Geschäftsmodell

Neue Einkommensquelle CO2-Zertifikat?

Über zusätzlichen Humusaufbau können Landwirte klimaschädliches CO2 im Boden binden. Macht es Sinn, diese Leistung als CO2-Zertifikat zu verkaufen? Axel Don ist skeptisch.

Gesa Harm sprach mit Dr. Axel Don vom Thünen-Institut über die Nutzung von CO2-Zertifikaten.

Von der Airline bis zur Molkerei wollen viele Unternehmen künftig „klimaneutral“ arbeiten. Gleichzeitig können Landwirte über den Humusaufbau im Boden klimaschädliches CO2 binden. Wie wird daraus ein Geschäftsmodell?

Don: Über sogenannte CO2-Zertifikate. Die Idee dahinter: Der Landwirt erhöht den Humusvorrat in seinem Acker, eine Firma zertifiziert die damit realisierte Bindung von CO2, bezahlt dem Landwirt eine Prämie und verkauft die Zertifikate an die Unternehmen weiter. Auf diesem Markt herrscht derzeit Goldgräberstimmung, es wird viel Geld fließen.

Das klingt nach einem guten Zuerwerb für Landwirte, oder?

Don: Das sogenannte Carbon farming ist gerade in der Findungsphase. Noch ist nicht ausgemacht, ob damit wirklich Klimaschutz gemacht wird und auch nicht, ob Landwirte damit Geld verdienen können. Derzeit kann ich die Landwirte nur warnen, sich vorschnell auf CO2-Zertifikate einzulassen. Sie sollten den Humusaufbau in den Ackerböden lieber vo-rantreiben, um die Fruchtbarkeit ihrer Böden zu erhöhen und mit mehr Humus die Folgen des Klimawandels abzupuffern. Als Beitrag zum Klimaschutz wird Humusaufbau in Deutschland dagegen überschätzt.

Handelt es sich bei den Zertifikaten um „Greenwashing“?

Don: Das kann man so nicht generell sagen. Fest steht aber: Nicht alle Humuszertifikate, die mit dem Label Klimaschutz werben, tragen auch tatsächlich zum Klimaschutz bei. Manche erfüllen die allgemein anerkannten Qualitätskriterien nicht. Danach muss die CO2-Kompensation auf dem Acker zusätzlich, nachweisbar und dauerhaft sein. Außerdem darf sie nicht zu Verlagerungseffekten von Treibhausgasemissionen führen.

Welcher Humusaufbau lässt sich auf dem Acker erreichen?

Don: Unter günstigen Bedingungen können Landwirte den Humusvorrat um durchschnittlich 0,5 % jährlich steigern. In Böden mit hohem Tongehalt und auch, wenn Böden lange mit organischer Substanz unterversorgt waren, kann Humusaufbau vergleichsweise zügig stattfinden.

Aber überall braucht man für den Humusaufbau leicht 10 bis 20 Jahre. In der Praxis fehlt dieser lange Atem oft. Stattdessen kaufen Landwirte für CO2-zertifizierte Flächen einfach Kompost zu. Damit lässt sich der Humusgehalt relativ zügig steigern. Nur: Dieser mit dem Kompost ausgebrachte organische Kohlenstoff steht an anderer Stelle nicht mehr zur Verfügung, es handelt sich um einen Verlagerungseffekt.

Auf der CO2-zertifizierten Fläche steigen zwar die Humusvorräte, auf den Flächen, wo der Kompost »abgezogen« wurde, sinken sie aber. Denn die produzierte Kompostmenge ist bei uns gleichbleibend. De facto findet nur eine Umverteilung von Humus statt. Netto gibt es keinen Humusaufbau und damit auch keinen Klimaschutz.

Mann

Dr. Axel Don, Thünen-Institut für Agrarklimaschutz in Braunschweig

Was ist mit „zusätzlichem Humusaufbau“ gemeint?

