Vortrag

Grundprinzip Vielfalt: Löwenstein erwartet Umstellung der Produktionssysteme

Bei der Wintertagung von Bioland NRW versuchte Felix Prinz zu Löwenstein die Dramatik des Insekten- und Vogelrückgangs zu verdeutlichen. Die Ökosysteme seien vielerorts völlig zerstört, was den zunehmenden Spritzmitteleinsatz erkläre. Er verstehe nicht, warum Ministerin Klöckner dies nicht anerkenne und stattdessen schon wieder ein Monitoring vorschlage.

Die Haltung von Bundesagrarministerin Julia Klöckner zum Thema Artenschwund macht Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, den Vorsitzenden des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) ratlos. Für ihn sei es nicht nachvollziehbar, dass die CDU-Politikerin nach der jüngsten Insektenkonferenz im Ministerium erneut ein Monitoring und Studien zum Insektensterben fordere, anstatt die laut Löwenstein „seit Jahrzehnten vorliegenden alarmierenden Beweise“ anzuerkennen.

In seinem Vortrag bei der Wintertagung des nordrhein-westfälischen Biolandverbandes am Montag am Möhnesee (Kreis Soest) untermauerte der Ökolandwirt seine Kritik mit früheren und aktuellen Studien. So habe die Uni Kiel bereits 1981 durch eine Zählung von Laufkäfern auf dem Feld deren massiven Rückgang nachweisen können. Und auch die aktuelle Metastudie des Thüneninstituts (Ausgabe 65) belege die Dringlichkeit: „Uns brennt die Hose, der Rückgang ist wirklich dramatisch“, warnte er und berichtete von seinem 160 ha großen Hof, wo er 2018 kaum noch Singvögel in den Beerensträuchern sah. Als „absurd“, „unlogisch“ und „methodisch falsch“ wertete er dagegen die aktuelle Studie der Uni Göttingen um Prof. Qaim.

Argumente wie hohe Katzenpopulationen, den Verkehr oder eine Lichtverschmutzung hält der Hesse für Ausreden. Verantwortlich sei die Landwirtschaft mit ihren Pestiziden, aber auch mit vielen weiteren Aspekten, wie Strukturarmut und rauen Bewirtschaftungsmethoden, die zum Rückgang von Vögeln und Insekten beigetragen habe.

Felix Prinz zu Löwenstein berichtet von den negativen Umwelteinflüssen und den Schädigungen durch die Landwirtschaft. Die Intensivierung sei mit 23 % einer der größten Negativfaktoren (Bildquelle: Deter)

Ökosysteme brechen zusammen

Besonders ärgert Löwenstein der seiner Kenntnis nach zunehmende Absatz von Pflanzenschutzmitteln. „Wir haben doch schon seit Jahrzehnten alles niedergemacht, der PSM-Einsatz müsste doch sinken, auch weil die Mittel wirksamer werden und es heute Ökolandbau gibt. Stattdessen steigen die Absatzzahlen“, zeigte der BÖLW-Vorsitzende anhand einer Grafik.

Grund ist seiner Meinung nach der Zusammenbruch von Ökosystemen. „Insektizide wirken nicht mehr, Resistenzen nehmen zu. Und das Überhandnehmen einiger Organismen hat damit zu tun, dass die Konkurrenten weg sind, das verstehen nur viele nicht.“ Seine Berufskollegen warnte er aber, auch Biobauern dürften sich nicht zurücklehnen. Jeder müsse auf seinem Betrieb für den Erhalt des vorhandenen Zusammenspiels aller Faktoren im Ökosystem sorgen. „Die schlechtesten Biobetriebe sichern weniger Kohlenstoff im Boden als die besten konventionellen Bauern“, sagte Löwenstein und machte deutlich, dass es auch Biobauern gibt, die immer mehr (ökol. zugel. Mittel) spritzen müssten, da auch ihr Ökosystem aus den Fugen geraten sei. „Wir dürfen uns nicht als Alleskönner darstellen“, mahnte er. Selbstverständlich habe auch Bio nicht alle Probleme gelöst. „Es gibt Höfe, die es gut machen und von denen müssen wir lernen.“

