Interview mit Dr. Andreas Hensel (BfR): Glyphosat wohl unbedenklich!

Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risiko
bewertung

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält Glyphosat für gesundheitlich unbedenklich. Einige Medien und die Grünen werfen der Behörde deshalb vor, unseriös zu arbeiten.Dagegen wehrt sich BfR-Präsident Prof. Dr. Andreas Hensel.

top agrar: Wie viele Studien haben Sie ausgewertet, um das gesundheitliche Risiko von Glyphosat zu bewerten?
Hensel: Das BfR hat neben den von den Antragstellern vorzulegenden Originalstudien alle verfügbaren Studien und weitere Quellen in seine wissenschaftlichen Bewertungen einbezogen. Insgesamt waren das mehr als 1 000 Studien, Dokumente und Veröffentlichungen. Dass uns in diesem Zusammenhang von einigen Medien und Politikern mangelnde wissenschaftliche Sorgfaltspflicht vorgeworfen wird, finde ich kritisch. Das BfR ist eine unabhängige, unparteiliche Instanz, die jährlich über 3 000 Stellungnahmen über mögliche gesundheitliche Risiken erstellt. Dabei beziehen wir alle verfügbaren wissenschaftlichen Studien und Debatten ein. Dies ist nicht nur unser gesetzlicher Auftrag, sondern auch unser wissenschaftlicher Anspruch. Ob wir eine Quelle berücksichtigen oder nicht, hängt nur von deren wissenschaftlicher Qualität und der Zuverlässigkeit der Daten ab.

top agrar: Berücksichtigen Sie nur Studien von unabhängigen Forschungseinrichtungen?
Hensel: Das EU-Recht schreibt vor, dass der Antragsteller die toxikologischen Studien für den beantragten Wirkstoff durchführen und bezahlen muss. Das ist in allen Zulassungsverfahren so, z. B. auch bei Arzneimitteln. Der Hersteller ist für die Unbedenklichkeit der Produkte verantwortlich und muss dies nachweisen. Die Studien sind nach international harmonisierten OECD-Leitlinien und nach EU-Recht auszuführen. Wir können nur Studien­ergebnisse berücksichtigen, deren wissenschaftliche Qualität und Schlüssigkeit gegeben ist. Mögliche Interessen der Auftraggeber, der Politik oder anderer Gruppen dürfen bei der Bewertung keine Rolle spielen.

top agrar:Die „Süddeutsche Zeitung“ wirft Ihnen vor, auch Leserbriefe als wissenschaftliche Studien einzuordnen. Stimmt das?
Hensel: Nein, das ist ein absurder Vorwurf und zeugt von einem fehlenden Verständnis wissenschaftlicher Diskussionen. Richtig ist, dass das BfR auch „Letters to the editor“ (Anm. d. Red: Briefe an den Herausgeber) einbezieht, um wissenschaftlich kontroverse Diskussionen über Glyphosat vollständig abzubilden. Dies war für die Gesamtbewertung aber nicht entscheidend. „Letters to the Editor“ sind auch keine Leserbriefe, wie Sie sie aus Zeitungen und Magazinen kennen, sondern wissenschaftliche Kommentare oder Kurzberichte in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Diese werden erst nach fachlicher Prüfung abgedruckt und sind deshalb auch wissenschaftlich zitierfähig. Für mich wäre es eine grobe Pflichtverletzung, wenn das BfR solche Fachkommentare verschweigen würde.

top agrar: Kommen diese „Letters to the Editor“ auch von Mitarbeitern eines Glyphosat-Herstellers oder aus dessen Umfeld?
Hensel: Bei der Bewertung des Krebsrisikos von Glyphosat haben wir insgesamt 92 Quellen berücksichtigt. Dazu gehörten unter anderem 11 gesetzlich geforderte Originalstudien der Antragsteller, 49 Veröffentlichungen in anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften sowie 15 „Letters to the Editor“, davon 13 von Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie zwei unmittelbar von der Industrie.

top agrar: Warum wurde Glyphosat neu bewertet?
Hensel: Auch dieser Wirkstoff wird turnusmäßig auf seine Risiken für Gesundheit und Umwelt sowie auf seine Wirksamkeit neu bewertet. Bei Glyphosat ist Deutschland der Berichterstatter – genauer gesagt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Das BfR hat dabei die gesundheitlichen Risiken von Glyphosat bewertet und das Ergebnis dem BVL zugestellt. Das BVL hat unsere Stellungnahme zusammen mit den Bewertungen des Umweltbundesamts (Umweltwirkungen) und des Julius Kühn-Instituts (Wirksamkeit und Bienengefährlichkeit) an die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) weitergeleitet.