Don: Zertifizierte Humusanreicherung muss mit Maßnahmen erfolgen, die über die bereits laufenden und üblichen Maßnahmen hinausgehen. Beim Ökolandbau zeigt sich, wie schwer es ist, zwischen »üblichem« und »zusätzlichem« Humus zu trennen. Öko-Landwirte erreichen durchschnittlich höhere Humusgehalte als konventionelle Betriebe. Dies trägt zum Klimaschutz bei, ist aber im geförderten Bio-Anbau systembedingt – zum Beispiel durch den Kleegrasanbau. Das kann man sich nicht zusätzlich über Humuszertifikate finanzieren lassen.

Benachteiligt beim Verkauf von Humuszertifikaten sind auch Landwirte, die schon in der Vergangenheit in den Humusaufbau investiert haben. Weil sie den Humus bereits mehren, kann man nicht mehr von zusätzlichen Maßnahmen sprechen. Für sie ist es außerdem schwerer, den Humus weiter zu steigern als für Landwirte mit Flächen mit lange vernachlässigten Humusvorräten.

Wie kann der Landwirt den erreichten Humusgehalt aufrechterhalten?

Don: Die Dauerhaftigkeit der Humusspeicherung ist im Ackerbau genau das Problem. Wird die Bewirtschaftung gestoppt, die zum Aufbau geführt hat, wird der Humus wieder abgebaut. Unkalkulierbar ist auch die Klimaerwärmung. Wird sie noch stärker, wird sich Humus schneller abbauen als derzeit. Deshalb wäre es fatal, wenn ein Landwirt einen bestimmten zukünftigen Humusgehalt vertraglich garantiert.

Rechnen sich die CO2-Zertifikate für den Landwirt?

Don: Ich halte die CO2-Preise für zu niedrig. Zahlt ein Zertifizierer z. B. 40 € pro Tonne gebundenes Co2, läge das bereits über den üblichen Co2-Preisen. Vermehrt der Landwirt den Humus nun um 520 kg pro Hektar im Jahr, was bei einem durchschnittlichen Humusvorrat von 105 t pro Hektar 0,5 % entspräche, würde er dafür 44 €/ha erhalten. Das reicht nicht mal für das Saatgut der Zwischenfrucht. Dazu kommt, dass die erste Humusuntersuchung für ein CO2-Zertifikat meist vollständig vom Landwirt zu bezahlen ist. Das Risiko, dass es trotz hoher Aufwendungen keinen nachweisbaren Humusaufbau gibt, liegt beim Landwirt.

Wie läuft der Nachweis der CO2-Einlagerung?

Don: Humusgehalte im Ackerboden zu bestimmen, ist aufwendig, weil Humusvorräte auch innerhalb eines Schlages sehr unterschiedlich sein können. Man muss also sehr viele Bodenproben an GPS-markierten Punkten nehmen, um Veränderungen nachweisen zu können. Dazu kommt eine Nachweisungenauigkeit von 5 bis 10 %. Denn die CO2-Zertifikate basieren auf Veränderungen des Humusvorrats. Dieser errechnet sich aus dem Unterschied im Humusgehalt, der z. B. von der LUFA in der Feinbodenprobe ermittelt wird, dem Steingehalt und der Lagerungsdichte des Oberbodens. Steigt z. B. der Humusvorrat um 0,5 %, erhöht sich der Humusgehalt des Ackerbodens nur um durchschnittlich 0,02 %. So kleine Änderungen nachzuweisen, ist schwierig.

Was raten Sie den Landwirten?

Don: Landwirte sollten vor allem den Wert von Humus für ihren Ackerbau erkennen und nicht so sehr auf die CO2-Zertifikate spekulieren. Wenn schon CO2-Zertifikate, dann mit Maßnahmen, mit denen dauerhaft zusätzlicher Kohlenstoff gespeichert wird, z. B. mit neuen Hecken oder durch zusätzliche Gewässerrandstreifen.

Sehr effizient ist auch die CO2-Einlagerung in Moorböden. Hier besteht dringend Handlungsbedarf, weil etwa ein Drittel der von der Landwirtschaft verursachten CO2-Emissionen in Deutschland aus landwirtschaftlich genutzten Moorböden stammt. Zertifikate für zusätzlich wiedervernässte Moorböden ergeben tatsächlichen Klimaschutz.


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