Laut Felix Prinz zu Löwenstein erhalten Zweifler an dem Insektenrückgang Unterstützung durch Studien wie die von Prof. Qaim. "Die Qaim-Studie kommt bei denen, die das ohnehin schon glauben, in fünffacher Verstärkung an." (Bildquelle: Deter)

Die Lösung

Als Ziel einer nachhaltigen, ökologischen Landwirtschaft definierte Löwenstein, dass die Bauern möglichst wenig eingreifen müssten, der Ackerbau in einem intakten Ökosystem müsse selbständig funktionieren. „Eine Fülle von Arten hat große Vorteile für die Landwirtschaft, wir müssen den Weg hin zu stabilen Systemen finden“, erklärte er und verwies auf erfolgreiche Beispiele aus dem Urwald Brasiliens. Es sei aber extrem schwierig, einmal zerstörte Ökosysteme wieder aufzubauen und die verlorenen Arten zurückzugewinnen.

Auf die Frage aus dem Saal, wie man denn Gehör finden soll, empfahl Löwenstein die Mitarbeit in der Kommunalpolitik und die Unterstützung von Abgeordneten auf Kreisebene. Diese würden die aus der Praxis aufgenommenen Argumente multiplizieren.

Wichtig sei bei allem, Veränderungen gemeinsam mit den konventionellen Kollegen anzugehen, es gehe nicht gegeneinander. „Viele konventionelle Betriebe stecken in einer Klemme. Wer einen neuen Stall gebaut hat, wird auf seinem Betrieb nichts verändern, solange der noch nicht abgezahlt ist. Viele Kollegen fühlen sich dann von unseren Vorschlägen direkt persönlich angegriffen, sie sprechen von Berufsehre und moralischer Ehre“, schilderte Löwenstein, der auch im hessischen Bauernverband nach eigener Aussage oft das Gespräch sucht.

Sein Rat: Die konventionellen Bauern sollten aus dieser Sicht raus und offen über ihre Probleme und Lösungen reden. „Am Anfang sollten wir zusammen über Dinge sprechen, die für Biobauern genauso ein Problem sind wie für die anderen, z.B. weiter ansteigende Schleppergewichte oder Nährstoffkreisläufe, die auch bei uns Biobauern nicht geschlossen sind.“ Er rief die Zuhörer auf, die konventionellen Kollegen mitzunehmen, schließlich seien das auch die Biobauern von morgen.

Der Frage aus dem Publikum, wie die zunehmenden Leistungen der Bauern über den Marktpreis finanziert werden sollen, wich Löwenstein aus. Er sieht aber auf die Höfe große Umstellungsprozesse zukommen. So müsse man sich von bisherigen Produktionssystemen trennen, wenn es z.B. dauerhaft Starkregenereignisse gibt. Die staatliche Förderung müsse dementsprechend angepasst werden. Große Hoffnungen setzt er auch in die Digitalisierung, die schwere Maschinen in kleinere Einheiten aufspaltet.

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Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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Diskussionen zum Artikel

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von Volker Hahn

PSM werden weniger

Aber leider werden auch alle Begasungsmittel,- Lagerung aller Gemüsearten , Äpfel u.ä. - hiermit erfasst . Und ja, der Anstieg ist dadurch gewaltig, weil immer mehr Produkte gelagert werden und verkaufsfähig gehalten werden müssen. Aber natürlich wäre die Wahrheit nicht zielführend in Ihrer Argumentationskette. Im letzten Jahr hat mein Konvikollege seine Greeningbohnen umgebrochen, weil sie von Bohnenläusen aufgefressen wurden- PS-Einsatz verboten. Der Biokollege hatte seine biologische Wunderwaffe eingesetzt ( ein natürliches Neonicotinoid ( ha, ha,...) ) und gut geerntet. Mich kotzt diese Schwarz-Weiss-Malerei nur noch an, weil sie so was von unehrlich und verlogen ist und einzig und allein den Ideologen hilft, uns alle auseinanderzudividieren. Dazu tragen Sie leider ganz erheblich mit bei.

