Kommentar

„Die Intuition macht den Unterschied“: Plädoyer für Technik und Verstand

Hightech für den Ackerbau ist teuer. Ein ebenso gewichtiger Punkt ist die Gefahr, vor lauter Sensorik das eigene Gespür zu verlieren, weil die Technik einem viel abnimmt. Ein Kommentar...

Ein Kommentar von Jonathan Kern, Bioland Beratung. Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im bioland-Fachmagazin 11/2019.

Die Begriffe Digitale Landwirtschaft und Smart Farming machen auch vor dem Ökolandbau nicht halt. Viele Bio-Landwirte sind technikaffin und an neuen Entwicklungen durchaus interessiert, die Arbeiten erleichtern oder beschleunigen sollen.

Beim Blick auf technische Neuerungen im Ackerbau in den vergangenen Jahren sind immer mehr Ansätze zu sehen, die Maschineneinstellungen vereinfachen oder Arbeitsgeräte gar automatisch an die Gegebenheiten auf dem Feld anpassen. Zum Beispiel die Kreiselegge, die die Saatbettqualität erkennt und dementsprechend nachregelt, Striegel, die sich automatisch einstellen oder die Spurführung bei Pflegearbeiten sind keine Zukunftsmusik mehr.

Ein weiterer wichtiger Einsatzbereich der Digitalisierung ist die Dokumentation. Ertragskartierung, Kartierung verschiedener Bodenparameter, Elektronische Ackerschlagkarteien – das sind Innovationen, die dem Landwirt beim Management unter die Arme greifen. Ganz zu schweigen von automatischer Aufzeichnung und Bilanzierung, um die Anforderungen der neuen Düngeverordnung zu erfüllen. Die händische Dokumentation kostet den Landwirt viel Zeit, die er sowieso nicht hat.

Doch abgesehen vom Potenzial und Reiz der Digitalisierung im Ökolandbau darf man die Problempunkte nicht vergessen. Die Kosten für die Techniken sind das eine. Vor allem aber gilt es, sich Gedanken zu machen, was mit den Daten geschieht, wer darauf zugreifen könnte und wem diese im Zweifelsfall überhaupt gehören.

Ein ebenso gewichtiger Punkt ist die Gefahr, vor lauter Sensorik und, weil einem Entscheidungen abgenommen werden, das eigene Gespür einzubüßen. Gut erkennen kann man das heute bereits am Wetter: Die meisten Landwirte schauen eher in die Wetter-App als zum Himmel. Viele Wetterregeln sind kaum mehr bekannt. Aber wie oft hat auch die beste Wetter-App in den vergangenen Jahren eine falsche Vorhersage gemacht?

Die eigene ackerbauliche Intuition, wann welche Tätigkeit in welcher Weise auf dem Acker ausgeführt werden soll, macht häufig den gewissen Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg im Ökolandbau aus. Selbst nahe am Boden zu bleiben und bestimmte Entscheidungen zu treffen, kann das smarteste Farming nicht ersetzen. Frank Käufler, ein konventioneller Ackerbauberater aus Hessen, hat es einmal auf den Punkt gebracht: „Wir brauchen weniger Landwirtschaft 4.0, sondern wieder mehr Ackerbau 1.0.“

Die Redaktion empfiehlt

Die Digitalisierung in der Landwirtschaft ist nicht per se umweltschädlich oder -fördernd. Sie vereinfacht aber die Planung, Durchführung, Dokumentation und den Nachweis von Umweltschutzmaßnahmen.

Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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Diskussionen zum Artikel

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von Michael Rau

" Bodenhaftung "

Als koventionell arbeitender Landwirt übernehme ich voll und ganz die Aussagen des Artikels,und richte mich an die Gegebenheiten und Zustand des Bodens bevor ich die Arbeit auf dem Feld beginne

von Egge Mansholt

Da fällt mir spontan der Spruch ein:

Theorie ist, wenn einer alles weiß, aber nichts funktioniert. Praxis ist, wenn alles funktioniert, aber keiner weiß warum.

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