Habeck: „Bauernverband und Regierung schuld am Höfesterben!“

Robert Habeck
Bild: Archiv

Die Bauern machen nach Ansicht von Schleswig-Holsteins Agrarminister Robert Habeck gar nichts falsch. „Sie machen exakt das, was die Vertreter der Bauernschaft immer wieder propagiert haben: Preisgünstig hochwertige Lebensmittel zu produzieren. Aber wohin das für die Bauern führt, sehen wir jetzt. Ihnen steht das Wasser bis zum Hals. Die Lage ist für viele existenzbedrohend.“

Wie der Grünen-Politiker im Interview mit der WELT erklärte, hängt der Bauernverband immer noch an der alten Strategie nach dem Zweiten Weltkrieg, möglichst große Mengen Nahrung zu möglichst günstigen Preisen zu produzieren. „ Der Liter Milch ist heute günstiger als zu meiner Kindheit in den 70er-Jahren. Je niedriger die Preise für Nahrungsmittel sind, umso größer wird der Wohlstand in anderen Bereichen: Bildung und Gesundheit zum Beispiel. Die Menschen können sich Autos und Urlaub leisten. Wir haben also einen großen Teil unseres Wohlstands den Bauern zu verdanken. Aber das dreht sich jetzt gegen die Bauern selbst. Ihr betriebswirtschaftliches Vermögen wird vernichtet. Milchbauern machen derzeit mit jedem Liter Milch, den sie melken, Miese.“

Habeck frage sich aber nun, warum sich die Bauern nicht dagegen wehren. Die Lage sei so dramatisch, dass fast täglich Landwirte und Landwirtinnen aufgeben. Wenn das Höfesterben in diesem Tempo weitergeht, werden in fünf Jahren allein in Schleswig-Holstein die Hälfte der Milchbauern verschwunden sein. In anderen Bundesländern sieht es ähnlich aus.

Als Verantwortliche für die Krise macht der Minister Bundesregierung und Bauernverband verantwortlich. Diese hätten über Jahre auf eine Agrarpolitik gesetzt, die nur Mengenwachstum kennt. „Sie sagen immer noch, dass es sich jetzt nur um einen notwendigen Anpassungsprozess nach Ende der Milchquote handelt, den die Bauern überstehen müssen. Ansonsten halten sie am alten System fest: ,Wachse oder weiche.' Wenn ich aber mit Landwirten spreche, nehme ich viele Zweifel daran und viel Nachdenklichkeit wahr. Viele sehen, dass alternative Antworten gebraucht werden. Das sollten die Landwirte an ihre Verbandsvertreter weitertragen, damit die sich für eine andere Agrarpolitik einsetzen.“

Auf die Feststellung der WELT, dass es doch die grüne Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast war, die den Bauern mehr unternehmerische Freiheit geben wollte, sagte Habeck, dass mehr Markt und unternehmerische Freiheit im Grundsatz richtig seien. „Aber wo ist sie denn? Der Markt hat sich für die Bauern sehr verengt. Sie mussten sich spezialisieren und sind damit sehr viel abhängiger von Marktschwankungen geworden. Und was die Milchbauern betrifft: Da gibt es momentan keinen funktionierenden Markt. Faktisch sind sie geknebelt“, so Habeck weiter.

Dass der Milchmarkt nicht funktioniert, hat seiner Meinung nach systemische Gründe: Landwirte hätten eine sogenannte Andienungspflicht. Sie müssten ihre gesamte Milch bei den Meiereien abliefern. Und die Meiereien hätten im Gegenzug eine Abnahmepflicht. „Die Bauern werden ihre Milch also auf jeden Fall los, egal wie viel sie produzieren und wie hoch die Nachfrage ist. Wenn die Preise wie jetzt niedrig sind, melken viele umso mehr, in der Hoffnung, wenigstens etwas mehr von dem wenigen zu verdienen. Das macht aber die Lage nur noch schlimmer: Je mehr Milch auf dem Markt ist, desto tiefer fällt der Preis.“

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20 Leserkommentare Kommentieren

  1. von Paul Siewecke · 1.
    Und wieder mal bewahrheitet sich das alte Sprichwort:

    Das Pferd, das den Hafer verdient, bekommt ihn nicht (oder: selten)!!!

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  2. von Reiner Matthes · 2.
    wenn die Grünen so weiter machen geht das Bauernsterben in Deutschland noch schneller

    Grüne und Möchtegrüne Ideologen überziehen die Deutschen Bauern mit immer mehr Gesetzen, Verordnungen, Bauverboten, etc.. Das schafft Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, aber leider nur außerhalb Deutschlands. Warum kommt wohl soviel Bio aus dem Ausland ?

