"Milchbeschlüsse der Agrarminister sind kein Fall für den Nobelpreis"

Anselm Richard Anselm Richard
Bild: www.wochenblatt.com
Ein Kommentar von Anselm Richard, Chefredakteur beim Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben:

Mit einem Mal sind sich die Agrarminister der Bundesländer einig: Die Milchmenge muss runter. Organisieren soll das die Branche selbst, also Milchbauern und Molkereien.

Und wenn das nicht klappt, dann soll in ein paar Monaten die EU dazwischenhauen und eine Mengenkürzung verordnen – entschädigungslos. Dies ist, ergänzt um finanzielle Hilfsangebote, der wichtigste Beschluss der jüngsten Agrarministerkonferenz.

Jetzt fragt sich nur: Was soll das bringen? Dass viel zu viel Milch auf dem Markt ist, ist schon lange bekannt. Dass Aufrufe zur freiwilligen Mengendisziplin bei den Landwirten ungehört verhallen, lässt sich an den Liefermengen ablesen. Und wie lange die Europäische Kommission nach der sogenannten Sommerpause brauchen würde, um ein funktionierendes Regelungs- und Kontrollsystem aufzubauen, lässt sich nicht in Wochen ausdrücken. Bevor die neue Quote – um nichts anderes geht es –  greifen könnte, müssen wahrscheinlich sehr viele Milchbauern ohnehin das Handtuch werfen.Anders gesagt: Die Landwirtschaftsminister täuschen Handlungsfähigkeit vor, wo doch nur Ratlosigkeit herrscht.

Zugegeben: Flankierende Maßnahmen zur finanziellen Entlastung sind den Milchviehbetrieben von Herzen zu gönnen und können helfen. Sie ändern aber nichts an den Tatsachen. Der Milchmarkt quillt über. Die ersten Liefergemeinschaften in Nordrhein-Westfalen bekommen für ihren Rohstoff schon nur noch 15 Cent/kg als Basispreis. Dafür kann niemand produzieren.

Dieser Wert lässt auch erahnen, wie rigide die Menge vermindert werden müsste, um das Preisniveau auf ein erträgliches Maß zu bringen. Das nur in Deutschland zu tun, würde aber nichts bringen; mindestens Europa müsste „mitspielen“. Ist das realistisch? Das Überangebot hat globale Wurzeln und Dimensionen. Milch mit sehr viel Steuergeld „herauszukaufen“, wird nicht funktionieren.

Wer heute die Patentlösung für den Milchmarkt präsentieren könnte, hätte den Nobelpreis verdient. Die Unwägbarkeiten und Einflussfaktoren sind einfach zu zahlreich. Auch von den Mi­nistern sollte deshalb niemand Wunder erwarten – wohl aber Ehrlichkeit.

Realistisch ist eher diese Perspektive: Der Markt wird letztlich das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage herstellen, radikal und gnadenlos. Wer unter großen Verlusten weiter durchhält, darf später auf gute Gewinne hoffen – vielleicht in zwei Jahren. Für andere ist der Ausstieg aus der Milchviehhaltung wohl die bessere, aber mindestens genauso schmerzhafte Lösung.

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17 Leserkommentare Kommentieren

  1. von Thorsten Steeg · 1.
    Analog

    Hätte man analog zum Softlanding die Stallbauförderung heruntergeschraubt, und zum Quotenende komplett gestrichen, dann wär das Dilemma bei weitem nicht so groß. Zuerst die großen Ställe mit Steuergeldern fördern, und dann die politisch gewollte Mehrproduktion mit Steuergeldern reduzieren grenzt an Schizophrenie! Es geht nicht, solange die Milchbauern keinen Einfluss auf den Preis haben, ohne eine EU- weite Mengenbegrenzung in Krisenzeiten.

