Ist Ökolandbau nachhaltiger?

Öko, kein Öko oder beides? Eine Vision zur Landwirtschaft im Jahr 2030 gibt Dr. Heinrich Graf von Bassewitz.

Dr. Heinrich Graf von Bassewitz, Gut Dalwitz, Mecklenburg-Vorpommern. Er ist Beauftragter des DBV für den Ökolandbau und war von 2010 bis 2013 im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung (Bildquelle: RNE)

Gegenüber der konventionellen Landwirtschaft hat der biologische Landbau bei der Nachhaltigkeit in vielen Punkten die Nase vorn: Dieser fördert die Biodiversität stärker, verbraucht durch Pflanzenschutz- und Düngemittelverzicht weniger Ressourcen und trägt mehr zum Wasserschutz bei. Dies resultiert in erster Linie aus dem Kreislaufprinzip der Nährstoffe.

Aber Biobetrieb ist nicht gleich Biobetrieb: Nur die Richtlinien der deutschen Bio-Anbauverbände fordern eine echte Kreislaufwirtschaft. EU-Bio erlaubt dagegen die Teilbetriebsumstellung und hohe Importe konventioneller Wirtschaftsdünger. Aber auch bei den Richtlinien der deutschen Bioverbände bleibt noch viel zu tun. Sie fordern zwar eine aktive Gestaltung des Lebensraums. Es fehlen allerdings Wirkungsindikatoren zur Überprüfung. Die Verbandsrichtlinien haben im ökologischen Bereich Stärken, fallen aber beim Klima, der Ökonomie und dem Sozialen ab. Soll sich der Öko-Landbau zum „Goldstandard“ für Nachhaltigkeit entwickeln, muss hier nachgearbeitet werden. Sonst ist zu befürchten, dass ihn vereinfachende, nur auf wenigen Parametern beruhende Nachhaltigkeitssiegel wie „Pro Planet“ von REWE, öffentlichkeitswirksam überholen.

Der Betriebsleiter zählt!

Das Maß an Nachhaltigkeit bestimmen aber nicht nur die Öko-Richtlinien. Vergleicht man ökologische und konventionelle Betriebe, zeigt sich der große Einfluss des Betriebsleiters. Seine organisatorischen Fähigkeiten beeinflussen die Nachhaltigkeit eines Betriebes oft mehr als das jeweilige Produktionssystem. Wissenschaftlich untermauert haben das das Thünen-Institut und die TUM Weihenstephan. In enger Kooperation untersuchten Forschung, Beratung und Praxis 40 ökologische und 40 konventionelle „Betriebspaare“. Ergebnis: Die Besten sind meist Ökobetriebe, aber sehr gut geführte konventionelle Betriebe übertreffen durchschnittliche Öko-Betriebe in ihrer Nachhaltigkeit.

Gräben überwinden …

Mehr Nachhaltigkeit bei hoher Produktivität könnte meiner Meinung nach die Überwindung der „Grabenkämpfe“ zwischen Öko- und konventioneller Landwirtschaft bringen. Dazu müssen technische Innovationen kommen.

Meine Vision dazu: Im Jahr 2030 ist Soja an unser Klima angepasst, Lupinen bringen auf schwachen Standorten 5 t/ha. Leguminosen wachsen auf 25 % unserer Fläche und liefern Eiweißfutter und Stickstoff – Eiweißimporte gibt es nicht mehr.

Die Tierproduktion ist wieder in die Betriebe integriert, da die Diversifizierung Marktrisiken ausgleicht. Mit dem Mist der Ställe und dem Gras von naturgeschützten Grünlandflächen sowie mit Kleegras vom Acker wird Biogas und Elektrizität produziert. Die Traktoren fahren mit Biogas, aus den Gärresten wird Dünger. Die Betriebe sind komplett energie- und düngerautark und beliefern Dörfer und Städte mit Energie aus Biogas, Solaranlagen und Wind. Die Kulturpflanzenzüchtung setzt Schwerpunkte auf Krankheitsresistenz und eine bessere Nährstoffausnutzung. GPS- und computergesteuerte Groß-Hacken mit Laser können Unkraut von Kulturpflanzen unterscheiden. Sie sind so schnell wie Feldspritzen und verbilligen die mechanische Unkrautbekämpfung. Mähdrescher sterilisieren den Unkrautsamen, bevor er mit dem Stroh wieder auf die Fläche fällt. Organische Pilzbekämpfungsmittel sind genauso effizient wie Fungizide und Pheromonfallen fangen Schadinsekten. Wer wäre gegen ein solches nachhaltiges High-Tech-System, das eine hohe Produktqualität sichert?

