Unmut in der AbL um Neuland-Kooperation mit Tönnies und Aldi

Neuland-Fleisch auf dem Wochenmarkt So wünschen sich dies einige AbL-Mitglieder: Regionales Neuland-Fleisch auf dem Wochenmarkt und keine Massenproduktion für Aldi
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Bei Aldi gibt es seit Ende August in vier Bundesländern „Fleisch aus artgerechterer Haltung“ des Vereins Neuland, verarbeitet von Tönnies. Darüber gibt es nun Streit innerhalb der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die den Verein mitträgt.

Seit dem 27.8.2018 werden von Aldi Süd sowie Aldi Nord in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern unter der Eigenmarke „Fair&Gut“ auch Schweinefleischprodukte von Neuland bzw. der Erzeugergemeinschaft Neuland West angeboten.

In der Zeitung "Unabhängige Bauernstimme" haben nun aber einige Mitglieder von Bundes- und Landesvorständen der AbL einen Leserbrief veröffentlicht, in dem sie die Zusammenarbeit anprangern. So sei eine Grundüberzeugung des Vereins, dass die AbL-Bauern zusammen mit ihren Handelspartnern für die Auswirkungen des Handels in anderen Teilen der Welt sowie im vor- und nachgelagerten Bereich verantwortlich seien. "Ein Grundprinzip, das in unseren Augen der Kooperation mit Konzernen wie Aldi und Tönnies entgegensteht", heißt es in dem Brief, der top agrar vorliegt. 

Unter anderem kritisieren die Unterzeichner Anneliese Schmeh, Brigitte Möhrle, Gertraud Angerpointner, Sarah Ziegenhorn, Jan Wittenberg, Michael Grolm, Ottmar Ilchmann, Phillip Brändle und Reiko Wöllert die Arbeitsbedingungen für Leiharbeiter bei Tönnies. Zudem baue der Konzern weltweit „Großstrukturen“ zum Mästen von Schweinen auf und produziere schon in Deutschland zu 50 % für den Export. "In unseren Augen ist ein solcher Partner für Neuland und damit auch für die AbL unhaltbar und stellt einen Glaubwürdigkeitsverlust, sowie eine Illoyalität gegenüber unseren Bündnispartnern dar, die nicht zu vertreten ist. Gerade den Partnern im Bündnis für ein menschenwürdiges Existenzminimum, die sich für faire und menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen einsetzen, ist dieser Widerspruch kaum zu vermitteln", heißt es in dem Brief weiter.

Eine weitere Sorge ist, dass die Neulandbetriebe ihre Höfe aufgrund steigender Nachfrage so ausbauen könnten, dass es nach Auslauf des fünfjährigen Vertrages keine andere Wahl mehr gebe, als Aldi oder eine vergleichbare Struktur zu bedienen. "Zu viele Kollegen haben bereits Erfahrung gemacht, dass sie sich letztlich mit einem "Partner" konfrontiert sahen, der sie um jeden möglichen Cent drückte", so die Kritik.

Aus Sicht der Mitglieder forciere Neuland so den Strukturwandel des Handels und der Verarbeitung, wie er sich zuletzt in der Biobranche seit Jahren beobachten lasse. Immer mehr eigentümergeführte kleine und mittlere Bio-Läden verschwänden, obwohl gerade auch diese Läden für viele kleine und mittlere bäuerliche Betriebe wichtige Abnehmer darstellen, da sie anders als große Ketten weniger Wert auf umfangreiche Zertifizierung, große einheitliche Chargen oder teure Kistensysteme legen. "Für uns ist klar, dass Neuland durch die Kooperation massiv an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Die Kooperation ist mit unseren Überzeugungen und den Grundsätzen der AbL nicht zu vereinen. Daher distanzieren wir uns in aller Deutlichkeit", schreiben die neun Vorstände.

Niemann fordert Austieg aus Neuland

AbL-Mitglied Eckehard Niemann aus Niedersachsen sagte dazu auf Anfrage von top agrar online: "Nischen-Tierwohllabel-Strategien wie die von Neuland führen nicht zu den aktuell anstehenden, generellen Verbesserungen der Tierhaltung und auch nicht zu flächendeckend fairen Erzeugerpreisen. Angesagt sind deutliche Mengenreduzierungen und Preiserhöhungen durch eine EU-weite, ordnungsrechtliche Umsetzung  der EU-Schweinehaltungs-Richtlinie. Wann endlich gibt die AbL ihre Trägerschaft bei Neuland auf, die von einer solchen Interessenvertretung  aller Bauern ablenkt?"

