Mitmachen statt meckern: Genossenschaften und das Problem der Entfremdung

Anselm Richard Anselm Richard
Bild: www.wochenblatt.com

Ein Kommentar von Anselm Richard, Chefredakteur des Wochenblatts für Landwirtschaft und Landleben:

Unternehmen sind immer nur so gut wie ihre Manager und Mitarbeiter. Das gilt auch für Genossenschaften. Bei ihnen kommt es überdies auf die Ehrenamtlichen an. Als Friedrich-Wilhelm Raiffeisen noch lebte, war es ganz einfach: Die Genossenschaften waren immer die Guten. Als Selbsthilfeeinrichtungen der kleinen Leute mussten sie sich zwar erst einmal etablieren und gegen Widerstände durchsetzen. Aber die Mitglieder waren überzeugt von der Idee, sie profitierten sehr schnell und direkt von den Zusammenschlüssen. Ganz gleich, ob es um gemeinsame Vermarktung ging oder um Darlehen für Investitionen, die Genossenschaften standen für Fairness, für Gemeinsinn und Solidarität, für 
finanzielle Vorteile und ein besseres Leben.

Das ist heute vom Grundsatz her nicht anders. Nur hat sich die Welt doch sehr verändert, und mit ihr die Genossenschaften, ihre Geschäftsmodelle. Die Raiffeisen-Idee ist heute Weltkultur­erbe, zum 200. Geburtstag des Selbsthilfe-Pioniers wird 2018 zum Raiffeisen-Jahr erklärt. Ist die Genossenschaft deshalb ein Fall fürs Museum? Franz-Josef Holzenkamp sagt: keineswegs. Im Wochenblatt-Interview (28/2017 Seite 16 ) erklärt der neue Präsident des Raiffeisenverbandes, dass die traditionellen Werte nicht verstaubt sind, sondern sogar eine Renaissance feiern.

Das stimmt. Trotzdem haben viele Landwirte sich von ihren Genossenschaften entfremdet. Im Agrarhandel sind sie nur noch einer von mehreren möglichen Partnern. Das Geschäft macht allein der, der den besten Preis bietet. Noch schwieriger ist das Verhältnis mancher Milchbauern zu ihrer Genossenschaftsmolkerei. Lieferpflicht, lange Kündigungsfrist und Geschäftsanteile werden als belastend gesehen. Wenn dann der Milchpreis schlecht ist, nimmt der Ärger überhand.

Genossenschaften sind nicht per se erfolgreich; viele sind schon vom Markt verschwunden oder wegen schlechter Zahlen „verfusioniert“ worden. Unternehmen sind immer nur so gut wie ihre Manager und Mitarbeiter. Bei den Genossenschaften kommt es zusätzlich auf die Ehrenamtlichen an. Wenn sie als Vertreter der Eigentümer das Ruder allein dem Hauptamt überlassen, ihre Gestaltungsrechte und Kontrollpflichten nicht wahrnehmen, dann sind sie für schlechte Ergebnisse mitverantwortlich. Vorstands- und Aufsichtsratsmandate sind keine Erbhöfe und Versorgungsposten; sie verlangen nach besonderem Engagement, nach Aus- und Weiterbildung. Das macht man nicht nebenbei.

Verantwortung tragen aber nicht nur die Spitzen. Genossenschaften bieten jedem Mitglied die Chance zum Mitmachen. Sie sind das Gegenmodell zur Abhängigkeit von Geschäftspartnern. Wer sich einbringt, kann etwas verändern. Dazu gehören etwas Mut, Einsatz- und Veränderungsbereitschaft. Der aktive Genosse lebt die klassischen Tugenden des guten Unternehmers. 

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5 Leserkommentare Kommentieren

  1. von Gerd Schuette · 1.
    Auf was, bitteschön, haben Genomitglieder noch Einfluss?

    Uniekaas ist jetzt eine Tochter von DOC Dairy Partners B.V. Diese wiederum ist eine Tochter von der DMK GmbH, die eine Tochter der DMK eG ist. Also eine Tochter der Tochter der Tochter der DMK eG. Direkten Zugriff auf Entscheidungen oder Ergebnisverwendung in dieser Firma haben dann weder irgendein Organ der DMK eG noch die Geschäftsführung der DMK GmbH. Bereits vor dieser Übernahme hat der DMK Konzern 84 Tochterunternehmen und Beteiligungen, davon 32 vollkonsolidiert. Was erfahren die Mitglieder noch über die nicht vollkonsolidierten Beteiligungen und Tochterstöchter? Wie laufen dort die Entscheidungsfindungen?

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  2. von Doris Peitinger · 2.
    Die Landwirte haben sich von den Genossenschaften entfremdet?

    Oder haben sich nicht eher viele Genossenschaften von den Bauern entfremdet? Und drehen ihr eigenes Ding, bei dem jede Einflussnahme ausgehebelt wird? Siehe DMK, wo das operative Geschäft ausgelagert wurde? Das als größter deutscher Agrarsubventionsempfänger 2016 es nicht einmal für nötig hält, den Milchbauern wenigstens durchschnittliche Preise auszuzahlen? Da nutzt es nichts, wenn versucht wird, den schwarzen Peter den Genossen zuzuschieben, die sich angeblich nicht genügend engagieren, wenn die Realität ganz anders aussieht und der Dunstkreis, der sich um die Bauern herum gebildet hat. gegen sie arbeitet!

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  3. von Gerd Woertel · 3.
    Genossenschaften

    Viel wäre schon gewonnen wenn alle Wahlen einzeln und geheim sein müssten

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  4. von Erwin Schmidbauer · 4.
    MItbestimmung ist oft schon lange ausgehebelt!

    Das Mitmachen bei kleinen Genossenschaften, bei denen es keine Vertreterversammlung gibt, ist noch möglich, aber bei großen, bei denen die Vertreter in einer Einheitsliste "gewählt" werden? Da bestimmen Vorstand und Aufsichtsrat, wer auf die Vertreterliste darf und der kleine Genosse ist nur Stimmvieh, der entweder die ganz Liste "wählen" darf oder einfach der Wahl fern bleibt. Es ist nahezu unmöglich, eine eigene Gegenliste aufzustellen, so viele Aktive findet man selten. In den Vertreterversammlungen läuft es dann ähnlich: kein Interesse der meisten "gewählten" Vertreter an den Themen, wichtig ist das Event, freies Essen und Trinken (Aussage eines Vertreters). Ich selbst habe wohl nie mehr die Chance, vom Vorstand in die Vertreterversammlung berufen zu werden, schliesslich habe ich den Vorstand und auch den Aufsichtsrat schon in mehreren Briefen kritisiert. Man hat pflichtschuldig geantwortet - passiert ist aber nichts!

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  5. von Martin Siekerkotte · 5.
    DMK

    Eine Mitbestimmung ist hier nicht möglich H.K wird als Aufsichtsrat V bestimmt und mit seiner 6 stellige aufwandsenschädicung kriegt er von der DMK welche Interessen vertritt er?????

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