Mehr Forschung!

Die heutige Standardtechnologie mit chemischem Dünger, Pflanzenschutzmitteln und Medikamenten hat die Nahrungsmittelsicherheit sicher erst ermöglicht. Der chemische Fortschritt hat aber Nebenwirkungen. Deshalb müssen nun neue Ansätze her, um hohe Produktivität mit Nachhaltigkeit zu verbinden. Vor 30 Jahren haben wir Überschüsse produziert, die öffentliche Forschung zur Produktivität fast eingestellt und der Pflanzenschutz- und Saatgutindustrie überlassen. Es gibt kaum noch öffentliche Agrarforschung für produktivitätssteigernden Fortschritt. Aber wir benötigen sie, um nachhaltige Verfahren mit hoher Produktivität zu entwickeln. Ökologischer Landbau und nachhaltige Produktionsverfahren haben nur dann eine Chance, wenn sie am Markt wettbewerbsfähig werden. Dazu muss die Effizienz steigen. Es fehlt ein technologischer „Big Bang“.

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Diskussionen zum Artikel

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von Heinz Hahn

Bäuerliche Kleinbetriebe....

und kleinstrukturierte Argrarlandschaften wie es von vielen Ideologen gefordert wird steht im Widerspruch zur hochmodernen Technik. Da muss sich der Verbraucher in Sachen Lebensmittelkosten gewaltig umstellen. Das geht nicht bei offenen Weltmärkten. Beispiel Palmöl von ehemaligen Regenwaldgebieten. So lange beim Import weggesehen wird sind solche Forderungen einfach nur unglaubwürdig. Selbst innerhalb Deutschland gibt es erhebliche Unterschiede in puncto Produktionskosten für das gleiche Produkt. Ich bin gespannt wie lange der Wunsch nach 100% Bio Deutschland Bestand hat.

von Jörg Meyer

Angst vor weniger Förderung geht um

Wenn die Bioproduktion wirklich wie gewünscht wächst werden die Subventionen sinken müssen je Outputeinheit weil es nicht finanzierbar wird. Gleichzeitg werden immer mehr Bioprodukte auch die Preise ins rutschen bringen. Nun versucht man zwischen guten und weniger guten Biobauern zu differnzieren um seine Schäfchen ins trockene zu bringen. Der werden dann schon mal früher Argumentationsketten bis zur Unkenntlichkeit verbogern. Hier das gute und dort das weniger gute Bio, aber Bio besser als böses konventionell! Nachhaltiger? Wenn ich mit alten Landrassen, ohne Soja sondern mit einheimischen Eiweißträgern, die ungünstige AS-Strukturen haben in Außenklimaställen ohne künstliche Aminosäuren Tiere mäste, dann wird die Futterverwertung alles andere als Nachhaltig von den Emissionen und Exkrementen im Verhältnis zum Kilo Fleisch ganz zu schweigen! Das ganze dann zu Luxuspreisen von 28 kg und mehr im Laden. Ohne Subventionen würden diese Produkte wahrscheinlich mehr als das doppelte kosten müssen. Das ist nicht nachhaltig! Und dreimal Striegel und der Einsatz von Cupfer schades auch der Biodiverität! Kurzum hier geht die Angst um sich selbst zu parasitieren.

von Gerhard Steffek

Was hat der Kerl geraucht?

