Landwirtschaft im Dialog

Plagge: Ökolandbau hat zentrale Bedeutung für die Landwirtschaft der Zukunft

Anlässlich der Veranstaltung "Öko oder konventionell, klein oder groß, global oder regional: Welche Landwirtschaft wollen wir?", die top agrar am 29. September durchführt, sprachen wir mit Jan Plagge.

Wie schaffen wir im aktuellen Spannungsfeld den Ausgleich zwischen den Wünschen der Bürger und den Interessen der Landwirte? Welche Landwirtschaft wollen wir in Deutschland? Welche Rahmenbedingungen muss die Politik dafür setzen? Darüber wollen wir am 29.09.2020 mit Politikern, Wissenschaftlern, Wirtschaftsvertretern und dem landwirtschaftlichen Berufsstand in Berlin bei "Landwirtschaft im Dialog" diskutieren. Wir sprachen vorab mit Jan Plagge, dem Präsidenten von Bioland und IFOAM Organics Europe.

top agrar: Welche Rolle spielt der Ökolandbau für die Zukunft der Landwirtschaft? Kommt nach der Phase der Standardisierung jetzt wieder die Diversifizierung?

Plagge: Der Ökolandbau war und ist eine gemeinschaftliche Antwort landwirtschaftlicher Erzeuger auf die gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Die Eigenverantwortung bei der Bewältigung der ökologischen Krise, steht dabei im Mittelpunkt unserer Bewegung.

Wenn man die Rolle des Ökolandbaus in der Zukunft verstehen will, muss man folgenden zentralen Unterschied zum bisherigen Mainstream verstehen: Der Erhalt unserer Lebensgrundlagen und die gesellschaftliche Akzeptanz sind die Grundlage unseres Tuns und nicht umgekehrt. Weil die Not zur Erhaltung unserer Lebensgrundlagen immer größer wird, steigt der Handlungsdruck, hier entgegenzuwirken. Der Ökolandbau spielt dabei eine große Rolle. Er bietet viele diverse, wirksame Maßnahmen an.

Aus der ganzheitlichen Betrachtung landwirtschaftlicher Systeme sind über Jahrzehnte klare Prinzipien und Regeln entstanden: Einen wichtigen Anteil hat hierbei vor allem die flächengebundene Tierhaltung, der Humusaufbau durch den notwendigen Futterbau, das Stickstoffmanagement, der Erhalt von Dauergrünland und die vielfältigen Fruchtfolgen auf dem Acker.

Der ökologische Landbau funktioniert eben gerade nicht mit einem Rezept für die Anwendung von Betriebsmitteln, sondern braucht sehr viel lokale Anpassung und Know-How in der Praxis sowie eine intensive wissenschaftliche Begleitung und ständige Weiterentwicklung in Europa und weltweit.

Dass der Ökolandbau für die Landwirtschaft der Zukunft politisch mittlerweile eine zentrale Bedeutung hat, zeigen die Zielmarken zum Ausbau der ökologischen Landwirtschaft, allen voran die europäische Farm-to-Fork-Strategie mit ihrem Bekenntnis zu 25 % Ökolandbau in der EU bis 2030.

Wie schaffen wir den Ausgleich zwischen den Wünschen der Bürger und den Interessen der Landwirte?

Plagge: Im Grunde genommen möchten doch fast alle das Gleiche: Hochwertige Lebensmittel und Umwelt-, Klima- und Tierschutz auf hohem Niveau. Landwirte wollen und brauchen dafür einen fairen Preis.

Viele Verbraucherinnen und Verbraucher sehen jedoch nicht ein, warum sie freiwillig mehr Geld ausgeben sollen, wenn in der Ladentheke billige Alternativen angeboten werden. Mit dem jeweiligen Appell an die anderen Gruppen stecken Landwirte, Verbraucher und die Politiker seit Jahren in einem selbst geschaffenen Dilemma.