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  2. von H. Bogen · 2.
    Ist doch alles ganz einfach,

    aber dafür würde sich ja niemals eine Mehrheit finden, weder bei Verbänden noch bei Politikern. Subventionen aus der ersten Säule erhalten nur noch Betriebe die von einem ausgebildeten Landwirt geführt werden, gekoppelt an die Arbeitskräfe die beitragspflichtig sind in der landwirtschaftlichen Alterskasse. Da würden manche ganz schnell ihre Landwirtschaft einstellen, anstatt wie jetzt noch ein paar Kühe zu halten oder nach Feierabend sich auf den Schlepper zu setzen um die Produktion dann an die Biogasanlage zu verkaufen. Das sich das dank Subventionen rechnet sieht man an dennen die sich nocht nicht einmal mehr die Mühe machen überhaupt etwas selber zu machen, sondern die Bewirtschaftung gleich dem Biogasbetreiber als Lohnunternehmer zu überlassen. Mit dem Geld das dann frei wird könnten die Betriebe die davon leben müssen, durch die nächsten Krisen gebracht werden.

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  3. von Martin Huetten · 3.

    Wieviele AFP- Anträge sind in Meyer-Niedersachsen bewilligt worden?

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  4. von Günter Bliwernitz · 4.
    Gebührenordnungen ebenso schlecht

    Und trotz dieser "festen Preise" geht es vielen Krankhäusern wirtschaftlich sehr schlecht und viele Ärzte müssen zusätzlich zu ihrer normalen Arbeitszeit noch bis zu sechs 24-Std. zusätzlich machen(eben durch die künstliche Verknappung des Angebots durch den Numerus Clausus) oder viel zu hohe Vergütung der Notare- da hat die Politik also erfolgreich in den Markt eingegriffen??? Und das nur der BDM auf die schlechte Lage am Milchmarkt aufmerksam gemacht hat ist ja geradezu absurd!

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  5. von Alfred Gmelch · 5.
    Es muss kein Nobelpreis sein verehrter Herr Anselm Richard

    Nur Ihre als realistisch dargestellte Perspektive kann es auch nicht sein, nämlich das ständige Wachsen oder Weichen. Alle ob Sie oder Ihr Kollege Herr Achler verweigern sich der Patentlösung, die es zweifelsfrei gibt (EMB und BDM), warum das ist die Frage? In der heute von topagrar online gestellten Frage der Woche plädieren wieder einmal 60% der Teilnehmer und das sind immerhin schon 4885 (ich denke mal Milchbauern) für eine EU weit befristete Mengenbegrenzung. Warum wird das torpediert? Haben die Bauern nichts mehr zu melden, weil Fachleute wie Sie, Herr Achler oder Experten im BV und der Milchindustrie es nicht wollen? Jetzt haben es sogar die Agrarminister eingesehen, sogar ein Herr Hogen in Brüssel, dass wir an die Menge heran müssen. Natürlich regelt es der Markt gnadenlos, genauso wie Sie schreiben, aber müssen wir dafür einen derart hohen Preis bezahlen, dass 50% der Milchbauern den Bach hinuntergehen müssen, um das Feld für die zu räumen, die dann bei der nächsten Krise dran sind. Wollen Sie das wirklich? Wenn ja, dann sind sie ein falscher Prophet.

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  6. von Willy Toft · 6.
    Das ist eine realistische Einschätzung...

    Keiner wird sich wirklich in ganz Europa für die Beschlüsse der AMK einsetzen, zumindest was die Umsetzung betrifft. Es ist schon ernüchternd, wie hier eine ganze Branche mit allen Vor- und Nachgelagerten Bereichen alleine gelassen wird. Der Markt wird es schon richten, nein der Markt wird uns richten! Die überlebenden Betriebe werden sich nicht richtig erholen können, denn sie sind inzwischen hoch verschuldet, als wenn sie noch einen Stall gebaut hätten. Das Damoklesschwert, "wann kommt das nächste Preistal", wird die Betriebe ständig begleiten. Das wird der Preis des "freien Marktes" sein, für wahr ein hoher Preis!

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  7. von Doris Peitinger · 7.
    Taktik der Verunsicherung

