Kunstfleisch: Bauern bald überflüssig?

Anselm Richard Anselm Richard
Bild: www.wochenblatt.com

Das Fleischunternehmen Wesjohann ("Wiesenhof") investiert in ein Jung-Unternehmen, das künstliches Fleisch im großen Stil erzeugen will. Was ist denn davon zu halten? Ein Kommentar von Anselm Richard, Chefredakteur des Wochenblatts für Landwirtschaft und Landleben:

Ausgerechnet Wiesenhof!

Wenn jemand mit Geflügelfleisch groß geworden ist, dann das Unternehmen der Familie Wesjohann, das heute als PHW-Gruppe firmiert. Und jetzt beteiligt sich PHW an einem Betrieb, der Fleisch im Reagenzglas erzeugen will. Wobei Reagenzglas eine falsche Größenordnung suggeriert. Denn es geht zwar um Produktion im Labor, aber nicht um kleine Mengen. Ziel ist es, künstliches Fleisch im großen Stil zu erzeugen.

Ob diese Art der „Züchtung“ von Fleisch so ohne Weiteres gelingen wird, ist zwar fraglich. Denn auch wenn Muskelzellen außerhalb eines Körpers in Bioreaktoren leben und wachsen können, lassen sich Brustfilets oder „Steaks“ nicht herstellen wie Industrieprodukte. Denkbar ist wohl eher eine Art Hackfleischmasse ohne echte Struktur. Aber auch das wäre ein Fanal.

Ein Umbruch deutet sich an

Bemerkenswert ist schon, welche Argumente für das In-vitro-Fleisch ins Feld geführt werden: Weniger Tierleid, weniger Treibhausgase, Wasserersparnis oder – ganz im Ernst – weniger „Landverbrauch“ durch die Agrarwirtschaft.

Völlig ungeklärt ist bisher, woher eigentlich die „Rohstoffe“ für das Laborfleisch kommen sollen. Ganz ohne tierisches Grundmaterial funktioniert das System nämlich nicht. Aber ob Fleischfabriken mit „Organspender“-Tieren beim Verbraucher wirklich besser ankommen als die Tierhaltung in modernen Ställen? Fraglich! Es geht eben nicht ohne die Nutzung lebender Tiere.

Das Verfahren hat überdies sehr viel mit Klonen gemeinsam

DieGentechnikgegner lassen grüßen… Ganz abgesehen davon: Ohne proteinhaltige Nährlösungen und eine Menge Energie gedeiht in den Bioreaktoren auch kein Kunstmuskel. Von nichts kommt nichts!

Wie der Herstellungsprozess genau aussehen soll, ist wohl nur Insidern bekannt. Aber wer Millionen in Forschung investiert und endlich etwas Praxisreifes entwickelt, wird sich das Verfahren patentieren lassen. So werden Strukturen aufgebaut, die den Erfindern ordentliche Renditen sichern und die Konkurrenz klein halten. Patente auf Nahrung. All das spricht gegen Fleisch aus der Retorte. Die Wiesenhof-Vertragslandwirte werden sich deshalb verwundert die Augen reiben.

Wesjohann verbündet sich quasi mit der Konkurrenz

Wenn einer der ganz großen Partner sich „vom Acker macht“ und sich beim Kontrahenten einkauft, was bedeutet das für die Geflügelwirtschaft? Hat der PHW-Chef Peter Wesjohann kein Vertrauen mehr in sein eigenes, jahrzehntelang praktiziertes Geschäftsmodell der integrierten Produktion? Hat er die Landwirtschaft in ihrer heutigen Form schon abgeschrieben? Dann sollte er das klar sagen. Der Einstieg bei „Super­meat“ ist auch ein unüberhörbares Signal an die Bauern. Nur kein gutes.

Mehr zum Thema:

Lesen Sie mehr

8 Leserkommentare Kommentieren

  1. von Klaus Goller · 1.
    2022

    Da gibts einen schönen Science Fiction Klassiker aus 1973 "2022 - für die die überleben wollen" Orginaltitel Soylent grün Da gehts auch um die Rohstoffbeschaffung für Kunstfleisch

    Das meinen unsere Leser:
  2. von Rudolf Rößle · 2.
    Produktion

    auch hier wird es Dinge brauchen, über die nicht geredet wird, weil der Verbraucher sonst den Wissenschaftlern und Wiesenhof den Kopf abreisen wird.