Ein wichtiger Schritt aus diesem Dilemma heraus zu kommen, ist eine klarere Trennung der Märkte für Lebensmittel und der Märkte für öffentliche Güter bzw. gesellschaftliche Leistungen.

Auf dem Markt für Klima- und Umweltschutz herrscht ein Marktversagen, das nur die ganzheitliche Gesellschaft lösen kann. Die Verantwortung kann nicht auf einzelne Landwirte und Verbraucher abgeschoben werden. Die politischen Vertreter in Regierung und Parlamenten müssen hier das Mindestniveau für alle anheben und gleichzeitig eine echte Entlohnung für zusätzliche Leistungen im Bereich Umwelt-, Klima- und Tierschutz schaffen.

Der Politik fehlt hier der Mut. Um das überholte System der Direktzahlungen auslaufen zu lassen und dieses schrittweise mit einem Honorierungssystem zu ersetzen, braucht es die Unterstützung der Landwirte. Wir müssen diese Veränderung aktiv gestalten und damit einen Einstieg in den dringend notwendigen Ausgleich schaffen.

Was ebenfalls für diesen Ausgleich notwendig ist, da sind sich fast alle einig, sind veränderte Handelsverträge. Das Argument der potenziellen Verlagerung der Produktion an Standorte mit niedrigeren Umwelt- und Tierschutzauflagen ist zwar relevant, es darf aber nicht immer wieder dazu herangezogen werden, den unbefriedigenden Status Quo zu rechtfertigen.

Eine nachhaltige Entwicklung gibt es nur, wenn es zwischen Landwirten, Verarbeitern und dem Einzelhandel verbindliche, langfristige Partnerschaften auf Augenhöhe gibt. Das haben Sie anlässlich des Treffens der Kanzlerin mit den Chefs des Lebensmittelhandels gesagt. Dafür sei ein Anschub der Politik und ein veränderter Wettbewerbsrahmen notwendig. Wie sieht für Sie dieser Rahmen aus?

Plagge: Im ersten Schritt muss es dafür eine ambitionierte nationale Umsetzung der UTP-Richtlinien geben, damit alle unlauteren Handelspraktiken in der Lebensmittellieferkette effektiv unterbunden werden. Um das Ziel einer stärkeren Stellung der Erzeuger in der Lebensmittelversorgungskette zu erreichen, müssen noch wichtige Gesetzesänderungen am Entwurf des AgrarMSG umgesetzt werden. U.a. sind dies:

  • Die unlauteren Handelspraktiken in der grauen Liste müssen in die schwarze Liste überführt werden.

  • Keine abschließende, sondern eine offene Definition unlauterer („schwarzer“) Praktiken. Die Durchsetzungsbehörde sollte regelmäßig einen Auslegungskatalog veröffentlichen, der die derzeit am Markt vorherrschenden und als unlauter einzustufenden Praktiken identifiziert. Diese Auslegungstransparenz würde insbesondere bewirken, dass Einkaufs- und Compliance-Abteilungen im LEH regelmäßiger Hand in Hand arbeiten müssen, um im Rahmen der Risikokontrolle die Gesetzeskonformität der Liefervereinbarungen zu gewährleisten. Die Etablierung einer solchen self-enforcement-Dynamik im Inneren der regulierten Unternehmen verschafft dem Gesetz bedeutend mehr Effektivität als es Ermittlungen „von außen“ in Einzelfällen leisten können.

  • Regelmäßige, stichprobenartige und verdachtsunabhängige Kontrollen durch die Durchsetzungsbehörde. Dafür muss eine Mindestanzahl von stichprobenartigen Analysen von Lieferant-Käufer-Beziehungen festgelegt werden. Nur auf diese Weise kann die bekannte „Ross-und-Reiter“-Problematik überwunden werden, die in der Vergangenheit immer wieder Versuche zur Eindämmung unlauterer Handelspraktiken im Rahmen von Beschwerdemechanismen verhindert hat. Es ist vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen insbesondere nicht effektiv, wenn die Behörde allein aufgrund von Beschwerden Einzelfällen nachgeht. Dieses „Ermittlungsparadigma“ muss durch ein „Kontrollparadigma“ ergänzt werden.