    Die inzwischen allgemeine Erkenntnis, dass zu viel Mllch am Markt ist und deshalb der Preis gedrückt wird, wurde von gewissen Kreisen bis vor kurzem noch vehement geleugnet und es ist nur dem BDM und den Bauern zu verdanken, dass nun endlich die Wahrheit auf dem Tisch liegt. Und der Handlungsbedarf auch bis zu den Agrarministern vorgedrungen ist. Ohne Zweifel ist nun schnelles Handeln gefordert, da gebe ich Herrn Richard recht. Der Witz dabei ist aber, dass er dabei die Problematik unterrührt, dass ein Zögern vielen Bauern den Betrieb kosteten würde ( was nur bedeutet, dass es funktioniert!! ) - dabei sind es ebenso viele Betriebe, als wenn man es einfach so weiterlaufen lassen würde, wie bisher! Ebenso, wie wieder die alte Mohrrübe vor die Eselnasen gehängt wird, dass es schon aufwärts geht, wenn nur genügend aufgehört haben. Dass dies nicht funktioniert, weil die Menge gleich bleibt, sieht man an den Schweinebauern nach nunmehr 16(!) Jahren! Das weiß auch Herr Richard ganz genau! Wenn der Anreiz, weniger zu produzieren, groß genug ist, wird das Angebot auch angenommen, siehe Freisland Campina. Es kommt also rein auf die Ausgestaltung an. Derartige Artikel sind nur dazu gedacht, die Bauern zu verunsichern!

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  8. von Hans-Hermann Nohring · 8.
    @Bliwernitz

    Ach ganz vergessen, was ist eigentlich Biogas. Ein freier Markt oder was? Anselm Richard sagt genau das, was die Linie des DBV ist. Betriebsdezimierung durch langanhaltenden niedrigen Milchpreis.

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  9. von Hans-Hermann Nohring · 9.
    @Bliwernitz

    Schon mal was von einer Weinquote gehört. Funktioniert sehr sehr erfogreich.

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  10. von Hans Nagl · 10.
    @Gunter Bliwernitz

    Es gibt viele Beispiele wo ein schlagkräftige Berufsvertretung mit Politische Rahmenbedingungen Märkte Regeln z. Bsp. Gebührenordnung für Rechtsanwälte, Arzte, Kaminkehrer usw. Oder ein Numerusklausus ist doch nichts anderes als ein Quote für bestimmte Berufe. Illegale Preisabsprachen in vielen Bereichen ( Baywa ).

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  11. von Günter Bliwernitz · 11.
    Ehrlichkeit

    Das Herr Richter seine Ansichten offen kund tut und eben nicht teilen seiner Leserschaft nach dem Mund redet spricht unbedingt für ihn! Und leider wird er Recht behalten. Liebe Freunde des BDM-Gedanken: Nennt doch bitte einmal ein Beispiel in dem die Politik erfolgreich den Markt geregelt hat. Ich kenne jedenfalls keines. Die Quotenpolitik der letzten 30 Jahre hat uns erst in diese katastrophale Lage gebracht!

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  12. von Detmar Kleensang · 12.
    Geht nicht gibt's nicht!

    Da kann man Bedenken, Kritik und Ablehnung äußern wie man will: Preise wird es dafür sicher nicht geben! Das Überangebot am Markt drückt, dies ist immerhin schon mal einhelliger Konsens. Was also tun? Milch mit viel Steuergeld vom Markt kaufen wird nicht funktionieren, völlig richtig. Das hat es noch nie. Und wäre völlig unsinnig und dem Volke nicht vermittelbar, wenn es abermals in die Tasche greifen soll für eine Marktbereinigung für Erzeugnisse, deren Produktion sie schon hoch subventioniert hatte. Jeder Politiker, der dergleichen vorschlagen würde, sägt am eigenen Ast. Klar brauchen politische Lösungen immer Zeit, da passiert nichts von heut auf morgen. Aber welche Alternativen gäbe es? Die harte "Marktlösung"? Bauern müssen aufhören, ihre Betriebe dichtmachen, Pleite gehen? Wer sowas fordert, auch gerade als Chefredakteur eines landwirtschaftlichen Fachblattes, sägt ebenfalls am eigenen Ast, weil er so oder so Abonnenten verliert! Und ginge solch eine Marktbereinigung schneller? Nein, keineswegs! Denn die Produktion der aufhörenden Bauern fällt ja nicht einfach weg. Sie wird von anderen Bauern übernommen, koste es was es wolle, weil immer noch genug Kollegen ihre Wirtschaftlichkeit völlig ignorieren. Tausende Bauern in den Ruin zu treiben bedeutet nichts anderes, als abertausende Arbeitslose, in der Landwirtschaft selber wie im vor- und nachgelagerten Bereich! Es bedeutet auch die Aufgabe einer flächendeckenden Landwirtschaft, mehr Isolation vom Rest des Volkes samt Wertschöpfungsverlust gesellschaftlicher, sozialer und letztlich auch finanzieller Art! Wer dies alles will und öffentlich kundtut, ob als Fachblatt oder Bauernverband, der offenbart lediglich eine ekelerregende Bauernverachtung! Denn dieses schlichte Zerreden von allem ohne jedwede eigene Ideen anzubringen ist keine konstruktive Kritik an Lösungsmöglichkeiten und Vorschlägen, es sind rein destruktive Beiträge. Destruktiv für Bauern und für die gesamte Landwirtschaft! Demoralisierend für eine ganze Branche! Ist das gewollt? Falls ja, dann zieht Euch warm an! Denn es gibt immer noch Bauern, die um ihre Existenz kämpfen mit all ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln! Und da gibt es absolut nichts, was nicht geht!