top agrar: Zu welchem Ergebnis kommen Sie?
Hensel: Nach derzeitiger wissenschaftlicher Kenntnis ist bei bestimmungsgemäßer und sachgerechter Anwendung von Glyphosat kein krebserregendes 
Risiko für den Menschen zu erwarten.

top agrar: Warum kommt die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), die zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehört, zum gegenteiligen Ergebnis?
Hensel: Innerhalb der WHO ist man offensichtlich nicht einer Meinung. Im Gegensatz zum IARC kommt das „Joint Meeting on Pesticide Residues“, eine gemeinsame Arbeitsgruppe von FAO und WHO, zu dem Schluss, dass nach derzeitiger Datenlage kein Krebsrisiko für den Menschen besteht. Das sehen auch alle anderen zuständigen nationalen und europäischen Institu­tionen so. Es gibt weltweit keine einzige Fachbehörde, die die Einschätzung des IARC teilt. Die WHO ist dabei, die Gründe für die unterschiedliche Bewertung intern zu klären.

top agrar: Ende 2015 läuft die Zulassung von Glyphosat aus. Wie geht es jetzt weiter?
Hensel: Aktuell prüfen wir die gerade vorgelegte Studie des IARC. Diese Bewertung geht an die EFSA, die dann der EU-Kommission ihren Bericht und ihre Schlussfolgerung vorlegt. Anschließend entscheidet die Kommission über eine erneute Genehmigung von Glyphosat.

top agrar: Spricht aus Ihrer Sicht etwas dagegen?
Hensel: Nach derzeitiger wissenschaftlicher Kenntnis sind bei bestimmungsgemäßer und sachgerechter 
Anwendung von Glyphosat keine schädlichen Auswirkungen für die menschliche Gesundheit anzunehmen. Über die Genehmigung entscheidet aber die EU-Kommission in Abstimmung mit den Mitgliedsstaaten.    


Lesen Sie mehr

18 Leserkommentare Kommentieren

  1. von fsieweke · 1.
    Glyphosat ist nicht nötig, wenn:

    die Bodenbearbeitung fachgerecht durchgeführt wird, Fruchtfolgen optimiert sind, beim Saatgut auf Sauberkeit geachtet wird und der Lohndrescher nur mit sauberer Maschine aufs Feld gelassen wird. Und leider sind die beiden Letztgenannten (Drescher und Saatgut) mit die größten Unkrautverbreiter...

    Das meinen unsere Leser:
  2. von toddelg · 2.
    Argentinien unterliegt

    nicht den deutschen Gesetzen und dort gibt es kaum eine solche fachliche Anwendung wie in Deutschland. Aber auch dort konnte zum Glyphosat nichts negatives ermittelt werden. Das gewisse Gruppierungen samt einiger Medien die öffentliche Aufarbeitung der dortigen Situation stur ignoriert spricht nicht für diese. In Argentinien wurden jedenfalls andere Schlüsse gezogen und Abstandsregelungen zu Siedlungen und Häusern für die Agrarflieger eingeführt und das bedenkliche Endosulfan wird verboten. Etwas mehr Sachlichkeit und vor allem Ehrlichkeit würde den Glypho-Gegnern gut zu Gesicht stehen aber denen geht es ja gar nicht um Glyphosat, sondern um ganz andere Dinge.

    Das meinen unsere Leser:
  3. von jobelego · 3.
    Vielen Dank an Herrn Brüggemann

    Vielen Dank für dieses Interview, das wichtige Positionen des BfR erfragt und somit dokumentiert. Das könnte noch einmal nützlich werden, wenn sich die Risiko-Analyse von BfR-Kritkern als polemischer Wahlkampf-bullshit erwiesen hat..

    Das meinen unsere Leser:
  4. von eniemann · 4.
    Vielen Dank an Herrn Brüggemann

    Vielen Dank für dieses Interview, das wichtige Positionen des BfR erfragt und somit dokumentiert. Das könnte noch einmal nützlich werden, wenn sich die Risiko-Analyse von BfR-Kritkern bewahrheitet...

    Das meinen unsere Leser:
  5. von jobelego · 5.
    @TA

    Ich finde es ungeheuerlich, dass hier solche Verunglimpfungen und böswillige Verächtlichmachungen wie durch Frau Peitinger stehen bleiben dürfen. Gehts noch?