von Karlheinz Gruber

Herr Von Löwenstein

Sie können mir noch so viele Studien unter die Nase halten, wie schonend das Hacken und Striegeln der Kulturen vor sich geht und dass damit kein Schaden in Insekten, Eiern usw. entsteht. Alleine der gesunde Menschenverstand und das wachsame Auge eines Betriebsleiters zeigen einem die Schäden, die nach einer Durchfahrt zur Beikrautregulierung im Bestand sind. Die Eierschalen sind keine von den Dinos. Die halten das nicht aus. Ebensowenig die Insekten. Herr von Löwenstein. Es wäre auch für die Ökos gut, wenn hier mit mehr Ehrlichkeit gearbeitet werden würde. Der Rest Ihres Beitrages ist leider zu viel um Ihnn hier eine passende Antwort zu schreiben. Evtl. trifft man sich irgendwo und dann diskutiert man das aus. Mfg gruber Karlheinz

von Felix zu Löwenstein

Wie schützen wir die Artenvielfalt

Lieber Herr Gruber, Ihre Vermutung, ökologisch wirtschaftende Betriebe würden durch die mechanische Unkrautregulierung mehr Schaden an der Biodiversität anrichten, als die chemische , trifft nicht zu. Das ist das völlig eindeutige Ergebnis des Thünen-Reports 65. Den kann sich jeder im Internet herunterladen. Was ich in meinem Vortrag gestern Abend aber betont habe: das kann für keinen Ökobetrieb eine Entschuldigung sein, sich entspannt zurückzulehnen. Denn über meinen eigenen, konkreten Betrieb sagt eine solche Studie nur wenig aus - ausser, dass ein System, das auf chemisch-synthetische Dünger (N) und Pestizide verzichtet grundsätzlich einen Vorteil bietet. Aber ob wir bei uns auf dem Betrieb alles ausgeschöpft haben, was man an Lebensräumen für Insekten, an Rückzugsräumen für Brutvögel etc. machen kann, das kann ich klar mit "Nein" beantworten. Und ich nehme mal an, das trifft für jeden Betrieb zu. Und deshalb ist ja mein Appell an uns alle - egal ob konventionell oder ökologisch wirtschaften: kreativ zu werden, sich beraten zu lassen, sich mit den Kollegen auszutauschen (über die Grenzen der Anbausysteme hinweg) und vor allem sich die Betriebe anzusehen, die schon weiter sind als man selbst. Denn eines kann man einfach nicht mehr tun - wegreden, dass die Probleme in unseren Ökosystemen - v.a. Artenschwund, Stickstoffüberfrachtung, Klimawandel - bedrohlich geworden sind. Und dass wir Landwirte, die wir über die Häfte der Landesfläche bewirtschaften, da eine besonders hohe Verantwortung haben. Noch eine Anmerkung zum Artikel: Die Studie von Prof. Quaim (Göttingen), auf die ich Bezug genommen habe heißt Organic Agriculture, Food Security, and the Environment. Ich habe sie nicht pauschal als "absurd" bezeichnet - ich teile sogar viele ihrer Schlussfolgerungen. Was ich aber kritisiere ist, dass man in die Beurteilung von Systemveränderungen in der Landwirtschaft die Veränderungen in der Verbrauchernachfrage einfach ausklammert. Konkretes Beispiel: Wenn man Hühner so mästet, dass sie das Doppelte kosten, verändert das auch den Verbrauch. Mein Aufforderung ist deshalb, das gesamte System zu denken und nicht nur Ausschnitte davon. Und zum Abschluss: Danke für die differenzierte Diskussion in den meisten der Beiträge hier. Nur das kann uns weiterhelfen!

von Alexander Spahr

Insektensterben???

Leute, mal ehrlich.....wo sind die "Beweise" für das sterben unserer Insekten. Die "Studie" der Krefelder soll die Grundlage sein,......Lachhaft. Wir dummen Deutschen glauben alles was uns durch die NGO's vorgeworfen wird.....

von Claus Sylvester

Wir sollten ...