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  3. von Doris Peitinger · 3.
    Wie wollen wir in Deutschland noch Tiere halten - als unabhängige Bauern???

    Wie üblich kommt von einigen Kommentatoren nichts zum Inhalt, sondern nur Anti-Grünen Geplänkel, um von der Realität abzulenken. Wie sieht denn die Ist-Situation unter Führung einer CDU/CSU/SPD Regierung und einem Bundeslandwirtschaftsminister aus der CSU aus? Miese Preise, die wachsende Verschuldung, Probleme in den Familien und ein Bauernsterben sondergleichen hervorbringen. Sowie absolut ungleich verteilte Subventionen - die Auswüchse einer Agrarpoltik, die nicht für, sondern gegen die Bauern gestaltet wird.. Und Auflagen, die auf dem Mist des Bauernverbandes gewachsen sind. Hier stellt sich tatsächlich die Frage, wie wir in Deutschland noch Tiere halten wollen. Als unabhängige, unverschuldete Bauern auf eigenem Land! Anstatt Ablenkungsmanövern ( "Die anderen sind ja so Böse" ) muss den angeblichen Bauernparteien mit C vorne mal ordenlich auf die Füße gestiegen werden, damit sie endlich eine Poltik für die Bauern gestalten, anstatt sie nur zu bauchpinseln, wenn es mal wieder in den Kram paßt!

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  4. von Volker Hahn · 4.
    In welcher Ausgabe der WELT war das zu lesen?

    Das würde mich interessieren

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  5. von Thorsten Schäfer · 5.
    Robert Habeck: "Tier töten ist out"

    Na dann können die klatschenden Robert Freunde ja mal erklären, wie wir in Deutschland Tiere halten möchten. Billige Wanderpredigerstories kann jeder verbreiten und Robert ist ein guter Wanderprediger. Wenn sich hier Tierhalter für Habeck aussprechen, dann wundert sich der Klardenkende doch erheblich.

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  6. von Willy Toft · 6.
    Ethik und Moral sehe ich ....

    überhaupt nicht mehr beim Handel. Im Gegenteil der Handel hat bisher die Landwirtschaftliche Schelte der Grünen bei den Preisverhandlungen mit als Druckmittel gebraucht. Das es jetzt Herrn Habeck leid tut ehrt ihm ein wenig. Nur Anton Hofreiter macht uneinsichtig weiter. Es wäre schon ein Erfolg, wenn die Grünen endlich einsehen, das, wenn sie so weitermachen, die Nahrungsmittel aus Anderswo herkommen, und sich der hiesigen Überprüfung entziehen. Noch was, die Bauern untereinander aufzumischen, indem behauptet wird, dass ein ein Großbetrieb kleinere Stückkosten hat, stimmt so nicht ganz, denn die Unterschiede sind minimal. Der "Große" hat noch ganz andere Risiken, und er muss immer gutes Personal haben.Also nicht gegeneinander schießen, wir kochen alle nur mit Wasser!

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  7. von Steven Herman · 7.
    haben die grünen angst vor den neuen Wahlen

    Bald ist Bundestag wahl (2017) vielleicht bekomme man noch ein paar Wähler stimmen von den Landwirte. Ändern tun die eh nix nur zeit tot schlagen.

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  8. von Hermann Hollerbach · 8.
    Eu Gelder

    gerecht verteilen?? das gab es in der BRD noch nie... Wir sind ein Industriestaat nicht zu vergleichen mit Frankreich oder Österreich wo die Bauernschaft noch ein sehr hohen Stellenwert hat, ja alles richtig Herr Habeck bravo nur ändern können Sie dieses System leider nicht

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  9. von Dirk Heinemann · 9.
    Philosophie

    Na dann schaffen wir mal die Nutztiere ab, dann sind diese Probleme garantiert gelöst.Na Ja es kommen Andere.Keine Rinder, Schafe,Ziegen,Wasserbüffel,Pferde,Alpaka,Wild,Schweine,Strauße,Kaninchen.Was machen wir dann mit dem Grünland den Almen Wiesen und Weiden? Kein Fleisch und keine Milch mehr auch für Säuglingsnahrung und Artzneimittel und vieles mehr, kein Leder und Schurwolle für Kleidung Schuhe Socken Hosen Jacken,Mützen, Taschen, Ledermöbel Pkwsitze und vieles mehr.Syntetik? Keine Hühner(Eier),Hänchen,Gänse,Enten,Puten,für unser Essen,Keine Eier zum Frühstück,und als wichtiger Zusatzstoff für Nudeln, Gebäck,Kuchen,Pizzen,Braten Majonaise,Shampoo und,und,vieles mehr. Und oh kein lecker Fisch. Na die Liste könnte man noch gewaltig verlängern. Oh man Habeck ! Junge Junge ! (Minister für Landwirtschaft und ländlichen Raum und Umwelt) !!!