    Das meinen unsere Leser:
  6. von vario0_3 · 6.
    Das Wasserwerk Ulm Langenau

    hat extra das teuerste, zuverlässigste und beste Gerät zum bestimmen von Roundup/Glyphosat angeschafft. Die finden in dem Wasser zu ihrem Erstaunen nicht mal Spuren.

    Das meinen unsere Leser:
  7. von schorse77 · 7.
    Eddi hat es erfasst

    Man kann nun Südamerika auf keinen Fall mit Europa und besonders Deutschland vergleichen. Und welche Instanz soll es überhaupt beurteilen von nicht das BfR!? DEie Grünen und denen hahestehenden Vereine sollten bei solchen sensiblen Themen mal bitte die Klappe halten! Dieses Spielen mit den Ängsten der Verbraucher ist ja widerlich!

    Das meinen unsere Leser:
  8. von filou · 8.
    Welche Alternativen gibt es zum Glyphosat ?

    Ich behaupte mal das alle anderen Herbizide schon wegen ihrer Aufwandmenge/Einsatzhäufigkeit/Resistenzen oder ihrer Umwelt und Grundwasserverträglichkeit ,problematischer bzw.giftiger sind. Die Mechanische Unkrautbekämpfung funktioniert ,besonders bei Wurzelunkräutern,vielleicht nur zu 60% und bringt Nachteile für den Boden mit sich. Wir können es ja mal wieder mit viel "Man power" versuchen....Alle "Bio Gutmenschen" QS,Cross Compliance und sonstige Kontrolleure raus mit der Hacke auf den Acker ... Abgesehen davon gehört das Herbizid nicht auf befestigten Wegen von denen es mit dem Regenwasser direkt in die Abwässer gespült werden kann ! Auch nicht auf Bahngeleise..

    Das meinen unsere Leser:
  9. von eddi9964 · 9.
    Argentinien - Deutschland

    Es geht bei der Bewertung durch das BfR meiner Meinung nach in erster Linie um den Einsatz von Glyphosat in Deutschland. Hier wird auf ldw. Nutzflächen mit völlig anderen Aufwandmengen und anderer Applikationstechnik und -genauigkeit Glyphosat ausgebracht als in Argentinien. Wird hier mit Flugzeugen über den Köpfen der Anwohner hinweg Glyphosat ausgebracht ? Wenn man so argumentiert wie z.B. Frau Peitinger, kann man gleich jegliche wissenschaftliche Arbeit bleiben lassen. Sind denn alle Institute bzw. Wissenschaftler die der Meinung der Grünen und der großen NGO`s nahe stehen grundsätzlich glaubhafter/besser/ehrlicher? Es wäre eher wünschenswert, wenn auch über andere Stoffe, die im Trinkwasser in z.T. höheren Dosierungen gefunden werden mit solcher Intensität diskutiert und ähnliche Maßstäbe angelegt würden (z.B. Hormone aus der Humanmedizin, Kontrastmittel, Schmerzmittel etc.). Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der folgende Artikel: http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/0002037 . Ich weiß leider nicht, von welchem Konzern der Autor dieses Artikels gekauft wurde oder ob es sich tatsächlich um eine objektive Widergabe des derzeitigen Sachstandes handelt.

    Das meinen unsere Leser:
  10. von Balkensepp · 10.
    Es müssen unabhängige Studien geprüft werden!

    Das BfR kann noch so viele Studien überprüfen und auswerten und wird wohl immer zum selben Ergebnis kommen solange keine unabhängigen Studien darunter sind! Die zweite Frage von TopAgrar und die darauf folgende Antwort sollte doch sehr zu denken geben und macht meiner Meinung nach die Objektivität dieser ganzen Auswertung komplett zu nichte! Herr Dr. Andreas Hensel gibt ja selber zu, dass die eingereichten Studien von den Antragstellern selber durchgeführt und bezahlt werden. Glaubt wirklich jemand, dass die Antragsteller Studien einreichen, welche eine negative Bewertung beinhalten? Sicher nicht. Diese Studie würde umgehend in den Müll geworfen werden und eine neue Studie in Auftrag gegeben, wobei dann die Versuchsfrage, Versuchsbedingungen, die Prüfglieder usw. solange verändert werden bis -Oh Wunder- auf einmal ein positives Ergebnis herauskommt. Und, dass doch mal ein negatives Ergebnis einer Studie ans Licht kommt ist extrem unwahrscheinlich, weil jeder Auftraggeber solcher Studien eine Verschwiegenheitsklausel in den Vertrag setzt, welche besagt, dass der Versuchsfdurchführer erst nach ausdrücklicher Zustimmung des Auftragsgebers das Ergebnis veröffentlicht werden darf. Mit allem Respekt vor Herrn Hensel, der sich ja an diese EU-Richtlinien halten muss, aber der Fehler liegt hier im System. Ich würde rein gar nichts auf diese Beurteilung vom BfR geben! MfG

    Das meinen unsere Leser:
  11. von rita#001 · 11.
    Wirtschaftsinteressen sind wichtiger??