AbL-Bundesvorstand sieht mehr Vorteile als Nachteile
 
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Der AbL-Vorstand, der hingegen für die Kooperation ist, verweist auf die Chance, Fleisch aus artgerechter Haltung stärker auf dem Markt zu etablieren. In einem Beschluss des Bundesvorstandes heißt es: „In der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatte um die Nutztierhaltung tritt Neuland damit den Beweis an, dass ein Umbau der Tierhaltung nicht nur nötig, sondern auch wirtschaftlich und praktisch möglich ist. (…)

Kein anderes Qualitätsfleischprogramm verfügt über derart konsequente Richtlinien in Bezug auf besonders artgerechte Haltungsformen, gentechnikfreie und regionale Fütterung sowie Regionalität auch in der Schlachtung. Mehr noch: als einziges Programm mit konsequenten Bestandsobergrenzen, Festpreisen und in Erzeugergemeinschaften organisierten Bauern und Bäuerinnen übernimmt Neuland Verantwortung für den wirtschaftlichen Erhalt kleinerer und mittlerer bäuerlicher Betriebe. Das ist ein Qualitätsmerkmal für eine vielfältige Agrarstruktur und ein Statement für die Weiterentwicklung lebendiger Dörfer.“
 
Die ursprüngliche Bindung der Vermarktung von Neulandfleisch an Fleischerfachgeschäfte und Großgastronomie, welche trotz der Kooperation mit Tönnies und Aldi immer noch das Kerngeschäft ausmacht, zeige, dass Neuland gewillt ist, auch für die Strukturen der Weiterverarbeitung des im Programm erzeugten Fleischens Verantwortung zu übernehmen.
 
Das Neuland-Programm verdient es laut dem Bundesvorstand ausdrücklich, weiter verbreitet zu werden und damit mehr bäuerlichen Betrieben eine wirtschaftliche Perspektive mit artgerechter Tierhaltung zu eröffnen. Die AbL unterstütze die Idee von Neuland voll. Für den eingeschlagenen Weg der Kooperation mit Tönnies und Aldi gelte dies allerdings nicht uneingeschränkt. Die neuen Geschäftspartner stünden für Strukturen, die aus mehreren Gründen von der AbL klar und deutlich kritisiert werden, weshalb sich mehrere Mitglieder des AbL-Bundesvorstands von der Kooperation distanzieren.
 
„Die AbL setzt auf wert- und qualitätsbewusste Verbraucher, auf Solidarität und vielfältige Strukturen, auch in Handel und Verarbeitung, und ist davon überzeugt, dass bäuerliche Landwirtschaft sowie eine gesunde Agrarstruktur nur so erreicht werden können. Dementsprechend wird sie sich auch weiterhin bei Neuland engagieren und einbringen sowie die neue Zusammenarbeit von Neuland mit Tönnies und Aldi kritisch begleiten. Auch in der neuen Kooperation hat sie stets das Wohl und die Interessen der Bäuerinnen und Bauern im Blick“, heißt es dazu.

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5 Leserkommentare Kommentieren

  1. von Gerhard Seeger · 1.
    Halb zog man sie, halb sanken sie hin ...

    Man hat wohl selten einen derartigen argumentativen Eiertanz wahrgenommen wie in obigem Artikel beschrieben. "Wir finden´s gut und unterstützen das, aber irgendwie auch nicht ... " Wären von der Kernkompetenz her erfolgreiche Politiker.

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  2. von Bernhard ten Veen · 2.
    irgendwie paradox...

    jeder...aber auch jeder Funktionär von irgendwelchen Berufsständischen Organisationen und auch die Politik, sehen immer nur die Fehler der "Erzeugerbetriebe"... also die der Bauern. Alle wollen den Tier-haltenden Bauern irgendwelche "Strategien" aufhalsen. Ich sage frei heraus - Wir Bauern brauchen einen solchen Humbug nicht. wir haben unsere Betriebe , in den zurückliegenden Jahren mit diesem hickhack und hinundher der Politik , unter überbordenden Auflagen und Verordnungen schon an Qualitätsstandarts heran "investiert", von denen haben viele der anderen EU-Länder noch nie was gehört - und - ,wenn man mit ausländischen Berufskollegen spricht, lachen DIE sich über Deutschlands Landwirte kaputt , fragen warum man sich diese Gängelei überhaupt gefallen lässt. Antwort meinerseits: Weil eure exporte und unsere importe billiger sind als selbst zu produzieren, und ihr ja auch autos und maschinen von uns bekommen wollt. dafür werden wir in Deutschland GEOPFERT... für solche verlogenen Funktionäre welche Kungeleien mit Grossindustriellen Verarbeitern ( denen man nicht hinter die Werkstore schauen darf ohne juristisch belangt zu werden) und deren Handelspartnern (welche nur ihre eigene Marge in den Augen haben) und die dann noch "Verbraucherverdummung" mit irgendwelchen Labeln und horrende teueren Werbe Kampanjen ( ? ) betreiben. Wir brauchen endlich Aufklärung der Verbraucher über die Menge an Importwaren (Schwein + Rind + Geflügel) welche unseren Bauern das Leben schwer macht und über die "Debatte" "die armen Tiere" welche von gewissen Agrarabgeneigten Parteien immerwieder angeheizt wird wenn sie merken das sie im politischen Dschungel fast als verschollen gelten. Als nächstes sollten "ALLE" bezahlten Ehrenamtler ihre von den Bauern bezahlten -steuerfreien- Aufwandsentschädigungen offenlegen und nach guter gesellschaftspolitischer Manier versteuern. ...oder aber mit den Bauern an der selben Seite vom Tau ziehen. (dafür sind sie ja auch gewählt( ? ) worden...