...doch wieder den Einen oder Anderen Misthaufen im Ort anlegen, das hilft den Insekten und somit auch manch einer Vogelart. Und damit meine ich die ganze Kette bis hin zu den „Raubvögeln“.

von Karlheinz Gruber

Herr von löwenstein

in ein paar Punkten gebe ich Ihnen sogar recht. Nämlich das es in ein paar Jahren keine konv. und Ökos mehr geben wird. Aus verschiedenen Gründen. Einmal die Wirtschaftlichkeit. Die geht bei allen über Bord weil der Verbraucher nichts bezahlen will, und zweitens weil jedes System mit seinen derzeitigen Nachteilen nicht überleben kann und wird. ABER es sollte Ihnen schon auch als Öko zu denken geben, wenn bei Ihnen daheim als VorzeigeÖko, der immer auf uns Konv. schimpft auf 160 !!! ha Ökofläche wenig Natur vorherrscht. Vielleicht ist es doch auch so, daß das ewige Hacken und Striegeln der Flächen für die Reinhaltung der Kultur, noch schlimmer ist als einmal mit dem PSM. Alle (Nach)Gelege der Feldbrüter sind dahin, alle Kleintiere zerstriegelt, und alle Insekten zermanscht und Verschüttet von der Hacke und dem Striegel. Das ist eher die Realität beim Ökolandbau. Artenvielfalt fällt hier der MASCHINELLEN Unkrautjäterei zum Opfer. Das einzige was hier helfen würde, wäre wie vor 100 Jahren mit der Hand. Nur da werden Sie niemanden mehr hervorholen können, der das noch mitmacht und vor allem die Leute noch ernähren kann. Und dieses derzeitige Biosystem wird Ihnen in ein paar Jahren auch um die Ohren fliegen. oder wie sagte ein Ökokollege: Das sind Kollateralschäden, die man halt hinnehmen muß. So viel zur Artenvielfalt im Ökolandbau. Wie schon eingangs geschrieben, die Nachteile fliegen bald jedem um die Ohren. Bei Öko noch heftiger, denn die Teilen zur Zeit am meisten gegen Konv. als reinste Naturzerstörer aus!!!! (Lesen Sie doch mal Ihre eigenen Aussagen die letzten Jahre und vergleichen Sie den Ist Zustand bei Ihnen daheim. Ihnen könnten die Augen aufgehen)

von Heinrich Steggemann

Humusaufbau ganz neu denken

Ich beschäftige mich als konventioneller Landwirt seit nun knapp zwei Jahre mit den verschiedenen Meinungen zum Humusaufbau. Vor hundert Jahren waren die meisten von uns heute bewirtschafteten leichten Sandböden noch Heide oder Unland als Ergebnis des Jahrhunderte langen Raubbaus für die Plaggeneschböden. Mit der traditionellen Lehrmeinung zum Humusaufbau und deren aktuelle Umsetzung kommen wir jedenfalls im konventionellen wie im Bio-Anbau nicht weiter. Ich besuche dieses Jahr einen 8tägigen Bodenkurs übers Jahr verteilt. Hauptthema dabei ist das hochfahren des Bodenlebens und der Aufbau des flüssigen Kohlenstoffweges. Dabei versorgen die Hauptfrüchte und die Zwischenfruchtmischbestände das Bodenleben mit Wurzelexsudaten und im Gegenzug das Bodenleben die Pflanzen mit Makro und vor allen Dingen Mikronährstoffen. Damit das Bodenleben nicht hungern muss, sollten möglichst ganzjährig lebende Wurzeln im Boden sein. Mit Hilfe der Wurzelexsudate wird vom Bodenleben Nährhumus gebildet. Die Kursteilnehmer wirtschaften sowohl biologisch als auch konventionell und mit den unterschiedlichsten Betriebszweigen. Das gemeinsame Ziel sind ertragsstabilere Böden mit weniger Input von aussen.

von Albert Maier

Wer slche Freunde hat...

.... braucht eine Feinde mehr!

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