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  10. von Detmar Kleensang · 10.
    Um die Wahrheit zu sagen braucht man keinen Doktortitel

    Und hier hat Habeck vollumfänglich Recht und die ganze Wahrheit klar ausgesprochen! Über Mittel und Wege zur Verbesserung lässt sich streiten. Aber immerhin hat er die Probleme deutlich benannt!

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  11. von Otto Müller · 11.
    Doktortitel abgeben

    Für diesen nachweislich unwissenschaftlichen Quatsch muss Habeck sofort den Doktortitel abgeben! Oh, Entschuldigung, er hat den Dr. gar nicht in Wirtschaft gemacht sondern in Philosophie. Dann darf er den Dr. behalten. Ganz toller Philosoph, dieser Dr. Habeck.

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  12. von Georg Geers-Lünnemann · 12.
    die Gründen sind miterverantwortlich

    Euer die preismiesere. Aufgrund der auflagenflut haben viele Landwirte doch weitaus mehr in staelle investiert als sie eigentlich wollten. Doch wenn genehmigungen immer schwieriger werden und die Auflagen immer vorher muss man halt groesser bauen. Und jetzt haben wir die ueberproduktion....

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  13. von Bernd Lohse · 13.
    Unser Herr Habeck

    meint es gut mit den Bauern, nur irgendetwas gutes zu gunsten der Bauern umsetzen, das hat er noch nicht geschafft !

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  14. von Doris Peitinger · 14.
    Herr Habeck hat absolut recht

    Die Bauern haben viel zu lange in einer Traumwelt gelebt, in dem sie sich einreden haben lassen, dass der Bauernverband und die C-Parteien schon um sie kümmern, wenn sie nur genügend produzieren. Die Realität sieht gänzlich anders aus. Was allerdings kein Wunder ist, bei einem Verband, der von Bürokraten(!) für billige Lebensmittel eingesetzt wurde und Parteien, die am gleichen Strang ziehen und denen "Brot und Spiele" wesentlich mehr wert sind, als die Bauern und ihr Eigentum. Was sind denn dies für Unternehmer, denen die Gestaltung ihres eigenen Marktes verwehrt wird? Die von jeglichen marktwirtschaftlichen Grundsätzen ( Abstimmung des Angebots auf die Nachfrage ) abgekoppelt werden sollen, damit die Preismisere ja noch recht lange andauert?! In diesem Zusammenhang ist es kein Wunder ( aber eine der Unverschämtheiten, die man sich anscheinend gegenüber den Bauern ganz selbstverständlich leisten kann ), wenn diese angebliche Berufsvertretung mit dem Spruch "Wachsen oder Weichen" auch noch hausieren geht - während jeglichen anderen existierenden Berufsvertretungen die Anzahl ihrer Mitglieder und deren Einkommen als wichtigster Handlungspunkt gilt: Die einen sollen aufhören, während die anderen Wachsen - und zwar in immer größere Abhänigkeit zu Banken - letztendlich reiben sich die Investoren die Hände! Nicht zu vergessen die Ablenkungsmanöver, dass ja andere dauernd irgendwelche Auflagen schaffen - und man selbst QM, QS und ähnliche "Späßchen" geschaffen hat, die dem Bauer keinen Cent mehr einbringen! So kann es tatsächlich nicht mehr weitergehen!

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  15. von Rita Kienberger · 15.
    Wow,ist der gut!

    Er hat die Situation genau beschrieben.Es ist auch ein gesellschaftspolitisches Problem und die Verbraucher haben wir auf unserer Seite.Das "Neue" wird das "Alte" überholen - und es ist gut so.

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  16. von Klaus Müller · 16.
    Ökonomische Gesetze

    Wachsen oder Weichen. Das haben sich weder Bauernverband noch Politiker noch irgendwelche bösen Kapitalisten ausgedacht. Es ist ein ökonomisches Gesetz! Das lässt sich auch nicht von Schriftstellern wie Habeck aushebeln. Wohl sind aber Leute wie Habeck dafür verantwortlich, dass sich unsere Rahmenbedingungen weiter verschlechtert haben.