  • Effektive Bußgelder: Um unlautere Praktiken effektiv zu unterbinden, müssen die drohenden Bußgelder abschreckende Wirkung entfalten. Die Bußgeldhöhe muss grundsätzlich an den erzielten wirtschaftlichen Vorteil geknüpft und nach oben unbeschränkt sein.

  • Die Durchsetzungsbehörde muss jährlich einen aussagekräftigen Tätigkeits- und Evaluationsbericht vorlegen.

  • Einführung einer Preisbeobachtungsstelle und – wenn möglich - Ombudsstelle (Meldestelle für Dumpingpreise).

Was sich darüber hinaus entwickeln muss, sind verbindliche langfristige Partnerschaften zwischen Landwirten, Verarbeitern und dem Einzelhandel auf Augenhöhe. Das ist Kernarbeit und hier muss jeder viel Zeit investieren. Es geht darum Verständnis für die jeweils andere Seite zu entwickeln und einen gemeinsamen vermittelnden Lösungsraum für Interessenskonflikte zu schaffen. Nach unserer heutigen Erfahrung können wir diese Funktion als Verband von Erzeugern, Herstellern und Händlern gut leisten.

Sie beraten die Kommission als Vorsitzender der „Gruppe für den zivilen Dialog“ bei der Reform der GAP. Was sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Schwerpunkte, den die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik gerecht werden muss?

Plagge: Sollte auch die kommende GAP-Periode wieder kaum Ergebnisse aufweisen, also keine relevanten Beiträge zu den EU-Zielen liefern und die Kritik aus Wissenschaft und Gesellschaft sowie den Prüfinstitutionen der EU immer weiter zunehmen, sehe ich schwarz für die Akzeptanz so viele Steuermittel für die Landwirtschaft zu reservieren.

Daher müssen wir jetzt mit der GAP-Reform den Einstieg (!) in ein verändertes Honorierungsmodell schaffen. Die GAP muss ihren konkreten Beitrag dafür leisten, dass verbindliche Umwelt-, Klima- und Tierschutzziele der EU sowie der Mitgliedsstaaten erreicht werden. Ein Dumpingwettbewerb um die geringsten Leistungen muss verhindert werden. Die drei wichtigsten Schwerpunkte dabei sind:

  • Schrittweiter Umbau der Direktzahlungen in eine echte Honorierung von gesellschaftlichen Leistungen: Am Ende der GAP-Periode müssen 70 Prozent des GAP-Budgets für die Honorierung von freiwilligen Leistungen für den Umwelt-, Klima- und Tierschutz bereitgestellt worden sein.

  • Gesamtbetriebliche Maßnahmen, die die langfristige Ausrichtung der Betriebssysteme in Richtung Klima- und Umweltschutz, sowie den Umbau in der Tierhaltung ermöglichen, müssen im Mittelpunkt der Maßnahmen stehen.

  • Sowohl in den ECOSCHEMES als auch in den Maßnahmen der zweiten Säule muss es eine echte Honorierung der Betriebe für ihre Leistungen geben, anstatt einer reinen Kompensation von Kosten im Vergleich zum gesetzlichen Standard

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Die Veranstaltung "Öko oder konventionell, klein oder groß, global oder regional: Welche Landwirtschaft wollen wir?", die top agrar im Rahmen des Diskussionsformats „Landwirtschaft im Dialog“ durchführt und moderiert, findet am  29. September 2020 in Umweltforum Berlin  statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Weitere Informationen und die Anmeldung finden Sie hier. Für die Veranstaltung gilt ein besonderes ­Hygienekonzept gemäß den rechtlichen Vorgaben des Berliner Senats. Nähere ­Angaben dazu erhalten Sie beim Anmelden.

Liveübertragung ab 19 Uhr

Die Diskussion wird zudem ab 19 Uhr live über den top agrar-YouTube-­Kanal www.youtube.com/topagrar übertragen.

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