Um solch einen Stuß von sich zu geben. Nach derzeitigem Stand der Dinge produziert die Biolandwirtschaft ein Drittel weniger als ein modern wirtschaftender Betrieb. Ohne Düngung und Pflanzenschutz kommt diese auch nicht aus. Eine geschlossene Kreislaufwirtschaft hat die Biolandwirtschaft genausowenig wie die Moderne. 650 Gramm Phosphor sind in jedem Menschen enthalten und werden mit ihm auf Nimmerwiedersehen vergraben. Der Friedhof als Nährstoffsenke. Ebenso wie die Meere dieser Welt. Jedes Jahr gehen tausende Tonnen von Phosphor über die Flüsse in den Meeren bis auf weiteres verloren. Eingeleitet von den Kläranlagen der Gemeinden und Städten. Verloren gehen auch wieder tausende von landwirtschaftlichen Betrieben wird die Vision der "Groß-Hacken" war. Wer kann sich die leisten? Noch dazu kommt das durch die "Biodiversität" des einzelnen Betriebes dieser auch wieder wachsen muß um vermarktungsfähige Strukturen und Chargen auf den Markt zu bringen. 25 % Leguminosenanbau muß erstmal integriert werden können. Ein Drittel weniger Ertrag im Getreideanbau bedeuted im Umkehrschluß 50 % mehr Fläche wird benötigt um die Menge gleich zu halten. Woher soll diese kommen? Aber ja gut, er redet ja von 2030. Kann sich ja nicht ein jeder über einen so langen Zeitraum entsprechende Vorstellungen machen. Aber er schon oder? Oder hofft er nur darauf das bis zu diesem Zeitraum über seine heutigen Worte keiner mehr ein Wort verliert, da sich sich als Stuß erwiesen. Billige Glaskugelleserei ist das, mehr nicht. Aber was will man aus diesen Kreisen anderes erwarten. Wieviel Mist in diesen zirkuliert und dadurch gleichzeitig auch noch die unwissende, nicht denkende Bevölkerung infiltriert konnte ich letzten Samstag auf der Heim- und Handwerk feststellen. Da kam ich mit einem Demeter-Bioimker ins Gespräch. Nachdem er auch einen Phacelia-Honig hatte, interessierte mich dieser. Im Gespräch darüber sagte er doch tatsächlich das bei ihnen im Hagenower Land viel Phacelia von den Biobetrieben zur Düngung angebaut wird, weil diese Pflanze sehr viel Phosphor enthält.... Es war zwar ein Imker, aber ich möchte nicht wissen was er sonst noch so alles zum Besten gibt. - Besserwisser entstehen in einem Umfeld von Unwissenden, oder dem höflichem Schweigen der Wissenden.

von KBV Demmin

Klare Worte fehlen

leider auch hier. Wenn selbst in einem landwirtschaftlichen Fachmagazin im 2. Satz Halbwahrheiten - besser Unwahrheiten verbreitet werden, brauchen wir uns nicht wundern, wenn der (mündige) Bürger uns nicht mehr versteht: "Dieser fördert die Biodiversität stärker, verbraucht durch Pflanzenschutz- und Düngemittelverzicht weniger Ressourcen .... " Mir ist zumindest nicht bekannt, dass im Ökolandbau auf Düngung und Pflanzenschutz verzichtet wird!

von Gerold Füge

Ressourceneffizienz?

Biolandbau verbraucht weniger Ressourcen? Mind. doppelte Anbaufläche je to Ertrag, dadurch eher schlechtere CO2 Bilanz usw.usw. Greenwashing!

von Paul Siewecke

Leguminosen auf 25% der Fläche....

Die Ökoverbände fordern 20% Leguminosenanteil als Richtlinienpunkt. Das deckt sich zum Beispiel gut mit der Notwendigkeit, z.B. Lupinen nur alle 5 Jahre auf der selben Fläche anzubauen (Vermeidung von "Fruchtfolgekrankheiten"). Ansonsten ist es doch einfach nur eine Frage des Preises, den die Erfasser bereit sind, uns Erzeugern für unsere Produkte zu zahlen. Und solange Importsoja billiger ist...

von Berthold Lauer

"Dies resultiert in erster Linie aus dem Kreislaufprinzip der Nährstoffe." Das mit dem Kreislauf müsste mir mal jemand erklären. Wie kommen die Ausscheidungen der Konsumenten wieder zurück? Wie funktioniert Kreislauf mit Italien oder Rumänien oder China oder.......??? Visionen sind gut und wichtig aber sie werden nicht immer Realität und dass wieder mehr Tierhaltung in den Betrieben integriert sein wird kann man beim Blick auf die momentanen Diskussionen nur schwer glauben. Eher muss man davon ausgehen, dass sie sich ganz verabschiedet, weil sie nicht mehr gewünscht ist, nicht mehr gebraucht wird oder weil sich niemand mehr das antun möchte.

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