    Gewisse Posten werden bestimmt nicht an jeden Wissenschaftler vergeben! So blauäugig sind wir inzwischen nicht mehr.Wer die Bilder von Argentinien gesehen hat,kann sich mit gesunden Menschenverstand selbst ein Bild machen.

    Das meinen unsere Leser:
  12. von beernhof · 12.
    Hoffentlich hat der Proffessor recht

    Warum schreibt der Kommentator: "Glyphosat ist WOHL unbedenkllich" und nicht: Glyphosat ist unbedenklich? Warum ist die WHO und die IARC in ihrer Bewertung auf ein mögliches Krebsrisiko unterschiedlicher Ansicht? Man darf gespannt sein, wie die EU Kommission abstimmt. Vielleicht wissen wir in mehreren Jahren mehr, aber dann sind die möglichen und umstrittenen Risiken womöglich zum unangenehmen Fakt geworden. Die Kernkraftnutzung war auch einmal das Allheilmittel einer bequemen und vor allem "billigen" Energienutzung. Heute verfolgen uns die Geister gnadenlos, die man einstmals rief.

    Das meinen unsere Leser:
  13. von Karl Wunder · 13.
    3 Fragen an den Dr. Dr. Dr. Dr.

    Welches sind die drei grössten Finanzies des Instituts....?, Was haben Ihre persönlichen Forschungen und Erkenntnisse der Menschheit gebracht,....? Wie lange könnten Sie ohne Alimentierung von Oben in einem Entwicklungsland überleben....? Mal ehrlich? hoffentlich bekommen Sie jetzt keine Krise.

    Das meinen unsere Leser:
  14. von schlaumeier · 14.
    solche persönlichen Angriffe

    an anerkannte Wissenschaftler sollten gelöscht werden, Frau Peitinger "agumentiert" ehrverletzend und das zeigt eigentlich, dass sie nicht mehr weiter weiß!

    Das meinen unsere Leser:
  15. von neo · 15.

    Sehr geehrte Frau Peitinger, Ihre Wortwahl ist widerlich!

    Das meinen unsere Leser:
  16. von Doris Peitinger · 16.
    Spiel mit Menschenleben

    Bezeichnend, wie das BfR verkrampft versucht, mit seinen 1000 angeblich komplett objektiven geheimen Herstellerstudien samt seinen von der Glyphosate Task Force u.ä. Personen initierten "Letters to the editor" die Öffentlichkeit und die Poltik zu täuschen. Ebenso, wie sämtlliche unliebsame Studien nicht berücksichtigt und die Forscher verunglimpft werden. Auch, wie die Schädigungen an Menschen, wie in Argentinien, entweder verschwiegen oder heruntergespielt werden.Ob es Menschen wie Dr. Hensel eigentlich bewußt ist, dass er mit Menschenleben spielt?

    Das meinen unsere Leser:
  17. von schlaumeier · 17.
    Danke für wissenschaftliche Ehrlichkeit

    aber wahrscheinlich kommen jetzt wieder die Verschwörungstheoretiker und unterstellen dem BfR Parteilichkeit, dem Institut, das von den Grünen selbst zum Schutz der Deutschen gegründet wurde! Die Grünen und ihre Anhänger sollten sich in Grund und Boden schämen und jetzt einfach mal die Klappe halten!

    Das meinen unsere Leser:
  18. von lürade · 18.
    Vielen Dank Herr Brüggemann, für dieses Interview.

    Auch die "Süddeutsche Zeitung" ist danach von den GRÜNEN unterwandert und lügt." Fehlendes Verständnis wissenschaftlicher Disussionen" nennt man das, aber wer liest diese Bewertung? Diese Lüge ist im Umlauf und wird natürlich geglaubt, auch von unseren politischen Entscheidungsträgern. ---------. Die CDU streitet über Schwarz-Grün lese ich heute in der "WELT am SONNTAG". Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier als Freund dieser Koalion auch auf Bundesebene darf vom dortigen Bauernverband nicht länger gehätschelt werden. AUFWACHEN LEUTE !!!

    Das meinen unsere Leser:
Ihre Meinung

Zum Schreiben eines Kommentars loggen Sie sich bitte ein!

Sie sind neu hier?

Als Abonnent kostenlos registrieren