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  13. von Albert Maier · 13.
    Frage:

    Müssen sich Milcherzeuger so einen Schmarrn anhören?

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  14. von Forst Genossenschaft Hardegsen · 14.
    Für Bedenkenträgerei gibts auch keinen Nobelpreis

    Und mancher Redakteur sollte für solchen Kappes auch einfach "radikal und gnadenlos" vom Markt gerichtet werden, oder mal besser "das Handtuch werfen". Um in Europa etwas bewegen zu können muß Deutschland mitziehen und die ewige Bremsermentalität ablegen. Das ist auf der AMK nun passiert und straft alle Lügen, die da immer noch behaupten es ginge nicht .....

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  15. von Matthias Zahn · 15.
    Sehr geehrter Herr Richard,

    natürlich haben Sie Recht mit ihrer Kritik, was die Umsetzung und das weitere Vorgehen betrifft. Kurzfristig den Karren aus dem Dreck zu ziehen wird nicht mehr funktionieren. Schadensbegrenzung ist bestenfalls noch die letzte Option die wir haben-kurzfristig. Aber lassen Sie uns doch weiter als die nächsten zwei Jahre blicken. Was machen wir in der nächsten Krise in fünf Jahren, wenn wir nicht jetzt die Weichen stellen? Denn eines ist sicher, in diesem aktuellen System ist nach der Krise-vor der Krise. Der Hebel der ungezügelten europäischen Milchmengen auf den Weltmarkt ist einfach zu groß. Wenn dieses Tief durchschritten ist, wird wieder Stall gebaut und aufgestockt. Die Nachfrage wird durchschnittlich langsamer wachsen als die Produktion! Hören wir auf die Augen vor der Realität zu verschließen. Der Milchmarkt ist für uns Bauern alles andere als gut gregelt. Es fehlt eine nachfrageorientierte Produktion genauso wie eine gute Marktstellung bei der Vermarktung unserer Milch. Ich fordere Sie persönlich und Ihre Kollegen der Fachpresse deshalb auf endlich nach vorne zu denken! Lassen Sie uns Möglichkeiten diskutieren und vielleicht auch einmal das undenkbare denken! Wir (Milch-) Bauern müssen noch viel mehr unternehmerisch Denken und Handeln - vor allem bei der Vermartung! Mit dem Ausstieg aus der Quote wurde nicht nur die Menge frei gegeben, sondern auch die Verantwortung für den Preis an uns Bauern übergeben. Diese Verantwortung müssen wir übernehmen und uns ihr stellen! Außer dem BDM macht das im Moment niemand! Wo wäre die Menschheit, wenn sich immer alle an dem "aktuell machbaren" orientiert hätten. Wir wären nie auf den Mond geflogen und würden immer noch in Steinhölen leben. Wenn sie meinem Großvater vor 60 Jahren erzählt hätten, das es im Jahr 2016 Mähdrescher gibt mit 10 Meter und mehr Arbeitsbreite oder Melkroboter die den ganzen Tag eigenständig arbeiten - er hätte vermutlich das gleiche gesagt wie Sie - Ist das realistisch?

    Das meinen unsere Leser:
  16. von Gerd Schuette · 16.

    Noch einer von denen, die sich darauf beschränken aufzuzählen was alles nicht geht oder schwierig ist...

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  17. von Hans-Hermann Nohring · 17.
    Berufsvertretung DBV

    Was ist das für eine Berufsvertretung, die den eigenen Mitglieder rät, aufzugeben. Ja die sogar die Misere mit den Bamberger Beschlüssen herbeigeführt hat?

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