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  3. von Eckehard Niemann · 3.
    @ Harald Finzel

    zur Kenntnis - aus der Satzung der AbL: "...Vorstandsmitglied kann nur werden, wer kein bezahltes Amt oder Ehrenamt bei irgendeiner Industrie, Bank, Genossenschaft, Aktiengesellschaft, Partei oder ein Abgeordnetenmandat inne hat und sich verpflichtet, im Zeitraum der Wahlperiode auch kein solches anzunehmen. Ausnahmen sind nach Offenlegung der Funktion nur durch Beschluss der Mitgliederversammlung möglich."

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  4. von Harald Finzel · 4.

    Der AbL-Bundesvorsitzende Martin Schulz hält selbst 800 Neuland-Mastschweine und ist auch Geschäftsführer beim Neuland-Vertriebspartner für Norddeutschland (Artgemäß GmbH & Co. KG). Hätte man vielleicht erwähnen sollen.

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  5. von Eckehard Niemann · 5.
    Erzeugerpreis-Politik für alle Bauern

    1. Das Setzen auf Tierwohllabel (möglicherweise sogar mit einer laschen „Einstiegsstufe“) kann einer begrenzten Zahl von Schweinehaltern vorübergehend Vorteile bei Marktanteil und Erzeugerpreisen bringen. ----- 2. Spätestens nach Ablauf der jetzt lockenden Fünfjahresverträge mit Fleischkonzernen und Handelsketten wird es Neuverhandlungen geben, bei denen weitere Labels und Erzeugergemeinschaften miteinander konkurrieren. ----- 3. Alle Label und deren Erzeugerpreise stehen unter einem strukturellen Druck des Marktes mit „normalen“ Standards (aus Deutschland und aus den EU-Nachbarländern). Man wird sich auf Dauer und bei Weiterbestehen struktureller Überschüsse einstellen müssen, dass man auf Basis des „normalen konventionellen Preises“ lediglich einen Preisaufschlag bekommt, der die Zusatzkosten der artgerechteren Tierhaltung abdeckt. Nichtkostendeckender Grundpreis plus kostendeckender Zuschlag ergibt einen nichtkostendeckenden Labelpreis. ----- 4. Diesen Dumping-Effekt kann man – wie bei der Milch – nur verhindern, wenn man – gemäß den bekannten Marktregeln – das (Über-)Angebot an Schweinen und Fleisch deutlich verringert. Wegen der geringen Elastizität der mengenmäßigen Nachfrage führen Verringerungen des Angebots zu deutlich überproportionalen Zunahmen des Erzeugerpreises – minus 10% Menge bringen als plus 30% Erzeugerpreis. Bekannt unter Bauern unter der Regel „Weniger ist mehr“. ----- 5. Anders als bei der Milch und den Molkereien sind EU-weite Strategien Mengenregulierungen des Angebots (a la BDM und Milkboard: mit Prämien für nichterzeugte Mengen bei drohenden Überschüssen) bei Schweinen kaum praktikabel. Hier kann diese deutliche Mengenregulierung aber anders erreicht werden: durch eine flächendeckende und EU-weite, ordnungsrechtliche Umsetzung der EU-Schweinehaltungs-Richtlinie. Klasse statt Masse also, mit gesellschaftlicher Akzeptanz. Wenn deutlich weniger Tiere je bisherigem Stallplatz gehalten werden müssen, dann führt das automatisch zu überproportional steigenden Erzeugerpreisen, deren Effekt die gestiegenen Tierhaltungskosten deutlich übertreffen. Und: Die Weltmarkt-Billig-Mengen aus USA und Brasilien bleiben wie bisher weiter draußen – wegen des bestehenden und zu verteidigenden Zoll- und Qualitäts-Außenschutzes der EU. Diese deutlich höheren und strukturell abgesicherten Erzeugerpreise würden dann anstehenden Tierwohl-Regelungen (wie das Ende der betäubungslosen Kastration der Ferkel) ihren Schrecken nehmen. ------- 6. Der Wissenschaftliche Beirat des Bundesagrarministeriums hat in seiner Studie zur Zukunft der Nutztierhaltung dazu die wichtigen ersten Schritte genannt: Jährlich 2 – 3 Milliarden für ein Umbauprogramm und Trilaterale Verhandlungen und Vereinbarungen Deutschlands mit den benachbarten Haupterzeugungsländern Niederlanden und Dänemark (die würden dann schon aus Eigeninteresse dafür sorgen, dass alle anderen EU-Länder rasch folgen). Und: Ähnliche Strategien im Rahmen einer Tierhaltungsstrategie bei Rind- und Geflügelfleisch, damit die Schweine-Erzeugerpreise nicht durch solche Billigfleisch-Angebote unterlaufen werden.

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