    Das meinen unsere Leser:
  3. von Georg Götz · 3.
    Macht etwa Kunstfleisch den Auslöser vom gehetzten Tierwohlanforderungen ?

    STECKEN etwa solche Wirtschaftinteressen hinter den gehetzten Tierwohlanforderungen von Medien und Politik. Denn wenn ich in einer Zeit von überfüllten Märkten mir Marktanteile schaffen will , muss man das bisherige gut gewesene schlechter stellen.(Mit Argumenten wie: da braucht kein Tier mehr sterben u. leiden, kein Flächenbedarf ,weniger Wasseverbrauch usw.) Um Platz zu machen für für den Laborfleischabsatz. Es soll ja angeblich in 5 Jahren ein Marktanteil von 10 % erreicht werden. Der Verbraucher muss ja irgendwie umgestimmt werden, um den Absatz nach einer Investition der Konzerne zu sichern. Ich denke solche Entwicklungen wirken hier sehr stark im Hintergrund auf Politik ,Medien u. Verbraucher ein, um die Konzerne an ihr Ziel zu bringen. Mfg.

    Das meinen unsere Leser:
  4. von Kirsten Wosnitza · 4.
    Das Thema ist doch nicht neu

    Nur die Landwirte bedienen sich einmal wieder des Prinzips der Hoffnung. Haben sie sich doch allzu gerne in die Abhängigkeit dieser grossen Konzerne begeben und die Vorzüge dieser Verbindung gepriesen. Sobald die Margen in der Kunstfleischerzeugung relativ höher sind wird die Ernahrungsindustrie die Tierhalter fallen lassen wie eine heisse Kartoffel. Sie können dann allenfalls billige Ausgangsprodukte vom Acker liefern und sind an deren Veredelung nicht mehr beteiligt. Für uns Milchviehhalter bedeutet das dringend ein Alleinstellungsmerkmal für unsere Milch zu schaffen . Und das heisst in erster Linie NATÜRLICH anstelle von KÜNSTLICH!

    Das meinen unsere Leser:
  5. von Klaus Ulrich · 5.
    Tierloses Fleisch?

    Das es sowas gibt, hat Pro7 schon gezeigt. In den USA gibt es schon Ähnliches. Aber mal im Ernst, dass ist doch "sauberes" Fleisch in vielen Augen unserer Gesellschaft. Fleisch von nicht gequälten, ja nicht mal von Tieren!!! Als was wird das denn klassifiziert? Vielleicht gibt es dann bald noch eine Gruppe von Menschen, die MEATtarier! Da bin ich mal gespannt, wie das der Markt aufnimmt.

    Das meinen unsere Leser:
  6. von Edelhard Brinkmann · 6.
    Unternehmer

    Unternehmen sollen etwas unternehmen, denn nur so sind sie Unternehmer.

    Das meinen unsere Leser:
  7. von Albert Maier · 7.
    Ob es den Bauern gefällt oder nicht....

    .... es wird so kommen, dass Bauern und vorallem Tierhaltungen überflüsssig werden. Und die Tierschutz- und Veganerbewegung ist der Wegbereiter dafür.

    Das meinen unsere Leser:
  8. von Erwin Schmidbauer · 8.
    Konsequent

    Ein Unternehmen wie PHW muss auch in die Zukunft sehen und darum ist das Investment nur konsequent. Ob sich das jemals durchführen lässt, zumindest großtechnisch und ein Verkaufsschlager wird, das steht noch in den Sternen. Aber viele Unternehmen sind gerade in der Nische erfolgreich und machen gute Gewinne. Aber das ist das Prinzip unternehmerischer Tätigkeit: Innovationen, neue Wege! So gesehen könnten Landwirte durchaus etwas von PHW lernen.

    Das meinen unsere Leser:
Ihre Meinung

Zum Schreiben eines Kommentars loggen Sie sich bitte ein!

Sie sind neu hier?

Als Abonnent kostenlos registrieren