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  17. von Ludger Gerding · 17.
    Den dritten Verantwortlichen

    fürs Höfesterben hat er aber vergessen; seine Grüne Partei mit ihren übertriebenen Umwelt- und Tierschutzauflagen und auch weiterhin Forderungen. Nur die Toten sind begraben und vergessen, im Moment kümmert er sich um die Sterbenden. Mein Vorschlag an eien Politiker und Minister wäre die Zerschlagung der Oligopole im Lebensmitteleinzelhandel. Wenn jeder Discounter nur 10 Filialen haben dürft, hätten wir diese Probleme auf der Erzeugerseite nicht. (Leider Satire)

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  18. von Georg Herz · 18.

    Heute heißt es "Vielen Dank Herr Habeck" und wo sind die gestrigen, hier veröffentlichten Aussagen dieses Herrn über die Tötung von Nutztieren? @ TopAgrar??

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  19. von Alfred Gmelch · 19.
    Dem ist nichts hinzuzufügen. Herr Minister Robert Habeck schreibt KLARTEXT

    Endlich getrauen sich vermehrt politisch Verantwortliche Klartext zu reden oder zu schreiben. Vielen Dank Herr Habeck für Ihre klare und weit reichende Analyse. Endlich bekennen sich Politiker, dass wir eine andere Politik nötig haben und räumen ein, dass sowohl die Bundesregierung als auch der BV über Jahre hinweg aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. Auch Landwirtschaftsminister Helmut Brunner aus Bayern und viele weitere Länderagrarminister sehen das schreckliche Dilemma das sich derzeit vor allem in der Milcherzeugung bei den Milchbauern abspielt und bekennen sich dazu, schnell etwas zu ändern. Der einstimmig gefasste Beschluss der letzten Agrarministerkonferenz in Göhren-Lebbin ist ein deutliches Zeichen, dass es eine Umkehr geben muss. Dabei sollten wir Bauern auch Einfluss nehmen auf unsere Vertreter im Bauernverband, wie es Herr Habeck auch beschreibt und sie auffordern zum Bekenntnis zu den Beschlüssen der AMK. Es kann nicht sein, dass man hier von Seiten des VB von Populismus spricht, wenn täglich viele Milchbauern ihre Tore wegen Mangel an langfristiger Liquidität schließen. Dagegen kann sich der BV nicht mehr stellen. Er muss endlich sich auf die Seite der gebeutelten Bauern stellen und nicht in die gleiche Kerbe hauen wie der MIV. Der MIV ist sicherlich ein bedeutendes und sicher auch ein sehr zahlungskräftiges Mitglied für den BV, aber jetzt geht es um die Interessen der Milchbauern und nicht um die Interessen der Milchindustrie und des Handels. Dieser Verantwortung muss sich der BV absolut und sehr schnell bewusst werden. Es schimpft sich ja schließlich: BAUERNVERBAND. Liebe Milchbauern, die Lage ist zwar sehr dramatisch, wir befinden uns auch in einer so genannten Verzweiflungsstarre und sind nicht daneben ebenfalls sehr frustriert, dennoch müssen wir uns alle gemeinsam wehren, ob wir nun BDM Mitglied sind oder aber Mitglied im BV. Jetzt wo die Katze aus dem Sack gelassen wurde und eingeräumt wird, dass wir tatsächlich ein gewaltiges Mengenproblem haben, müssen wir alle gemeinsam alles erdenklich Machbare unternehmen und den Funktionären im BV und der Politik (auch den roten und schwarzen) Dampf machen, dass sich was ändert. Jetzt sollte mal darüber nachgedacht werden, ob die unsäglichen Vorschläge des BDM und EMB doch nicht so schlecht seien, wie immer wieder von allen möglichen Seiten angeprangert wird. Jetzt muss es an die Umsetzung gehen und das sehr schnell.

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  20. von Michael Ruscher · 20.
    Es ist eine Diskussionsgrundlage

    Richtig ist, dass wir Milchbauern null Verhandlungsmacht zum Milchpreis haben. Es ist richtig,dass das System geändert werden muß, Es ist aber falsch unsere Krise als Verteilungsproblem zu sehen. Es trifft in der gegenwärtigen Krise alle. Die sinnlose Diskussion um Groß und Klein schränkt die Diskussion um einen tragfähigen Weg zur Lösung der Milchkrise ein.

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