessern müssen...

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  5. von Hermann Freese · 5.

    Die Sperrfristen machen ökologisch und umweltschutztechnisch Sinn. Die gekommene Gülleverordnung nicht in jedem Fall. Wenn sich früher alle an die gute fachliche Praxis gehalten hätten, wäre das Ordnungsrecht uns betreffend wohl schmaler. Leider "mussten" manche Berufskollegen im Nov/Dez/Jan ihre Gülle in großen Mengen auf die Hauskoppel fahren.. auch bei Dauerfrost. Wir Landwirte können die Natur nicht biegen. Wir sollten aber auch nicht erwarten, dass die Politik uns in einem solchem Fall helfen kann. Die Politiker haben weder das schlechte Wetter heraufbeschworen, noch können Sie Gülle wegzaubern. Güllelagerkapazitäten sind der einzige Weg bei sinnvoller Nutzung von Gülle als Wirtschaftsdünger unter meteorologischen, ökologischen und ökonomischen Aspekten!

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  6. von Werner Fock · 6.

    9 Monate Lagerraum verpflichtend einführen und fertig sind wir mit dem Problem.

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  7. von Wilhelm Gebken · 7.
    Zitat: "Die Zukunft jedenfalls soll anders aussehen"

    Jawohl! Es wird ein Gesetz geben, gemäß dem Petrus bei der noch zu schaffenden zuständigen Behörde einen Antrag stellen muss, wenn er zukünftig das Wetter "in für Verwaltungsbeamte nicht vorhersehbarer Weise" ändern will. Mit der Wetteränderung darf er erst nach Genehmigung durch die o. a. neue Fachbehörde beginnen, sonst droht ihm ein Bußgeld. Näheres regelt eine Bundesverordnung. Die Details sind in Ländererlassen zu regeln.

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  8. von Wilhelm Grimm · 8.
    Starre Regeln und Vorschriften passen nicht zur Natur,

    denn die Natur ist immer im Wandel und nicht vorhersehbar.

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