Raus aus der Bioblase

Dr. Niggli: Konventionelle Landwirtschaft etwas ökologischer machen

Ökopionier Urs Niggli macht sich nichts vor: Der Biolandbau allein kann die Welt nicht ernähren. Die Lösung sieht er darin, dass konventionelle Höfe nachhaltiger wirtschaften.

Der Schweizer Agrarwissenschaftler Urs Niggli ist Pionier des Ökoanbaus und gehört zu den weltweit führenden Experten, wenn es um Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft geht. Im Gespräch mit der Journalistin Tamara Worzewski erklärt der frühere Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), dass es jetzt die entscheidende Herausforderung sei, die konventionelle Landwirtschaft sehr viel nachhaltiger zu machen.

„Wir können nicht in der Bioblase vor uns her träumen und glücklich sein! Stellt man ganz auf Biolandbau um, geht die Produktivität stark zurück. Dann müsste man viel mehr Lebensmittel importieren und damit Umweltwirkungen in andere Länder exportieren“, so Niggli.

Eine Vergrößerung der Anbaufläche würde hingegen global Hochmoore und Grünflächen gefährden. Das hätte katastrophale Auswirkungen auf die Biodiversität, und die damit verbundene Freisetzung von Kohlenstoff wäre ein Riesenrückschritt in der Klimapolitik, weiß der Fachmann. Daher hält er die Kombination von hoher Produktivität und einer hohen ökologischen Nachhaltigkeit für den richtigen Weg. „Da braucht es noch mehr als Bio, und da müssen sich sehr viele konventionelle Landwirte beteiligen.“

Reduzierung des Fleischkonsums unausweichlich

Die Diskussionen von Ökoverbänden, dass Biolandbau die Welt ernähren könnten, hält Niggli für irreführend und falsch. „Vegane Ernährung hilft nur, gewisse Spitzen zu brechen. Der Fleischkonsum ist in Mitteleuropa bezogen auf Ökologie, Gesundheit und globale Ernährungssicherheit um etwa 60 % zu hoch. Wir bauen weltweit auf 12 % der landwirtschaftlichen Nutz­fläche Getreide für Vieh an", erklärt Niggli.

Der Ve­ganer helfe, dass dieses Getreide direkt in die menschliche Ernährung geht. "Aber mit einer rein veganen Ernährung würden wir die Katastrophe verschlimmern — wir könnten die Weltbe­völkerung nicht ernähren. Denn Tiere nutzen ja zwei Dinge: erstens das Grasland mit zwei Dritteln der bewirtschafteten Fläche. Weil nichts anderes dort wächst, ist Tierhaltung dort standortgerecht. Das Zweite sind Getreidenebenprodukte, die nur als Tierfutter Verwendung finden“, so der Forscher.

Extreme Konzentration auf kleiner Fläche keine Lösung

Auf die Frage, ob es nicht nachhaltiger wäre, eine kleinere Fläche intensiv zu bewirtschaften und so mehr Naturfläche zu gewinnen, kontert Niggli, dass diese Segregation von Produktion und Ökologie nicht funktioniert.

Sehr intensive Flächen, auch wenn es nur Teilflächen sind, würden zum Beispiel das Grundwasser stark belasten und die Böden erodieren. „Man hat dann weniger breitflächig, dafür aber kleinräumig sehr intensive Umweltschäden. Daher hat man heute die Vorstellung, dass die gesamte Agrarfläche, die viel Platz einnimmt, schonender bewirtschaftet werden sollte“, so der Schweizer.

Noch viel Forschungsbedarf bei biologischem Pflanzenschutz

Angesprochen auf die Schädlichkeit von Kupfer im Kartoffelanbau bescheinigt der Fachmann der Branche, technisch noch weit zurück zu sein. „Das ist aus meiner Sicht eine Schwäche im Biolandbau. Hier sehe ich großen Entwicklungsbedarf.“ Stärke der Biobauern sei hingegen, wichtige Träger eines alten Wissens zu sein und damit eine wichtige Funktion in der Gesellschaft zu erfüllen.

„Aus purer Not werden immer wieder neue Ideen entwickelt, wie man mit den beschränkten Möglichkeiten noch besser werden könnte. Es kann sehr motivierend für die anderen Landwirte sein, zu sehen, wie Biolandbauern mit Problemen umgehen.“

Das ganze Interview sehen Sie hier bei www.pflanzenforschung.de in fünf Youtubevideos...


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